Angst- und Panikstörungen im Beruf | Autoreninterview

Abbildung vom Buchumschlag
Anlässlich des Erscheinens ihres neuen Buches „Angst- und Panikstörungen im Beruf“ haben wir mit den Autoren Sven J. Matten und Markus J. Pausch gesprochen.

In Ihrem neuen Buch geht es um Angst und Panik im Beruf – ist es nicht normal, dass man im beruflichen Alltag hin und wieder besorgt oder verunsichert ist, z.B. ob bei einer Präsentation vor dem Chef alles glatt läuft oder ob ein neues Produkt auch wirklich gut bei den Kunden ankommt?

Sven J. Matten: Ihr Beispiel beschreibt wohl eine ganz normale Angstreaktion in Alltagssituationen, unangenehm aber in der Regel nicht existenzbedrohend. Doch kann auch schon dies individuell betrachtet insbesondere für in der Öffentlichkeit besonders exponierte Personen wie etwa Manager oder Schauspieler problematisch sein, eine Zielgruppe, auf die wir in unserem Buch besonders fokussieren. Normen und Werte sind nie absolut und „normal“ liegt immer im Auge des Betrachters. Dies kann stark variieren, insbesondere wenn es sich um verschiedene Teilöffentlichkeiten handelt, also neben der betroffenen Person selbst auch Kollegen oder ein fremdes öffentliches Umfeld als auch private Netzwerke und andere beteiligt sind.

Markus J. Pausch: Angst gehört zum Menschsein und nur mit ihr ist man vollständig. Sie schützt uns, warnt uns, spornt uns an, z.B. sich auf die Präsentation vor dem Chef gut vorzubereiten. Es ist also vollkommen normal, wenn einen diese Angst im Alltag begleitet.
Schwierig wird es dann, wenn diese Angst einen lähmt und hindert.

Wann ist Angst nicht mehr „normal“ bzw. wann spricht man von einer „Störung“?

Umschlag von "Angst- und Panikstörungen im Beruf"S. J. M.: Sobald der Betroffene einen Leidensdruck verspürt ist möglicherweise bereits der Zeitpunkt zu Handeln gekommen. Dies ist nur unter Umständen gerade für Führungspersönlichkeiten oder unter öffentlicher Beobachtung stehende Personen gar nicht so einfach, da zumeist und leider in der Mehrzahl durchaus berechtigt negative Konsequenzen beispielsweise aufgrund der Bewertung durch Außenstehende sowie auch durch sich selbst befürchtet werden. Doch gerade ausbleibende Aktionen des Betroffenen führen oftmals erst zu einer ernsthaften Verschlimmerung der ursprünglichen möglicherweise objektiv betrachtet noch „normalen“ Sachlage was unter Umständen eine ausgeprägte Angststörung überhaupt erst heranwachsen lässt.

M. J. P.: „Normale“ Ängste sind durch drei Merkmale gekennzeichnet: der Auslöser der Angst ist real, die Quantität der Angst ist angemessen und die Ängste nehmen ab, wenn die Ursache wegfällt. Dem gegenüber wird die Angst dann zu einer „störenden“, wenn die Auslöser der Angst fehlerhaft wahrgenommen werden, also z.B. übergroß oder verzerrt, die „Menge“ an Angst übermäßig ist (es also zu einer Überrektion kommt) und die Ängste bestehen bleiben, obwohl die Ursache bereits entfallen ist. Zudem kennzeichnet eine pathologische Angst, dass sie generalisiert, d.h. die Angst weitetet sich sukzessive auch auf andere Bereiche aus, die anfänglich nicht davon betroffen waren.
Die Bezeichnung Störung stellt dann wiederum eine ganz typische Konstellation von Ängsten dar, z.B. Agoraphobie oder soziale Phobie.

Warum haben wir überhaupt Angst? Wäre es nicht viel leichter, wenn man Angst ganz generell einfach „ausknipsen“ könnte?

