Kommunizieren in der Pflege

Sandra Mantz„Man kann nicht nicht kommunizieren“ sagt Paul Watzlawick. Wir kommunizieren also immer, selbst wenn wir gar nichts sagen. Sie befassen sich mit der Kommunikation in der Pflege. Warum hat im Beruf der Pflegekraft die Sprache eine so große Bedeutung?

Ganz einfach: Wer spricht, pflegt bereits. Pflegen ohne sprechen ist kaum möglich. Reden IST also bereits pflegen und Sprache IST wie Medizin. Der hilfebedürftige, kranke oder gar sterbende Mensch steht im Mittelpunkt allen Geschehens und ist auf  Worte, Aussagen und Ansprechpartner in der Klinik oder im Pflegeheim angewiesen.

Jedes Wort des Pflegenden wirkt. Einmal ausgesprochen holt er es nie wieder zurück. Mit Worten und Gesten kann ich in nur einer Sekunde einen anderen Menschen trösten, aufrichten, ermutigen oder zum Lachen bringen. In genau derselben Sekunde ist es möglich einen anderen Menschen zu kränken, zu ängstigen, zu beleidigen oder etwas in ihm zum Sterben zu bringen. Die menschliche Fähigkeit verbal und nonverbal zu kommunizieren ist unglaublich mächtig und birgt eine hohe Verantwortung für medizinisches und pflegendes Personal. Sicher liegt eine Herausforderung im Faktor Zeit. Die Anforderungen an Pflegepersonal ist enorm hoch, die Zeit für Gespräche sehr begrenzt. Nicht die Quantität zählt, sondern die Qualität eines Gespräches.

Lerne denken mit dem Herzen
und lerne fühlen mit dem Geist.“ (Theodor Fontane)

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Warum ist es so wichtig während den Pflegetätigkeiten zu sprechen?

Der Pflegende gestaltet mit seiner Kommunikation die Pflegebeziehung zum Patienten, Bewohner und Angehörigen. Er organisiert, informiert, berät, gibt Orientierung, klärt auf, beruhigt, leitet an, fragt nach, hört hin und pflegt damit Menschen, Kontakte, Abläufe und auch sich selbst.

Vertrauen, sich gut aufgehoben fühlen – menschlich und in der Fachkompetenz – ist enorm wichtig für den Heilungsprozess von Patienten. Ein würdiges Sterben beruht auf Empathie, Kongruenz und Wertschätzung der betreuenden Pflegekräfte und Ärzte.

Was kann man in der Pflege mit „gepflegter“ Sprache erreichen und was wird mit „ungepflegter“ Sprache verschlechtert?

Eine gepflegte Sprache ist im Besonderen eine gewählte Sprache. Sie hat weniger etwas mit „schön sprechen“ als vielmehr mit „bewusstem Sprechen“ zu tun. Der Gewinn liegt klar auf der Hand:

?     Der Gesprächspartner fühlt sich verstanden.
?     Ich erspare mir „Ärger“ und „Beschwerden“
?     Ich bringe meine Kompetenzen zu einem guten Ausdruck.

Ich motiviere Patienten, Bewohner und Angehörige zu Kooperationen, ich fördere eine qualitativ hohe Teamarbeit – auch im interdisziplinären Team und ich tue mir selbst auch noch etwas Gutes: Ich schütze mich in hoch emotionalen Situationen, die im Pflegealltag sicherlich häufig vorkommen. Die Folge einer „ungepflegten“ meist eher eine „unbewusste“ Sprache sind unmittelbar und kräftezehrend für alle Beteiligten. Es entstehen zahlreiche Missverständnisse, Macht und Ohnmachtssituationen, Anhäufung von Beschwerden, Ausgrenzung und Ignoranz im Dialog, Erschöpfung und hohe Krankheitsraten (Personal), fehlende Wertschätzung und Empathie. Die Folge sind eine deutlich verengte Wahrnehmung (Stress + Druck) und hohe Rivalität und Konkurrenz in Teams (auch interdisziplinär). Selbst fachliche Kompetenzen werden durch eine „schlechte“ Kommunikation geschmälert.

Schon bei der Begrüßung entscheidet sich, ob der Kontakt von Vertrauen oder aber von Misstrauen geprägt sein wird.

Gibt es Alarmsignale, die auf schlechte Kommunikation in einem Pflegeteam hinweisen?

Ja, eindeutig. Zeichen für unbewusste Denk- und Sprachmuster sind leicht zu erkennen: Rufen über den Flur. Lautes Sprechen bei offenen Türen. Halbe und verschachtelte Sätze. Es sind kaum Namen von Patienten, Bewohnern oder Kollegen zu hören. Menschen grüßen einander nicht, stellen sich nicht oder nur flüchtig vor. Der häufige Gebrauch der Worte „müssen und schnell“ produzieren zusätzlichen Druck und Hektik. Auch ein floskelhaftes Sprechen und fehlender Blickkontakt der Gesprächspartner sind Alarmsignale, die die Qualität der Kommunikation mindern. Schnelles Sprechen, nicht ausreden lassen, über jemanden statt mit oder von ihm zu reden. Kurze und genervte Antworten und fehlendes Lachen.

Sollte man in der Kommunikation mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, besondere Dinge beachten?

