Deutsch als Zweitsprache in der Schule – Autoreninterview

Prof. Stefan Jeuk

 
 
 
 
 
 

Anlässlich des Erscheinens der 3. Auflage des Werkes „Deutsch als Zweitsprache in der Schule“ führten wir mit dem Autor Prof. Stefan Jeuk das folgende schriftliche Interview.

In Bildungsplänen und Beschlüssen der Kultusministerkonferenz werden verschiedene Vorgaben für den Unterricht mit mehrsprachigen Lernenden gemacht. Welche Probleme ergeben sich in der Praxis?

Die Gruppe der mehrsprachigen Kinder und Jugendlichen ist sehr heterogen, heterogener als die Gruppe der einsprachigen Kinder und Jugendlichen. Denn zu den sozialen und individuellen Unterschieden kommen kulturelle und sprachliche Aspekte hinzu. So gibt es sehr viele mehrsprachige Kinder und Jugendliche, die in Deutschland sehr erfolgreich mehrsprachig aufwachsen. Es gibt Schülerinnen und Schüler, die in Deutschland in den Kindergarten und die Schule gegangen sind und andere, die während der Schulzeit einwandern. Manche dieser Schülerinnen und Schüler haben vielfältige Erfahrungen in verschiedenen Sprachen und Schriften, andere sind nicht alphabetisiert. Gemeinsam ist Ihnen, dass sie in ihrem Alltag mehrere Sprachen benötigen.
Ein Grundproblem ist nach wie vor, dass unser Schulsystem auf Einsprachigkeit ausgerichtet ist. Spezielle Handreichungen richten sich an so genannte „Seiteneinsteiger“. In der Regel wird erwartet, dass sie nach einem Jahr in Vorbereitungsklassen in die Regelklasse umgeschult werden. Lehrkräfte in den Regelklassen müssten aber viel besser darin unterstützt werden, auf die spezifischen Bedürfnisse und Fähigkeiten der mehrsprachigen Kinder und Jugendlichen einzugehen. Es gibt z.B. nach wie vor zu wenige Ressourcen für eine zusätzliche Sprachförderung.

Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund zählen in Deutschland häufig zu den Bildungsbenachteiligten. Welche Ursachen gibt es dafür und welche Auswirkungen hat dies auf die weitere Schullaufbahn?

Umschlag von "Deutsch als Zweitsprache in der Schule"Ich möchte betonen, dass Mehrsprachigkeit kein Risikofaktor für Bildungserfolg ist! Die Ursachen für Bildungsbenachteiligung liegen in aller Regel in der sozialen Lage und den Lernbedingungen. Somit werden die Bedingungen für Schulerfolg schon ganz am Anfang gelegt: Ein Kind, dem viel vorgelesen wird, das frühzeitig mit einer umfassenden Schriftkultur konfrontiert ist, hat im Schnitt ganz andere Bildungschancen als ein Kind, dem dies nicht vergönnt ist. Und dabei ist es, soweit wir wissen, nicht relevant, in welcher oder in wie vielen Sprachen das Kind in die Schriftkultur eintaucht.
Das bedeutet, dass in Kindergärten und Schulen mit einem hohen Anteil an Kindern, die unter erschwerten sozialen Bedingungen aufwachsen, viel mehr in die grundlegende Bildung investiert werden müsste. Dennoch ist es natürlich so, dass durch eine gute Unterstützung die Nachteile auch ausgeglichen werden können.

Welche Voraussetzungen und Bedingungen sind nötig, damit Kinder problemlos eine zweite Sprache, wie z.B. Deutsch, lernen? Welche Faktoren beeinflussen den Zweitspracherwerb?

Ich kann hier nur ein paar Aspekte andeuten: Kinder lernen eine zweite Sprache sehr gut, wenn wir ihnen die notwendigen Bedingungen dafür bieten. Das bedeutet Zeit, Zuwendung, positive emotionale Grundbedingungen und gute Sprachvorbilder. Eine zentrale Voraussetzung ist, dass die Kinder motiviert und begeistert in die Sprachaneignung eintauchen. Wir müssen ihnen aber auch die Zeit und die Gelegenheit geben, Fehler zu machen und auszuprobieren. Das gehört zwingend zum Spracherwerb dazu.
Durch den verstärkten Einsatz von quantitativen Tests, die eher zu einem Selektions- und Leistungsdruck führen, wird die Sprachaneignung sicher nicht gefördert. Wir geben den Kindern häufig zu wenig Zeit und meinen, sie müssten sich schon bald mit den einsprachigen Kindern vergleichen lassen. Dabei werden die Kompetenzen in der zweiten Sprache unter den Tisch gekehrt. Diese mangelnde Wertschätzung kann sich negativ auf die Lernmotivation und das Selbstbild auswirken.

