Herausgeberinterview
„Tod und Trauer im Netz“

Grabstein mit QR-Code
 
 
 

Egal ob verstorbene Promis, Katastrophenopfer oder nahe Verwandte: Die Trauer um Tote findet auch und zunehmend im Internet statt.
Wir haben darüber mit den Herausgebern des Bandes „Tod und Trauer im Netz“, Thomas Klie und Ilona Nord, gesprochen.

QR-Codes auf Grabsteinen und virtuelle Grabkerzen im Internet: Sind das noch Spielereien von Einzelnen?

Klie: Ja, in gewisser Weise schon. Man „spielt“ mit den neuen medialen Möglichkeiten. Und mehrheitsfähig ist das natürlich noch nicht, aber wer weiß? In der Bestattungskultur steckt eine schier unglaubliche Dynamik.

Nord: Als ich 2008 in meinem Buch „Realitäten des Glaubens“ über virtuelle Friedhöfe schrieb, sah es so aus, als ob das ein Experiment ist, das wieder einschlafen wird. Das Gegenteil war der Fall, wie ja auch gerade jetzt einige Beiträge in unserem Buch zeigen. Der QR-Code wird nach meiner Prognose insbesondere im Bereich der Gedenkkultur für bedeutende Persönlichkeiten intensiv eingesetzt werden.

Kann man sagen, dass sich mit dem Medium auch die Botschaft ändert? Bringt der Wechsel in andere Medien automatisch neue oder veränderte Formen der Trauerkultur?

Umschlag von "Handbuch Schulpsychologie"Nord: Auch auf Trauerseiten im Internet findet man Formelsprache, wie sie etwa in Traueranzeigen in Zeitungen seit langer Zeit zu finden ist. Aber im Netz wird direkter und emotionaler kommuniziert, verstorbene Personen werden häufig auch mit „Du“ angesprochen. Dieser Trend zeitigt dann sogar Auswirkungen auf die älteren Trauermedien, so dass z.B. Zeitungsanzeigen ebenfalls diese „Du“-Kommunikationen aufweisen.

Klie: Ich bin mir sicher, dass die neuen medialen Formen auch andere Trauerkommunikationen hervorbringen. Dies zeigt sich ja schon an den Trauerblogs, an die virtuellen Friedhöfen im Netz und im Bereich der Internet-Seelsorge. Die Trauerkultur wird „schneller“ und bunter.

Sie betrachten zum „Tod im Netz“ nicht nur das Internet, sondern fragen allgemeiner nach Formen der medialen Kommunikation, auch beispielsweise in Film und Fotografie. Inwiefern hängt das alles miteinander zusammen?

Klie: Die Trauerkultur erweitert sich hier vor allem um bildgestützte Medien. Dies ist – zumindest im protestantischen Bereich – neu und ungewohnt. Aus Wort wird Bild, könnte man zugespitzt sagen.

Nord: Das Internet wird ja häufig als sogenanntes Neues Medium bezeichnet. Da könnte man denken, dass es andere Medien ablöst. Das Gegenteil ist der Fall: hier tritt ein Verbundmedium auf, in dem Filme, Texte, Fotos, Hörbeiträge bzw. Podcasts etc. nebeneinander und miteinander vernetzt genutzt werden.

Überwiegen nach Ihrer Einschätzung die Verluste oder doch die Gewinne dieser neuen Entwicklungen? Und was könnte uns in den nächsten Jahren noch erwarten?

Nord: Hinter der Frage nach Verlusten und Gewinnen steht oft die Annahme, dass nun häufiger im Netz als face-to-face kommuniziert wird. Diese Frage verengt aber den Horizont und, was sich noch schlechter auswirkt, sie lenkt von den eigentlichen Problemen, die Internet-Kommunikationen aufbringen, ab! Es geht darum, dass viel mehr als früher kommuniziert wird und diese zum Teil hoch persönlichen Kommunikationen, zum Beispiel im Bereich Trauer, sollten nicht kommerziell ausgeschlachtet werden können, indem etwa Big-Data-Strategien im Hintergrund laufen, die genau dies bewirken. Insofern geht es nicht um Gewinn und Verlust-Rechnungen, sondern darum, elektronisch gestützte Kommunikationen für einzelne Personen so sicher wie möglich zu machen. Dazu sind politische Initiativen, rechtliche Konditionen und exekutive Maßnahmen nötig. Die politischen Organisationen, die hieran arbeiten, müssen aber auch zivilgesellschaftlich gestärkt werden. Hier liegt m. E. in Zukunft die größte Herausforderung.

Klie: Eine Gewinn und Verlust-Rechnung geht meines Erachtens an der kulturellen Dynamik vorbei. Eine wichtige Erkenntnis unseres Buches ist die Pluralisierung und Komplexitätssteigerung im Bereich der Trauer. Und die vollzieht sich schlicht parallel zu gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen. Wer dabei was „gewinnt“ bzw. „verliert“, wird man ohnehin erst in einem gehörigen zeitlichen Abstand sagen können.

Wir danken Ihnen sehr für das Interview, Ihre Zeit und Mühe.

Das Interview führte Florian Specker.

Nachfolgend einige Links zum Weiterlesen:

welt.de: Wie der Tod den Weg ins Internet findet
digitur.de: Digitale Trauer Wie das Web 2.0 mit dem Tod umgeht
infranken.de: Das Facebook-Leben nach dem Tod – Trauern im Netz
tagesspiegel.de: Virtuelle Friedhoefe – Lebendiger trauern im Netz
gedenkseiten.de

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