Ja, unbedingt. Alte und sehr alte Menschen bedürfen einer hohen Gesprächskompetenz von Pflegenden. Sie bauen die Brücken in die Welt der demenziell erkrankten Menschen und bringen damit „das Leben selbst“ zu dem pflegebedürftigen Menschen. Stellen Sie sich das bitte vor, wie eine „Einbahnstraße“. Ich kann in die Welt des alten Menschen verbal und emotional gehen, er kann jedoch nicht mehr in meine (Gesprächs- und Gedanken-) Welt kommen. Er nimmt absolut wörtlich, was ich sage. Er ist nicht mehr in der Lage zu übersetzen, was ich möglicherweise meine. Ich aktiviere mit meinen Worten in ihm Erinnerungen und Bilder seiner Lebensgeschichte. Mit Blick auf die Kriegs- und Nachkriegsjahre ist es deshalb wichtig „eindeutig“ zu sprechen. Blickkontakt und Namen spielen hier eine besonders große Rolle. Lernen Sie die Worte und Sprache des alten Menschen kennen und nutzen Sie sie oft im Kontakt mit den hilfebedürftigen Menschen. Echtheit ist sehr wichtig, denn die an Demenz erkrankten Menschen sind höchst feinfühlig. Sie merken sofort, wenn der Pflegende sie nicht ernst nimmt. Mit Logik kommen Sie hier nicht weit. Es bedarf eines reichen Wortschatzes und der Fähigkeit mit Gefühlen immer wieder gut umgehen zu können.

Frau Mantz, als Coach bieten Sie in Pflegeeinrichtungen und Kliniken Seminare und Inhouse-Schulungen zur Sprachbegleitung und zum Sprachkulturtrainer an. Wie lange dauert die Fortbildung zum Sprachkulturtrainer und welche Aufgaben könnte diese/r in einem Pflegeteam übernehmen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mehr Professionalität im Sprach- und Gesprächsverhalten im Gesundheitswesen brauchen. Zum einen, um unsere Kompetenzen zum guten Ausdruck zu bringen, uns ein stückweit zu schützen, aber auch um wieder mehr Menschlichkeit in die Denk- und Sprachmuster des Pflegealltags zu bringen. Die Anforderungen der Gesellschaft sind in dieser Hinsicht enorm gestiegen, das Personal ist knapp und der Zeitdruck im Pflegealltag hoch. Dies fordert eine hohe Selbst- und Sozialkompetenz im Berufsalltag. Ein großes Potenzial liegt hier im Bereich humaner Gesprächsführung und im Sprachkompetenztraining. Die Fachqualifizierungen der Sprachbegleitermentoren und Sprachkompetenztrainer beinhalten eine nachhaltige Basisqualifizierung in Sprachbewusstsein, selbstkritischer Reflexion der inneren Haltung und der eigenen Denk- und Sprachmuster. Sein Auftrag ist der  Aufbau einer wertschätzenden Gesprächskultur im Gesundheitswesen. Die Multiplikatoren stehen innerhalb der Einrichtung oder Klinik als kompetente Ansprechpartner und Impulsgeber für Sprachkultur und Umgangskultur zur Verfügung.

Die Qualifizierung der Sprachbegleiter beinhaltet 10 Bildungstage, der Sprachmentor 15 Bildungstage mit jeweils vereinbarten Hospitationstagen in der Praxis. Der Sprachkompetenztrainer ist geeignet für alle Berufsgruppen und besteht aus einer Basisqualifizierung (10 Tage) und einem Aufbaumodul (5 Tage).

Weitere Informationen finden Sie auf:
http://www.sandra-mantz.de/weiterbildung-sprachkompetenztrainer.php

Der Teilnehmende entwickelt in dem Sprachkompetenztraining Schritt für Schritt  eine hohe Sprachsensibilität und ein differenziertes Hören. Das Üben steht im absoluten Vordergrund, denn viel Wissen befähigt noch nicht zum Können. Schon Sokrates sagte: „ Sprich, damit ich dich sehe“.

Sandra Mantz
SprachGUT Akademie

www.SprachGUT-Akademie.de

www.Sandra-Mantz.de

contact@Sandra-Mantz.de

Sandra Mantz ist Sprachkultur- und Sprachkompetenztrainerin im Gesundheitswesen, Pflegefachkraft  und Pflegecoach.

Sie lehrt an Hochschulen und Berufsfachschulen Deutsch, Kommunikation und Berufskunde und sensibilisiert Teams und Menschen jeden Ranges in Gesundheitsberufen für Gesprächs- und Sprachkompetenzen. Frau Mantz gibt ihr Wissen auf Fachkongressen des Gesundheitswesens weiter, ist Autorin für Fachartikel und schreibt derzeit ihr erstes Fachbuch.

Sie begleitet als freiberufliche Weiterbildungsleiterin Unternehmen und Teams im Aufbau einer wertschätzenden Sprachkultur. Sie sagt:  Reden IST pflegen und Sprache IST wie Medizin. Frau Mantz engagiert sich in hohem Maße dafür, mehr Bewusstsein für die Pflegekompetenz „Sprache“ zu wecken. Sie wirkt in allen deutschsprachigen Ländern und macht Pflegekräften, Ärzten und Therapeuten wieder Lust auf ein kompetentes  und freundliches Sprechen im Berufsalltag.

 

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