Die vielen Farben des Autismus

Dr. med. Thomas Girsberger In den letzten Jahren gewinnt das Thema Autismus sowohl unter Fachleuten als auch in der breiten Öffentlichkeit enorm an Bedeutung. Können Sie uns in kurzen Worten erklären, was Autismus ist?

Unter dem Begriff Autismus fasst man, kurz gesagt, ein Wahrnehmen und Denken zusammen, welches von der Norm (neurotypisch) abweicht. Die Wahrnehmung ist dabei geprägt durch a) eine Bevorzugung von Details gegenüber dem Ganzen, b) einer Beschränkung auf einen Sinneskanal zur gleichen Zeit, und c) einer generellen Bevorzugung des visuellen Kanals. Dies führt zu einer besonderen Art von Denken, welche gut geeignet ist für das Lösen von logischen Problemen, für das Forschen und Tüfteln, aber schlecht geeignet für die zwischenmenschliche Kommunikation und den Umgang mit intuitiven und emotionalen Vorgängen. Da diese Besonderheiten sehr unterschiedlich ausgeprägt und auch oft mit zusätzlichen leichten bis schweren Beeinträchtigungen verbunden sein können, spricht man von einem Autismus-Spektrum. Es enthält zwei Pole, den klassischen oder frühkindlichen Autismus und das Asperger-Syndrom.

Wie kann man Autismus und das Asperger-Syndrom voneinander abgrenzen?

Der grosse Unterschied liegt primär bei den sprachlichen Fähigkeiten und in zweiter Linie bei den intellektuellen Fähigkeiten. Menschen mit Asperger-Syndrom beherrschen die Sprache gut und können sich in der Regel gut ausdrücken. Sie verfügen über eine zumindest durchschnittliche Intelligenz und können in der Schule meist die normalen Lernziele erreichen. Ihre Chancen, später auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Beschäftigung zu finden, sind grundsätzlich intakt. Menschen mit frühkindlichem Autismus hingegen sind meist deutlicher beeinträchtigt, sowohl was die Sprache wie auch die intellektuellen bzw. schulischen Fähigkeiten betrifft. Sie finden später vorwiegend eine Beschäftigung im zweiten Arbeitsmarkt.

Die vielen Farben des Autismus | KohlhammerIn Ihrem Buch „Die vielen Farben des Autismus“ schreiben Sie, dass es sinnvoll ist, alle psychischen Probleme von der Entstehung oder Disposition her auf eine neurologische Grundlage zu stellen. Können Sie dies näher erklären?

Ich gehe vom Grundsatz aus, dass Körper und Geist bzw. Körper und Psyche letztlich eine Einheit darstellen. Alle psychischen oder mentalen Vorgänge basieren auf Hirnstrukturen und Hirnfunktionen. Und so, wie es körperlich starke/robuste und eher schwächliche Konstitutionen gibt, gibt es auch psychisch starke und verletzliche Konstitutionen. Ein guter Kollege und Freund von mir nennt letztere „hochsensibel“ oder auch „dünnhäutig“. Solche Eigenschaften sind offensichtlich genetisch bedingt und haben eine neurologische Grundlage. Ich bin der Meinung, dass dünnhäutige Menschen, und dazu gehören offensichtlich auch jene mit Autismus, sehr viel stressanfälliger sind als neurotypische Menschen. Verschiedene Formen von psychischen Störungen bzw. Problemen sind demnach letztlich Folgen von übermässigem Stress bei diesen anfälligen Menschen. Stress kann dabei vielfältige Formen annehmen, kann mehr von aussen aufgezwungen sein oder durch eigene hohe Ansprüche entstehen.

Herr Dr. Girsberger, Sie sind Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und arbeiten seit 25 Jahren in eigener Praxis. Ihre Schwerpunkte sind ADHS und das Autismus-Spektrum. In Ihrem Buch benennen Sie den Systemischen Ansatz als das Paradebeispiel für die Autismus-Therapie. Können Sie uns kurz erklären, was der Systemische Ansatz ist und wie dieser im Besonderen bei Autismus helfen kann?

