Die Tudors

Professor Dr. Dieter BergAnlässlich des Erscheinens des Bandes Die Tudors von Professor Dr. Dieter Berg führten wir mit dem Autor das folgende schriftliche Interview:

Die Tudors bestimmten die Geschicke Englands und des Kontinents über 100 Jahre. Was waren die größten Erfolge und die größten Misserfolge der Tudor-Herrschaft?

Zu den größten Erfolgen zählen zum einen militärische Erfolge – etwa von Heinrich VII. bei dem Sieg über Richard III. bei Bosworth (wobei der Tudor hierzu selbst kaum aktiv beigetragen hat) und bei der Konstituierung der Dynastie, und von Elisabeth I. bei dem Erfolg gegen die Spanische Armada (die weniger am Kampf mit den Engländern als primär infolge widriger Witterungsumstände gescheitert ist). Hinzu kommt bei Heinrich VIII. die (eher zufällige) Gründung der Anglikanischen Kirche mit dem Herrscher als Oberhaupt, wobei spätere Könige zunehmend zu Schutzpatronen der protestantischen Bewegung auf dem Kontinent wurden. Zugleich gelang es den Tudor-Monarchen, ihr Reich vor den schweren Religionskämpfen zu bewahren, die besonders auf dem Kontinent tobten. Auch unterblieben weitgehend die schrecklichen Verfolgungen Andersgläubiger auf der Insel, während auf dem Kontinent Religionskriege – bis hin zum 30jährigen Krieg – an der Tagesordnung waren.
Zu den Misserfolgen ist zum einen eine weitgehend fehlgeschlagene Außenpolitik der Tudors auf dem Kontinent zu zählen, wo trotz beharrlichen militärischen Einsatzes keine bleibenden Erfolge zu verzeichnen waren und sogar die letzten englischen Festlandsbesitzungen verloren gingen – ein gravierendes (auch psychologisches) Problem für den entstehenden englischen Nationalismus. Hinzu kam bei diesen Aktionen der verfehlte Einsatz enormer Geldmittel, der mehrfach zum beinahe Staatsbankrott in England führte. – Zum anderen erwies sich die Politik der Tudors in Irland als völliger Fehlschlag, der die Grüne Insel weitgehend verwüstete, tausende Menschenleben kostete und dauerhaften Hass zwischen Iren und Engländern säte – mit Auswirkungen bis zum heutigen Tage.

Heinrich VIII. und Elisabeth I. kennt jeder, warum sollte man die anderen Herrscher kennen und sich mit Ihnen auseinandersetzen?

Umschlag von "Die Tudors. England und der Kontinent im 16. Jahrhundert"Unter den insgesamt fünf Tudor-Herrschern sind nicht nur Heinrich VIII. und Elisabeth I., sondern auch Heinrich VII. und Maria I. Schlüsselfiguren: Der erste Tudor, weil er nicht nur (mit etwas Glück) die Dynastie gründete, sondern vor allem durch geschickte Finanz- bzw. Innenpolitik dauerhafte Grundlagen für den Bestand seiner Herrschaft und der seines Hauses legte. Er stellte im Vergleich zu seinem lebenslustigen Sohn Heinrich VIII. den Anti-Typ eines Herrschers dar, der beharrlich um Machterhalt, aber auch um pflichtbewusste Herrschaftsausübung bemüht war – was ihn für einige Forscher zu einer spröden, „langweiligen” Persönlichkeit machte.
Die Herrschaft Marias I. – berüchtigt als „Bloody Mary” – war insofern von Bedeutung, als insbesondere durch ihre Ehe mit Philipp II. von Spanien das Inselreich in den habsburgischen Einflussreich zu geraten drohte. Wieder war es die englische Nobilität, welche ihre Interessen und die Unabhängigkeit des Inselreiches sogar gegen die Monarchin verteidigte. Zudem kam der Religionspolitik Marias (Rekatholisierung Englands) große Bedeutung zu, zumal die protestantischen Propagandisten im Umkreis ihrer Halbschwester Elisabeth I. Maria später zum Inbegriff einer Religionsfanatikerin und skrupellosen Protestanten-Mörderin machten, deren „schlechter Ruf” dauerhaft (bis heute) Bestand hatte – obwohl Heinrich VIII. viel mehr Personen wegen „Häresie” hinrichten ließ und Elisabeth I. etwa ebenso viele Menschen wegen „Ketzerei” töten ließ wie Maria. Diese war somit eines der wichtigsten Opfer elisabethanischer Propaganda – wie dies u.a. auch für Richard III. galt (Propaganda Shakespeares).

War England im 16. Jahrhundert durch seine Insellage isoliert oder nahmen die Tudors Einfluss auf Geschicke des Kontinents, wie Sie im Untertitel andeuten?

England befand sich naturgegeben in einer Insellage, die für die Tudors durchaus von Vorteil war: Sie konnten sich hierdurch einfacher von politischen Entwicklungen bzw. Konflikten auf dem Kontinent separieren; zudem hatten es kontinentale Gegner (etwa Philipp II.) schwerer, dort Invasionen durchzuführen.
Andererseits hatten die Tudors enge Kontakte zu den Herrschern in West- und Mitteleuropa, da sie nicht nur über einige wenige Kontinentalbesitzungen verfügten, sondern auch eine aktive Außenpolitik führten. So waren Heinrich VIII. und Elisabeth I. um die Schaffung eines Bündnissystems mit kontinentalen Herrschern bemüht – z.T. mit dem utopischen Ziel, die Besitzungen des Angevinischen Reiches (d.h. vor allem in Frankreich) wieder zu erlangen. Hinzu kamen religionspolitische Probleme in Frankreich und im Deutschen Reich, in welche die Tudors (wenn auch widerwillig) involviert wurden. Hierzu gehörten ferner außenpolitische Bündnismaßnahmen, um u.a. Invasionsversuche katholischer Mächte (bes. Philipp II.) zu verhindern. Obwohl England aufgrund seiner kleinen Bevölkerungszahl und der geringen ökonomischen Ressourcen eine eher „zweitrangige” Macht im Vergleich zum Habsburgerreich war, gelang es den Tudors, für kontinentale Herrscher als attraktive Bündnispartner zu fungieren und hierdurch Einfluss auf die politischen Entwicklungen auf dem Kontinent zu nehmen.

