Interview mit Joachim Küchenhoff

Psychoanalyse und PsychopharmakologieWir beglückwunschen unseren Autor, Herrn Professor Dr. Küchenhoff, zum Wolfgang-Loch-Preis, der ihm für sein Werk „Psychoanalyse als Erkenntnistheorie – psychoanalytische Erkenntnisverfahren“ (siehe Abbildung unten), das er gemeinsam mit Herrn Professor Rolf-Peter Warsitz verfasst hat, am 21. Oktober in Tübingen verliehen wird.

Herr Professor Küchenhoff, demnächst wird Ihr neues Buch „Psychoanalyse und Psychopharmakologie – Grundlagen, Klinik und Forschung“ im Kohlhammer-Verlag erscheinen. Schwerpunkt des Werkes, dessen Herausgeber Sie sind, ist die Bedeutung von Psychoanalyse für die Psychiatrie.
Warum ist die Psychoanalyse für die Psychiatrie so wichtig; welche Rolle spielen Psychopharmaka in der Behandlung von Patienten?

Die Psychoanalyse spielte in der Mitte des 20. Jahrhunderts in der Psychiatrie weltweit eine Rolle. Ihr Einfluss wurde später mehr und mehr zurückgedrängt. Mittlerweile hat sich bemerkbar gemacht, wie sehr die psychoanalytische Perspektive fehlt, gerade in der Psychiatrie. Sie bringt Möglichkeiten in die klinische Arbeit ein, die m. E. unverzichtbar sind. Mit ihrer Hilfe können psychische Leiden verstanden werden vor dem Hintergrund der Lebensgeschichte und der Persönlichkeit. Die Psychoanalyse bietet ausgezeichnete Möglichkeiten, die therapeutische Beziehung zu gestalten und zu reflektieren – alle Psychotherapieforschung weist ja darauf hin, wie wichtig für die Genesung die Beziehung zur Therapeutin ist.
Psychopharmaka sind in der psychiatrischen Behandlung allgegenwärtig. Sie werden bei einer Vielzahl seelischer Störungen eingesetzt und sind in vielen Fällen hilfreich, sie schaffen manchmal überhaupt erst eine Voraussetzung für weiteres therapeutisches Handeln.

Bei welchen Krankheitsbildern sehen Sie Vorteile in der Gabe von Psychopharmaka?

Umschlag von " Psychoanalyse als Erkenntnistheorie"Wenn Sie die Frage so formulieren, dann klingt es so, als wollten Sie hören, wo Psychopharmaka von Vorteil im Vergleich mit Psychotherapie sind. In der klinischen Praxis ist es stattdessen immer wieder nötig und auch sinnvoll, nicht das Eine zu tun und das Andere zu lassen, sondern beides zu kombinieren. Psychopharmaka werden heute zunehmend aufgrund einer persönlichen und individuellen Indikation gegeben. Sie können die Psychotherapie ergänzen und umgekehrt.
Einen festen Platz haben Psychopharmaka zum Beispiel in der Behandlung akuter psychotischer und schwerer depressiver Störungen.

Was ist bei der Medikation von Patienten zu beachten?

Auf der einen Seite ist es natürlich wichtig (und gesetzlich vorgeschrieben), den Patienten über Wirkungen und Nebenwirkungen der Medikamente aufzuklären. Er oder sie entscheidet sich in aller Regel selbst dafür, ob er oder sie Medikamente nehmen will. Auf der anderen Seite darf man nicht übersehen, dass durch das Verordnen von Medikamenten sich auch die therapeutische Beziehung ändert: Der Psychotherapeut etwa tritt in einer anderen Rolle auf, im Vergleich zu der des Psychotherapeuten. Was also die Psychopharmakagabe mit der therapeutischen Beziehung macht, das gilt es zu reflektieren.

Welche neuerlichen Herausforderungen sehen Sie (in diesem Kontext) für die Psychoanalyse?

Psychoanalytische Konzepte und Verfahrensweisen können dazu beitragen, die gerade beschriebene notwendige Reflexion der therapeutischen Beziehung anzuleiten. Mit Hilfe der psychodynamischen Diagnostik, die sich von der psychoanalytischen Theorie ableitet, lässt sich gut erfassen, welche subjektive Bedeutung die Medikamentengabe für den Patienten hat. Aber auch der Therapeut kann sich hinterfragen und darüber fachlich angeleitet nachdenken, warum er beispielsweise in einer laufenden Psychotherapie Medikamente verordnet, was ihn dazu veranlasst, ob die Indikation wirklich zwingend ist etc.