Wie können mehrsprachige und heterogene Lerngruppen am besten unterrichtet werden? Welche Tipps können Sie geben?

Auch hier kann ich nur einzelne Punkte andeuten: Es gibt Bereiche der deutschen Sprache, die für jeden Lerner wichtig sind. Dazu gehören z.B. Präpositionen und die Verwendung des grammatischen Geschlechts im Deutschen an Artikeln, Nomen, Adjektiven und Pronomen. In den Bildungsplänen erscheinen diese Aspekte zwar im Grammatikunterricht, nicht jedoch aus der Perspektive des Spracherwerbs. Jede Lehrkraft sollte diese Stolperstellen kennen. Hier gibt es eine Reihe von methodischen Möglichkeiten den Zweitspracherwerb zu unterstützen, von der farblichen Markierung bis zu systematischen Übungen, die auch in den Regelunterricht integriert werden können. Ein weiterer zentraler Punkt ist die Bedeutung der Lehrkraft als Sprachvorbild. Hier muss sich teilweise noch die Erkenntnis durchsetzen, dass alle Lehrkräfte, auch Fachlehrer, Sprachvorbilder sind, denn Sprachaneignung findet nicht nur im Deutschunterricht statt.

In mehrsprachigen Ländern wie der Schweiz, Kanada oder Marokko wachsen Kinder mehrsprachig auf und werden auch in mehreren Sprachen alphabetisiert. Wie unterscheiden sich die Bildungskonzepte dieser Länder im Vergleich zu Deutschland?

Das muss man sehr differenziert betrachten. Die Schweiz ist zwar ein mehrsprachiges Land, aber das bedeutet nicht, dass alle Menschen mehrsprachig sind. Deutschunterricht ist bei Schülerinnen und Schülern in Genf genau so unbeliebt wie in Frankreich und die Schülerinnen sehen Deutsch als Fremdsprache. In Marokko werden die verschiedenen Sprachen häufig in verschiedenen Kontexten gebraucht, Französisch als Bildungs- und Literatursprache, Berbersprachen als Familien- und Alltagssprachen, zudem noch marokkanisches Arabisch. In Kanada wird z.B. auch nicht erwartet, dass englischsprachige Schülerinnen und Schüler perfekt Französisch sprechen, also muttersprachlich und in allen verschiedenen Kontexten und Registern. Der Unterschied in Marokko ist z.B. auch, dass hier die Französischlehrkräfte von vornherein den Erwerb dieser Sprache durch die Kinder im Blick haben.
Was wir von diesen Ländern lernen können, ist die Wertschätzung und der Stellenwert, den Mehrsprachigkeit genießt. Interessanterweise gibt es aber in Bezug auf Arbeitsmigration in der Schweiz ähnliche Probleme wie bei uns. Offenbar gelingt es nicht, diese Wertschätzung auf viele Sprachen und Kulturen zu übertragen. Das hat etwas mit der Wertigkeit von Sprachen zu tun.
Was wir lernen können ist die Orientierung daran, dass sich ein Großteil der Schülerinnen und Schüler noch im Erwerbsprozess der Zweitsprache befindet und dass die Erfahrungen und das Können aus der Erstsprache hierfür eine wichtige Basis sind.

Viele Flüchtlinge, die 2015 nach Deutschland gekommen sind, sind schulpflichtige Kinder. Welche besonderen Herausforderungen stellen sich hier für die Lehrkräfte?

Die besonderen Herausforderungen bestehen u.a. darin, dass immer wieder neue Kinder und Jugendliche in die Klassen und Kurse kommen. Hier muss die Schulverwaltung flexibel reagieren und Schulen auch während eines laufenden Schuljahres weitere Lehrkräfte zur Verfügung zu stellen. Denn wenn diese Einsteigerklassen zu groß sind, also wenn es mehr als 12 bis 14 Schülerinnen und Schüler sind, dann wird der Unterricht angesichts der großen Heterogenität der Gruppe (s.o.) deutlich weniger erfolgreich sein.
Hier ergibt sich das Problem, dass derzeit gar nicht so viele Lehrkräfte zur Verfügung stehen, die im Unterricht mit Kindern und Jugendlichen ohne Deutschkenntnisse ausgebildet sind. Einerseits rächen sich hier die Versäumnisse der letzten Jahre, andererseits muss natürlich dringend in Form von Weiterbildungen und einem Ausbau der Lehrerbildung nachgebessert werden.

Wir danken Ihnen ganz herzlich für das Interview!

Das Interview führte Celestina Filbrandt.

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