Blickrichtungswechsel

Blickrichtungswechsel DemenzLernen mit und von Menschen mit Demenz

Frau Schröder, Sie widmen sich seit vielen Jahren Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Gab es eine bestimmte Begegnung oder ein bestimmtes Ereignis, das Sie dazu geführt hat, sich so intensiv mit der Demenz und ihren Folgen für den Betroffenen und sein soziales Umfeld auseinanderzusetzen?

Zur Jahrtausendwende habe ich mit Martha Soltek, die nach einem Schlaganfall zunehmend dement und pflegebedürftig wurde, in ihrer Stadtwohnung zusammen gelebt. Sie hat mir die Türen zu Menschen mit Demenz geöffnet. Damals steckte ich mit meiner Haltung diesbezüglich noch in den Kinderschuhen.

BlickrichtungswechselSie stoßen mit Ihrem Buch einen Blickrichtungswechsel an. Von wo nach wo muss die Blickrichtung eigentlich gewechselt werden?

Wir sind gewohnt, Menschen mit Demenz als Kranke zu sehen und betonen das Defizitäre. Diese Menschen verändern sich und sind nicht mehr gesellschaftskonform, denn sie leben in einer anderen Daseinsebene. Eines meiner Anliegen ist, dass nicht von Demenzkranken gesprochen wird, sondern von Menschen mit Demenz. Sie sind ein Teil unserer Gesellschaft und gehören in unsere Mitte.

Ich bin wie ein Stein des Anstoßes und mehr will ich nicht. Dieser Weg der Veränderung ist für alle sehr schwer, deshalb will ich es nicht noch schwerer machen, sondern Leichtigkeit leben lehren. Menschen mit Demenz bringen mich in Beziehung zu mir selbst. Sie beleben meine verkümmerte emotionale Sichtweise. Die größte Herausforderung ist, sich selbst zu vertrauen, mutig zu sich selbst zu stehen und eigenverantwortlich den Weg zu gehen, um achtsam Menschen mit Demenz zu begleiten. Das ist ein Blick von innen nach außen, ein Blickrichtungswechsel. Er befreit von der Dualität und von der Denkweise „Schwarz-Weiß/Richtig-Falsch/Entweder-Oder“.

Angehörige, die Ihre an Demenz erkrankten Verwandten pflegen, stehen oft unter einem großen Druck. Einerseits verlieren Sie in gewissen Bereichen die gewohnte Verbindung zu einem geliebten Menschen, zum anderen wird mit der Zeit der Betreuungsaufwand zunehmend höher. In Ihrem Buch Blickrichtungswechsel raten Sie Angehörigen, sich gut auch um sich selbst zu kümmern. Wie kann das aussehen?

Nur wer gut für sich selbst sorgt, sorgt gut für seine Umgebung. Selbstsorge beinhaltet Nein sagen zu lernen, Zeit für sich selbst zu nehmen, aufzutanken und fit zu bleiben. Energieräuber sind zu meiden dafür ist es sinnvoll sich mit Energiespendern zu verbinden. Gut für sich selbst zu sorgen, verlangt zu den eigenen Grenzen zu stehen, Unterstützung, Beratung, Begleitangebote anzunehmen und Neues zu wagen. Es genügt nicht, es gut zu meinen, und sich selbst gegenüber nicht gut zu sein.

„Liebe ist die Sprache,die alle, ?
auch die Menschen mit Demenz verstehen.“

Brigitta Schröder, Blickrichtungswechsel

Menschen mit Demenz zu begleiten ist eine enorme Herausforderung. Kann es dennoch Lichtblicke geben? Wie schafft man es wieder, gemeinsam zu lachen?

Es ist eine besondere Herausforderung sich in die Daseinsebene der Menschen mit Demenz zu begeben und einen Rollentausch vorzunehmen. Wer bereit ist, Vergangenes loszulassen und Ballast abzuwerfen, ist frei mit Phantasie, Kreativität und Flexibilität jeden Moment neu anzufangen. Das Schwerste ist, dass der Blickrichtungswechsel bei jedem persönlich beginnt. Ich kann den andern nicht verändern, nur ich selbst kann mich verändern. Das verändert die Situation. Dort sind die Wurzeln des Lachens zu finden. Lachen ist bekanntlich die beste Medizin.

Das Kapitel „Voneinander lernen“ zeigt viele Beispiele auf, wie wir mit und von Demenzerkrankten lernen können. Können Sie uns ein Beispiel geben?

Ich will diese Beispiele nicht wiederholen, sondern aufzeigen, was ich lerne. Ich ärgere mich weniger, lasse mich weniger verletzen, kann über mich lachen und übe mich in der Fehlerfreundlichkeit. Ich erlebe wie Worte bei Menschen mit Demenz nicht mehr dominieren, sondern wie das Nonverbale, also die Berührung, Gestik und Mimik mehr Raum bekommt. Durch die Begegnung mit Menschen mit Demenz habe ich meine verkümmerte emotionale Ebene beleben können und mich in meiner Vielschichtigkeit neu erlebt. Sich abgrenzen, das Nein sagen, gehört auch dazu. Je länger ich mich für Menschen mit Demenz einsetze, desto reicher, lebendiger und freier fühle ich mich.

„Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, ?
sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“
Lucius Seneca

Brigitta Schöder ergänzt hierzu:
„Wer sich Zeit nimmt, gewinnt Zeit.“

In Kursen und Workshops bilden Sie zum Thema Demenz aus. Was lernen die angehenden Alltagsbegleiter/innen dort von Ihnen?

Auch da wird wieBrigitta Schro?der Klangschaleder ein Blickrichtungswechsel sichtbar. Ich bin nicht die Lehrende, sondern es ist ein Miteinander und ein auf dem Weg sein. Durch diese Haltung wächst ein Geben und Nehmen, eine gegenseitige Ermutigung, um dran zu bleiben, die Schätze, die in uns allen schlummern -auch bei Menschen mit Demenz- zu entdecken und sich daran zu freuen.

Mein Anliegen ist Schätze zu suchen und Schätze zu finden.

Brigitta Schröder, Krankenschwester und Schweizer Diakonisse, ist Supervisorin DGSv, Lebens- und Trauerbegleiterin. Besuchen Sie die Webseite von Brigitta Schröder. www.demenz-entdecken.de

Das Interview führte Joanna Amor.

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