Umschlag von "Psychoanalyse und Psychopharmakologie"

Wie können Medikation und Psychotherapie zusammenwirken?

Heute wissen wir, dass sowohl Psychopharmaka als auch psychotherapeutische Arbeit wirksam sind in Bezug auf das Leiden des Patienten. Die Frage ist nur, worauf die Verfahren jeweils spezifisch einwirken und wie die Wechselbeziehungen zwischen ihnen verstanden werden können. Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Im Buch, das ich herausgebe, werden einige Antworten gegeben, im Sinne einer allgemeinen Theorie des Zusammenwirkens von Medikamenten und Gesprächen.
Medikamente können die Voraussetzungen für eine Therapie schaffen, z. B. wenn sie es bei aus der Kontrolle und Steuerbarkeit geratenem Verhalten schaffen, die Handlungsfähigkeit wieder zu erlangen, etwa bei unbeherrschbaren Essanfällen im Rahmen einer Bulimie. Umgekehrt kann eine so persönlich und individuell ausgerichtete, aufs Erleben eines Menschen eingehende Therapie wie die psychoanalytischen Verfahren neue Einsichten vermitteln, wie sich Stimmung, Gefühl, Denken und Handeln durch Medikamente wandeln.
Das Buch, das ich herausgeben darf, widmet sich noch vielen anderen Feldern des Zusammenwirkens. Die genannten Beispiele lassen sich vielfältig ergänzen.

Wie verhält es sich mit der Behandlung von Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität und Impulsivität?

Ich bin sehr froh darüber, dass wir im speziellen Teil des Buchs, das ja insgesamt dazu betragen soll, dass eine psychodynamische Psychopharmakologie entsteht, ein differenziertes Kapitel zu dem medial so viel diskutierten Thema ADHS vorlegen können. Es braucht einen differenzierten Blick, um nicht einseitig zu werden. Die Amphetamintherapie bei ADHS hat sich enorm verbreitet, sie ist ja nicht risikolos, sie kann das Selbstbewusstsein des Kindes oder des Jugendlichen stärken, wenn er oder sie Handlungsspielräume gewinnt, sie kann es aber auch verringern, wenn im Selbstbild sich die Angewiesenheit auf die „Prothese“ Medikament verankert und damit das Gefühl, nichts aus eigener Kraft bewirken zu können. Gerade hier ist ein Abwägen dessen, was ein Medikament vermag, wo es nichts bewirkt, wichtig. Angezeigt ist auch die Einbettung der Medikation in einen Gesamtbehandlungsplan.

Was ist unter dem relativ neuen Konzept des „Embodiments“ zu verstehen, und welche Auswirkungen hat es auf die Psychoanalyse?

So ganz neu ist das Konzept nicht, wenn man genau überlegt. Die psychoanalytische Psychosomatik hat viele Erkenntnisse des Embodiment-Konzeptes schon vorweggenommen. Aber es ist sicher sinnvoll, den Leib-Seele-Dualismus immer neu und mit den modernen zur Verfügung stehenden Konzepten zu hinterfragen. Wir sind als Menschen nicht einerseits geistige oder seelische und auf der anderen Seite körperliche Wesen. Die Neurowissenschaften können heute zeigen, wie geistige, mentale Aktivitäten nicht losgelöst von der körperlichen Basis, nicht losgelöst in erster Linie vom Gehirn gedacht werden können: Das Mentale ereignet sich auf neurobiologisch zu beschreibenden Bahnen. Umgekehrt werden Erfahrungen auch verkörpert, also niedergelegt in alten oder neuen Bahnen. Das gilt auch für die Erinnerungen. Speziell für die Neuropsychoanalyse ist es ein Anliegen herauszuarbeiten, wie frühe und früheste Erfahrungen zu verkörperten Erinnerungen werden, die sich in den neuronalen Netzen darstellen und eingraben, aber nicht nur dort, sondern auch im Körpergedächtnis, in der Art und Weise des leiblichen Reagierens und Agierens. Das klingt etwas kompliziert – das ist es auch, aber der Grundgedanke ist einfach: in der Seele den Körper und im Körper die Seele suchen, auf allen Ebenen der biologischen, seelischen und geistigen Beschreibungen.

Wir danken Ihnen ganz herzlich für das Interview!

Das Interview führte Hanna Laux.

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