Akupressur in der Pflege „Begleitende Hände“

Dorothee Wellens-Mücher	Frau Wellens-Mücher, Sie sind Altenpflegerin, Heilpraktikerin und studieren seit 1980 Akupressur und Qi Gong. Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie dazu gebracht hat, sich näher mit der Traditionellen Chinesischen Medizin auseinanderzusetzen?

In meinem ersten Beruf arbeitete ich als MTA in einer großen Röntgenabteilung. 1981 sollt ich dort  als Fach MTA die CT-Untersuchungen übernehmen. Die Vorstellung, mit den Patienten nur noch über eine Sprechanlage zu kommunizieren machte mir Probleme. Mir wurde klar, dass ich das Bedürfnis nach einem direkteren Kontakt mit den von mir betreuten Personen hatte. Ich begann, nach Möglichkeiten der ganzheitlichen Betreuung und Behandlung zu suchen. Auf dieser Suche begegnete ich der Akupressur und parallel entschied ich mich, Altenpflegerin zu werden. Schon in meiner Ausbildung konnte ich Akupressur anwenden und meine ersten Erfahrung in der Pflege machen.

Können Sie uns in kurzen Worten beschreiben, was Akupressur ist und wie sie wirkt?

Die Akupressur gehört zu den ältesten Methoden, durch die Menschen in ihrem  Gesundungsprozess unterstützen werden können. Heute wird sie auf viele verschiedene Arten praktiziert, die aber einige Gemeinsamkeiten aufweisen. Alle sprechen die Lebenskraft qi an, die in der Vorstellung den fernöstlichen Lehren den Menschen entlang von Leitbahnen (Meridianen) durchströmt. Dabei verdichtet qi sich, und diese Verdichtungen sind als Punkte deutlich zu spüren. Bei der Akupressur wird nun Druck auf diese Punkte oder auch entlang der Leitbahnen ausgeübt, um bei Störungen den Fluss des qi zu regulieren, oder anders ausgedrückt: die dem Menschen innewohnende Fähigkeit zur Selbstregulation anzuregen. Da qi die Kraft ist, die allen körperlichen, geistigen, seelischen und spirituellen Prozessen im Menschen zugrunde liegt, wirkt die Akupressur auf all diese Aspekte und spricht somit den Menschen in seiner Ganzheit.

Akupressur in Pflege und BetreuungVor kurzem erschien Ihr Werk „Akupressur in Pflege und Betreuung. Praktische Anwendung des Konzepts ‚Begleitende Hände„. Was genau beinhaltet das Konzept der „Begleitenden Hände“ und wo findet es Anwendung?

Dieses Konzept hat sich durch das Zusammentragen jahrelanger praktischer Erfahrungen entwickelt. Es fügt unterschiedliche Arten der Akupressur so zusammen, dass für die Praxis kurze, effektive und leicht zu erlernende Punktkombinationen für viele Symptome zur Verfügung stehen. Dazu gehören zum Beispiel Übelkeit, Kreislaufinstabilität, Atemprobleme, Ödeme, Verdauungsstörungen, Spastik und Kontrakturen. Aber auch Angst, Unruhe, Übererregtheit und Schlaflosigkeit lassen sich regulieren. Die Punkte werden mit sehr leichtem Druck gehalten, dabei ruhen die Finger auf den Punkten. Durch die ruhende Berührung entsteht ein Kontakt, der eine Atmosphäre schafft, in der der Patient Zuwendung, Gehaltensein und Unterstützung erlebt, was die Wirkung der Punkte verstärkt. Am Anfang wurde dieses Konzept hauptsächlich im Bereich der Hospiz- und  Palliativpflege eingesetzt. Mittlerweile wird es auch in der Altenpflege und in der Betreuung mehrfach behinderter Menschen zur Symptomlinderung genutzt. Die Akupressur wird in diesen Zusammenhängen von Ärzten, Pflege- und Betreuungskräften, Physio- und Ergotherapeuten sowie in begrenztem Rahmen auch von Ehrenamtlichen durchgeführt.

