Migration und soziale Arbeit

Prof. Dr. Ayça PolatZur Neuerscheinung in unserer Reihe „Grundwissen Soziale Arbeit“: Interview mit Prof. Dr. Ayça Polat, Herausgeberin von „Migration und Soziale Arbeit. Wissen, Haltung, Handlung

Liebe Frau Professorin Polat, Sie sind Herausgeberin des Buchs „Migration und Soziale Arbeit. Wissen, Haltung, Handlung“, das Grundlegendes über die rechtlichen Rahmenbedingungen, aber auch konkrete Handlungsmöglichkeiten, beispielsweise für die Arbeit mit Geflüchteten, vermittelt. Welche Auswirkungen hat die große Zahl von Geflüchteten in Deutschland für die Soziale Arbeit?

Die gegenwärtige Asylpolitik vieler EU-Länder ist davon geprägt, sich der Verantwortung für die Umsetzung von völkerrechtlichen Verpflichtungen, wie z.B. der Genfer Flüchtlingskonvention, zu entziehen. Konkret bedeutet es, die Aufnahme von Geflüchteten auf das Minimum zu beschränken und im Zuge von schnellen Asylverfahren möglichst viele aus sogenannten ‚sicheren Herkunftsstaaten‘ wieder abzuschieben. Sozialarbeitende sind in diesem Zuge viel stärker gefordert, sich mit den politischen Rahmenbedingungen ihrer Arbeit und den damit zusammenhängenden bürokratischen und rechtlichen Hürden auseinanderzusetzen. Dies bedeutet in der Praxis, insbesondere in großen Unterkünften für Geflüchtete, dass kaum Zeit dafür bleibt, Perspektiven von und mit den Geflüchteten zu entwickeln bzw. Konzepte umzusetzen.

Wie muss die Soziale Arbeit auf die aktuelle Situation reagieren?

Umschlag von "Werte machen Schule. Lernen für eine offene Gesellschaft" Für professionelle Akteur*innen der Sozialen Arbeit ist es wichtig, sich auf den Grundlagen einer menschenrechtsbasierten Sozialen Arbeit gegenüber ausschließenden und diskriminierenden politischen Entscheidungen und (rechts-)populistischen Aussagen kritisch zu positionieren und entsprechende Handlungsansätze zu entwickeln. Das bedeutet auch, im Sinne der Sozialarbeitswissenschaftlerin Silvia Staub-Bernasconi, eine Erweiterung des Doppelmandats um das dritte Mandat in das Professionsverständnis bewusst aufzunehmen. Das dritte Mandat beinhaltet eine Arbeitsweise, die wissenschaftsbegründet ist und auf der Basis eines unabhängigen Berufskodex (ethische Basis) vorgeht. Daher halte ich die Vermittlung von Grundlagenwissen zu Migration und Flucht sowie zu professioneller Selbstreflexivität im Umgang mit eigenen Perspektiven und Haltungen für sehr zentral in der Ausbildung von Sozialarbeiter*innen.

Welche neuen Konzepte entstehen aktuell in der Migrationssozialarbeit?

Gerade für den Kontext von Flucht, Migration und Soziale Arbeit finde ich die Handlungsanforderungen, die in einem Positionspapier zur Unterbringung und Versorgung von Geflüchteten in Gemeinschaftsunterkünften durch viele Kolleg*innen (http://www.fluechtlingssozialarbeit.de) zum Ausdruck gebracht worden sind, für sehr zukunftsweisend. Aus dieser Initiative ist eine Fachgruppe „Flucht, Migration und Rassismuskritik“ in der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit entstanden, die im Rahmen der nächsten Jahrestagung der DGSA ihre Ziele und Aktivitäten genauer ausformulieren wird. Im Kern geht es darum, die fachliche Positionierung zu Theorien und Handlungsansätzen in der Migrationssozialarbeit weiter zu entwickeln. Also sich u. a. den Fragen zu widmen, welche rassismus- und migrationsbezogenen sowie menschenrechtsbasierten Wissensbestände und Kompetenzen angehende Sozialarbeiter*innen brauchen und wie diese didaktisch in der hochschulischen Ausbildung und der Fort- und Weiterbildung vermittelt werden können. Im Zentrum stehen rassismuskritische und diversitätsbewusste Perspektiven und Handlungsansätze. Diese Ansätze finden in dem Band „Migration und Soziale Arbeit“ auch ihren Ausdruck.

Wie verändert die aktuelle Situation das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit?

Für das Selbstverständnis von Sozialarbeiter*innen ist es wichtig, die Hintergründe für Flucht und Migrationsprozesse zu kennen und Migration als „normative Kraft des Faktischen“ (Ludger Pries) anzuerkennen. Daraus folgt, dass Migrationsprozesse als „Normalfälle“ (Klaus Jürgen Bade) betrachtet werden und nicht als Hauptursache für gesellschaftliche Probleme. Diese entstehen erst durch gesellschaftliche und politische Strukturen, die Ausschlüsse erzeugen und Migrant*innen bzw. Geflüchtete zu Benachteiligten machen. Für Sozialarbeitende bedeutet dies, im Sinne der international anerkannten Definition von Sozialer Arbeit, sich den Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit, der Menschenrechte, gemeinsamer Verantwortung und Achtung der Vielfalt verpflichtet zu fühlen und sich von illegitimen Interessen und Forderungen kritisch zu distanzieren (Stichwort „Tripelmandat“, das die individuellen Bedürfnisse der Klient*innen, die eigene Profession sowie die Bedingungen der Sozialpolitik umfasst).

Kommt es zu einer Konkurrenz innerhalb des Klientel in den Tätigkeitsfeldern der Sozialen Arbeit? Wie kann darauf reagiert werden?

Eine Konkurrenzsituation zwischen unterschiedlichen gesellschaftlich marginalisierten Gruppen kann leider nicht ausgeschlossen werden. Dies ist auch ein Ergebnis von speziellen Angeboten für besondere Zielgruppen, die in der Sozialen Arbeit mit der Intention lebenswelt- und adressat*innenorientiert arbeiten zu wollen, konzipiert worden sind. Damit ist das Dilemma verbunden, einerseits auf spezielle Bedarfe reagieren zu wollen und auf der anderen Seite ‚Schubladen‘ und Differenzen zwischen Adressat*innen zu erzeugen. Diese können sich dann unglücklicherweise auch in Konkurrenz zueinander sehen. Dieses Dilemma wird sich nicht vollständig auflösen lassen, weil adressat*innenspezifische Angebote oftmals ihre gute Berechtigung haben. Dennoch ist es wichtig, Geflüchtete und Migrant*innen, im inklusiven Sinne, als Zielgruppen von Regelangeboten zu begreifen und spezielle Angebote als Ausnahmen von der Regel anzubieten. Diese Entscheidungen sollten nicht ohne die Adressat*innen getroffen werden, sondern partizipativ mit ihnen.

Was ist der gesellschaftspolitische Auftrag der Sozialen Arbeit im Hinblick auf Migration?

Die Sensibilisierung für Strukturen und Mechanismen von gesellschaftlicher Ausgrenzung sowie den aktiven Einsatz für Teilhabe- und Partizipationschancen von Geflüchteten und Migrant*innen halte ich für zentrale gesellschaftspolitische Referenzen migrationsbezogener Sozialer Arbeit.

Ich danke Ihnen für Ihre Mühe und Ihre Zeit.

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