S. J. M.: Angst ist nicht nur historisch bedingt eine ganz wesentliche sowie wichtige Emotion, die es uns erlaubt nicht mehr nur zu überleben, sondern insbesondere Unbekanntes anzugehen und dabei erfolgreich zu sein. Angst ist eine uns antreibende Kraft und eng verknüpft mit Erfolgsgefühlen und Selbstbestätigung durch deren Überwindung und dem Schaffen von neuen Erfahrungen. Ohne Angst wäre jeder Manager ein bloßer Psychopath. Erst die individuell richtige Mischung macht ihn nachhaltig erfolgreich.

M. J. P.: Angst ist in uns Menschen biologisch angelegt und gehört zu unseren Grundemotionen. Sie ist ein wertvolles Erbe unserer Ahnen. Angst half und hilft uns dabei Realgefahren zu erkennen und uns zu schützen. Fehlt die Emotion Angst, und bei bestimmten organischen Hirnschäden ist dies tatsächlich auch beschrieben, dann fehlt uns genau das Messinstrument, welches uns sagt, ob etwas gefährlich ist oder nicht. Man würde sich also permanent in Lebensgefahr bringen und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht sehr alt werden.

Hat Angst auch positive Seiten?

S. J. M.: Angst hilft uns insbesondere in Situationen, in denen keine Zeit bleibt Faktoren abzuwägen, automatisch Sachlagen zu erkennen und individuell richtig zu entscheiden – was auch trainiert werden kann. Angst ist eine Kraft, ohne die wir weit weniger große Dinge schaffen würden, da Antrieb und Notwendigkeit und somit letztlich Genialität fehlen würden.

Was sind die häufigsten Ängste, die im Job auftreten und woraus resultieren diese Ängste?

S. J. M.: Angst einen schlechten Eindruck zu machen, Ziele nicht zu erreichen, zu versagen oder die falsche Entscheidung zu treffen, kennt sicherlich so ziemlich jeder. Diese potenziert sich allerdings je mehr Verantwortung ein Mensch trägt und je weitreichender er die Konsequenzen einer möglichen potentiellen Fehlentscheidung einschätzt. Gründe hierfür sind ausgesprochen vielfältig und individuell und haben zumeist nichts mit der tatsächlichen Qualifikation einer Person für den Job, den diese ausübt, zu tun. Auslöser kann eine traumatische Erfahrung oder aber auch objektiv betrachtet letztlich gar nichts Bestimmtes sein, da Angst sich aus vielen kleinen Teilaspekten speisen kann die zusammengenommen ein Fass sprichwörtlich zum Überlaufen bringen. Es macht also keinen Sinn sich als Betroffener in Frage zu stellen oder als Umfeld die Qualitäten einer betroffenen Person in Frage zu stellen auch wenn dies insbesondere auf Führungsebenen oder beispielsweise in sozialen Netzwerken oftmals so geschieht.

Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Eine ältere Arbeitnehmerin kommt aufgrund einer Angstproblematik zu Ihnen. In ihren Augen wäre die einzige Lösung den Job zu kündigen, allerdings ist sie dringend auf ein festes Einkommen angewiesen (Kinder in der Ausbildung, Hypothek etc.) und sieht wenig Chancen eine neue Stelle zu finden. Was würden Sie ihr raten?

S. J. M.: Zuerst einmal müssen wie immer potentielle körperliche Ursachen ihrer Angst medizinisch abgeklärt werden. Ausgegangen von einem unauffälligen Befund würde ich zu einem psychologisch begleiteten Gespräch raten um herauszufinden, wie die Dame zu ihrer Einschätzung der Sachlage sowie der Schlussfolgerung ihren Job aufgeben zu müssen gekommen ist. Vermutlich würden sich hierbei bereits einige Hinweise finden lassen, die ein tiefergehendes Gespräch ermöglichen. Je nach Ausgang dieses Austausches auf gleicher Ebene würde ich dann zu weiteren professionell begleiteten Schritten raten. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Aufgabe des Jobs nicht zwingend notwendig auch wenn dies sicherlich als eine Option von mehreren verbleiben kann. Im Übrigen ist die Dame als Arbeitnehmerin in Deutschland in der Regel so gut sozial abgesichert, dass selbst die Aufgabe des Jobs insbesondere aus gesundheitlichen Gründen keinen finanziellen Absturz bedeuten würde. Im Vordergrund kann und muss die Minderung des Leidensdrucks und das Wohlergehen des Klienten stehen.