Die klassische Psychotherapie ging traditionsgemäss von einem Ansatz aus, der auf das Individuum, die einzelne Person, zentriert war. Freud schuf mit seinen Konstrukten des Es, Ich und Überich ein Konzept, welches davon ausging, dass psychische Störungen durch Konflikte zwischen diesen innerpsychischen Instanzen entstehen. Das mag zu Freuds Zeiten ein hilfreicher Ansatz gewesen sein, heute ist dies jedoch anders, insbesondere bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum. Diese Menschen haben keine psychische Störung, sondern sie müssen lernen, mit ihrem Anderssein zurechtzukommen und sich trotz dieses Andersseins in ihrer Umwelt zurechtzufinden. Dazu brauchen sie von klein auf Unterstützung: von den Eltern, von Lehrpersonen, von Angeboten wie Ergotherapie oder Logopädie, später von Job-Coaches und anderen Hilfestellungen. Die Aufgabe des Autismus-Experten ist es, all diese unterstützenden Personen und Angebote zu instruieren, zu koordinieren und weiterzubilden. Und genau eine solche Vorgehensweise nennt man systemisch. Das System des Menschen mit Autismus ist das Netz an Personen um ihn herum: Familie, Lehrpersonen, usw. Ein systemischer Therapeut „behandelt“ also primär dieses Netz und nicht das Individuum.

Ihr Werk „Die vielen Farben des Autismus“ enthält auch praktische Anleitungen. Welchen Rat haben Sie für den Umgang mit Sturheit und Verweigerung?

Es ist immer etwas heikel, auf eine so komplexe Problematik mit ein paar wenigen Sätzen zu antworten. Auch in meinem Buch werden dazu in erster Linie Denkanstösse gegeben, die in anderen Werken ausführlicher behandelt werden. Aber kurz gesagt ist es sehr wichtig, dass die erziehende Person eine ruhige und distanzierte Haltung einnimmt. Nicht „sich durchsetzen“ oder „klare Aufforderungen geben“ sind gefragt (wie beim ADHS!), sondern ruhig, aber beharrlich bleiben. Wenn nötig einen Schritt zurückmachen, eine Pause machen, und dann mit dem gleichen Anliegen wiederkommen, wenn möglich verhandeln; der Sturheit des Betroffenen wird also mit Flexibilität begegnet, und seiner „Aufgeregtheit“ mit Ruhe. Menschen mit Autismus werden stur und bockig, wenn sie gestresst sind, also muss in erster Linie der Stress reduziert werden, bevor man irgendetwas erreichen kann.

Noch eine letzte Frage, was möchten Sie dem Leser mitgeben, bevor er Ihr Buch aufschlägt und liest?

Autismus ist ein komplexes und vielfältiges Phänomen, deshalb heisst mein Buch „Die vielen Farben des Autismus„. Jeder Leser sollte von der Idee Abstand nehmen, dass es DEN Autismus gibt und dass dieser allgemeingültige Eigenschaften aufweist. Manche Menschen mit Autismus sind rasch als solche erkennbar, andere können sich – oberflächlich gesehen – völlig normal benehmen. Es gibt KEIN Symptom bzw. Phänomen, dass zwingend bei allen von Autismus Betroffenen vorkommen muss und dessen Fehlen dann ein sogenanntes Ausschlusskriterium wäre.

Für Ihre Zeit und Mühe bedanken wir uns sehr herzlich.

Dr. med. Thomas Girsberger ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er arbeitet seit 25 Jahren in eigener Praxis in der Nähe von Basel. Seine Schwerpunkte sind ADHS und Autismus-Spektrum. Besuchen sie die Webseite der Praxis Girsberger: www.praxisgirsberger.ch

Hier können Sie einen Vortrag von Herrn Dr. med. Girsberger downloaden.
Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen: Folgen fu¨r die Familie

Weitere Fachliteratur zu Autismus-Spektrum-Störungen finden Sie hier.

Das Internet ist für Eltern von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen wie
auch für erwachsene Betroffene eine große Hilfe. Es werden hier für jedes Land Internet-Adressen von Selbsthilfe-Vereinen und -Foren aufgezählt, über welche dann wiederum eine Vielzahl von Informationen, Angeboten, Abklärungsstellen usw. gefunden werden können.

Elternvereine und Selbsthilfegruppen
www.aspergerhilfe.ch
www.autismushilfe.ch
www.autismus.ch
www.autismus.de
www.aspies.de
www.autistenhilfe.at

Internet-Foren
www.autismusforumschweiz.ch
www.asperger-forum.ch
www.asperger-forum.de
www.autismus.at

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