Im Kapitel Demenz von „Akupressur in Pflege und Betreuung“ berichten Sie von der Wirksamkeit von Akupressur auf Demenzkranke. Welche Symptome der Demenz können mithilfe der Akupressur gelindert werden?

Die wohl wichtigsten Symptome sind Angst, Unruhe und Agitiertheit mit all den daraus folgenden Problemen. Wird z.B. schon bei den ersten Anzeichen von Angst oder Unruhe eine kurze Akupressur-Sequenz angewendet, tritt das Symptom oft nur in abgemilderter Form oder im besten Falle gar nicht auf. Aber auch in Situationen von akuter Angst und Unruhe können relativ schnell entschärft werden. Bei Menschen mit einer weit fortgeschrittenen Demenz kommt es häufig zu Kontrakturen.  Akupressur kann in die Kontrakturprophylaxe und -behandlung integriert werden und diese unterstützen. Es ist aber auch wichtig zu sagen, dass Akupressur bei diesen Patienten nicht immer wirkt. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass Menschen mit Demenz aufgrund von Veränderungen im Frontalhirn meist nicht auf Akupressur reagieren.

Auch in der finalen Phase, so beschreiben Sie, kann Akupressur helfen oder gar begleiten. Wie können Sie in palliativen Phasen helfen?

Die oben erwähnten Symptome treten ja zum Teil auch in der finalen Phase auf. Besonders belastend sind Angst, Unruhe und Atemnot aber auch quälender Schluckauf, Erbrechen oder zähe Verschleimungen in der Lunge. Bei all diesen Problemen kann die Akupressur hilfreich sein. Nicht alle Sterbenden reagieren auf die Akupressur, aber es gibt viele positive Erfahrungen, die dazu ermutigen, einen Behandlungsversuch zu unternehmen. Wird dabei sehr genau auf die Reaktion des Patienten geachtet, so ist gut zu erkennen, ob die Akupressur hilfreich ist. Wenn ja, so ist es noch einmal besonders schön, Angehörige in die Behandlung mit einzubeziehen.

Sie begründeten die Schule MediAkupress®. Welche Kurse und Qualifizierungen bieten Sie dort an?

Am häufigsten schulen wir Teams im Rahmen von Inhouse-Schulungen. Dort werden die Inhalte von den jeweiligen Teams selber gewählt. Bei einigen Veranstaltern unterrichten wir einen Tag  im Rahmen von Palliative Care Kursen. Außerdem bieten Weiterbildungsanbieter und Akademien MediAkupress®-Kurse an. Bei den Weiterbildungen haben wir zwei unterschiedliche Schwerpunkte. Zum einen gibt es das Konzept „Begleitende Hände“, das sich hauptsächlich an Menschen in der Pflege und Betreuung richtet. Diese Kurse werden zunehmend auch von Physio- und Ergotherapeuten, Psychologen und Ärzten besucht. Sie beinhalten einen Basistag und darauf aufbauend ein Modul zum Thema Demenz, eines zu Spastik, Kontrakturen und Schmerz, eines zu den am häufigsten vorkommenden Symptomen. Alle Module können auch einzeln besucht werden. Nach Teilnahme an allen Modulen und einer Vertiefung ist ein Abschluss mit Zertifikat möglich. Zum anderen bieten wir eine 160stündige Fortbildung für Physio- und Ergotherapeutinnen an, die neben der Akupressur sowie der chinesischen Physiologie und Pathologie auch Qi Gong, also chinesische Atem- und Bewegungsübungen beinhaltet. Diese Fortbildung hat im Anschluss an die Basis-Kurse zwei weitere Module, die unabhängig voneinander auch einzeln besucht werden können.? Weitere Infos sowie alle Termine finden Sie unter www.mediakupress.de.

Herzlichen Dank für das Interview, Ihre Zeit und Mühe.

 

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