M. J. P.: Höchstwahrscheinlich ist die Klientin zu genau dieser Einschätzung gekommen. Es ist nicht die Aufgabe von Beratern, Coaches oder Therapeuten Lösungen für die Klienten zu finden oder anzubieten. Die Aufgabe liegt darin, dem Betroffenen bei der Findung seiner ganz individuellen Lösung zu helfen.
Zu denken, es gäbe nur die Möglichkeit zu kündigen oder an derselben Stelle weiter zu leiden, stellt einen sehr typischen menschlichen Denkfehler dar, der sehr gerne bei Leuten vorkommt, die unter sehr viel Angst leiden. Wir nennen diese kognitive Verzerrung „Alles-oder-nichts-Denken“, bzw. „Schwarz-Weiß-Denken“. Meist gibt es noch weitere Optionen. Deshalb würde ich zu allererst mit der Betroffenen an einer fundierten Situations- und Problemanalyse arbeiten und alle möglichen Optionen erarbeiten. Zudem fehlt mir in der Betrachtung der Ressourcenpool. Wir sprechen hier von einer „älteren“ Betroffenen, also stelle ich mir die Frage, was an Stärken, Fähigkeiten, Bewältigungsmechanismen hat sie bisher erfolgreich angewendet? Und was schneidet sie aktuell davon ab?
Nur wenn klar ist, was das Problem ist, kann klar werden, welche Lösungen es gibt. Was genau sind Auslöser für die Angst? Welche Strategien hat die Betroffene bisher zur Lösung angewendet? Was waren Lösungsstrategien, die früher funktioniert haben?
Und dann muss natürliche eine fundierte Diagnostik gemacht werden. Liegt eine Angststörung vor? Oder etwa eine andere Erkrankung? Muss evtl. zunächst eine Behandlung stattfinden, um dann erneut zu beurteilen, welche Lösungsoptionen vorliegen.

Kann man seine Angst steuern oder überwinden?

S. J. M.: Ja, Angst ist steuerbar und eine pathologische Angst kann auch überwunden werden. Ob nun psychiatrisch medizinisch, durch verhaltenstherapeutische oder tiefenpsychologisch fundierte Therapie, intensivem Coaching oder aber auch aus eigenem Antrieb heraus. Dies je nach Sachlage und individueller Persönlichkeit.

Wann sollte ein Coach oder ein Therapeut als Hilfe zur Angstüberwindung konsultiert werden?

S. J. M.: Möglichst bevor der Leidensdruck allzu groß geworden ist und immer dann, wenn der Nutzen den Aufwand überwiegt, was eine sehr individuelle Betrachtung ist. Diese Abwägung sollte ohne Einfluss möglicher eigener oder äußerer Vorbehalte getan werden. Entscheidend ist letztlich nur die Frage, ob der Betroffene den Wert der möglichen externen Unterstützung als hilfreich einschätzt sofern er eine solche Abwägung noch machen kann. Wenn er dies nicht mehr kann, sollte in jedem Fall professionelle Hilfe aufgesucht werden.

M. J. P.: Angststörungen haben leider die Tendenz sich zu chronifizieren, d.h. sich zu verfestigen. Nur in wenigen Fällen kommt es unbehandelt zu einer vollständigen Gesundung. Auf Grund dessen ist eine Beratung und etwaige Behandlung so früh als möglich sinnvoll. Ob sich daran eine Therapie anschließt, ist dann eine individuelle Sache.

Wie stehen die Chancen bei einer Therapie?

S. J. M.: In der Regel gut, was aber natürlich von der Komplexität des jeweiligen Einzelfalls abhängt. Doch bisher hatte ich noch keinen aussichtslosen Fall.

M. J. P.: Die Behandlungserfolge, sowohl der medikamentösen, als auch der psychotherapeutischen Behandlung sind unterschiedlich, je nach Form der Angststörung. Grundsätzlich gilt aber: Je früher eine Behandlung begonnen wird, desto günstiger ist der Verlauf.

Wir danken Ihnen sehr für das Interview, Ihre Zeit und Mühe.

Das Interview führte Annika Grupp.

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