Fernsehserien wie Reign oder White Queen zeigen ein populäres Interesse an der Tudorzeit, was macht den historischen Stoff für die Populärkultur so interessant?

Wie in meinem Kapitel über die Rezeption der Tudors in Filmen etc. beschrieben, scheint mir die Motivation der Produzenten zur Schaffung derartiger Zeugnisse der Populärkultur vergleichsweise trivial zu sein:
In England bildet die Tudor-Zeit noch heute ein zentrales Element des „nationalen Erbes”, was sich u.a. in zahllosen Dokumentationen zu einzelnen Herrschern sowie zur Dynastie zeigt (vgl. die Filme von Starkey). Diese Epoche stellt für das englische Selbstverständnis eine Periode „nationaler Größe” dar, der man sich – auch aufgrund des stärkeren Geschichtsbewusstseins in England – angesichts der aktuellen politischen und sozialen Lage im Inselreich immer wieder gerne vergewissert.
In Deutschland besteht diese Tradition verständlicherweise nicht – hier kommen andere Elemente ins Spiel: So m.E. das Interesse eines großen Publikums an der Geschichte des Königtums (auch wirksam in der anhaltenden Verehrung von Elisabeth II. in Deutschland), wobei man vielleicht (wenn auch unbewusst) sehnsüchtig auf alte, verschüttete monarchistische Traditionen im Deutschen Reich zurückgreift bzw. an diese anknüpft. Zudem erscheint das Leben eines absolutistischen Herrschers wie Heinrich VIII., der nicht nur über immensen Reichtum und einen prachtvollen Hof verfügte, sondern sogar nach Belieben über Tod und Leben der Untertanen bestimmen konnte, für heutige Zuschauer interessant und vielleicht etwas „gruselig”. Hinzu kommen dabei Elemente von „sex and crime”, indem Heinrich offensichtlich skrupellos über das Leben seiner Ehefrauen bestimmte und hierbei (angeblich) nur seine Machtgier und seine Lüsternheit auslebte. Gleiches gilt für das Bild von Elisabeth I. (die „jungfräuliche Königin”), bei der vor allem ihr angebliches Liebesleben im Vordergrund stand (was historisch eher sekundär war).
Eine auch nur teilweise Rezeption der historischen Forschung, welche diese Bilder relativieren und die wirklichen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der Zeit verdeutlichen könnte, unterblieb konsequent; vielmehr war man an der weiteren Tradierung überkommener Bilder der Tudor-Herrschaft interessiert, weil man meinte, hiermit dem (angeblichen) Geschmack des breiten Publikums zu entsprechen. Dies scheint sich auf absehbare Zeit auch nicht zu ändern, da man sich weiterhin auf die Tradierung etablierter Elemente überkommener Herrscherbilder beschränkt und diese dem (angeblichen) Geschmack der Zeit (durch intensive Darstellung von Gewalt und Sex) anzupassen sucht.

Was hat Sie persönlich am meisten am Zeitalter der Tudors interessiert?

Dies betrifft zum einen die völlig unterschiedlichen Herrscherpersönlichkeiten, wobei verständlicherweise Elisabeth I. und Heinrich VIII., über den ich bereits eine Biographie in Ihrem Verlag veröffentlicht habe, dominierten. Hierbei waren ihr herrscherliches Selbstverständnis und die Entwicklung absolutistischer Herrschaftspraktiken ebenso von Bedeutung wie die Skrupellosigkeit, mit der man die „einfache Bevölkerung” ausbeutete und im Elend leben ließ; die ansatzweisen Versuche einer Armengesetzgebung unter Elisabeth I. können diesen verheerenden Gesamteindruck nicht korrigieren. Zum anderen waren mir die Leistungen der Tudors in den Bereichen von Finanzen, Wirtschaft und Technik von Wichtigkeit, wobei mich vor allem die Innovationen im Bereich der Architektur beeindruckten (vgl. Westminster Abbey, Hampton Court). Zudem bleiben die kulturellen Leistungen diese Epoche unbestreitbar und unvergänglich, wenn man an die Entwicklungen in der Bildenden Kunst, in der Malerei und in der Literatur denkt.
Hierbei sollte aber nicht übersehen werden, welche Rolle der Adel und das Bürgertum spielten, die in hohem Maße Patronage ausübten und für die Künste phasenweise eine größere Bedeutung als der Königliche Hof besaßen. Hierzu gehört auch, dass man sich bei der Betrachtung der Tudor-Zeit nicht nur auf einzelne Herrscher bzw. den Hof konzentrieren, sondern auch die Leistungen der maßgebenden Minister (wie Wolsey und Cromwell) berücksichtigen sollte; ohne diese wären weder zentrale (verfassungs-)rechtliche Entwicklungen noch Innovationen im Bereich von Finanzen und Wirtschaft sowie in der Kirchenpolitik (mit der Schaffung der Anglikanischen Kirche) möglich gewesen.
Die Verdienste dieser Persönlichkeiten für das Königtum und das englische Reich wird man kaum überschätzen können.

Ich danke Ihnen für Ihre Mühe und Zeit.

Das Interview führte Dr. Daniel Kuhn.

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