Interview mit Thomas Hess und Claudia Starke zu »Patchwork-Familien. Beratung und Therapie«

Portraet Starke_Hess
In ihrem aktuellen Werk „Patchwork-Familien“ beschreiben die Autoren die Dynamiken der komplexen Beziehungskonstellationen in einer Patchwork-Situation. Sie stellen konkrete Vorgehensweisen in unterschiedlichen Ausgangslagen sowie beraterische Leitlinien vor und veranschaulichen sie mit einem Therapietranskript.
Auf einige Besonderheiten im Leben von Patchwork-Familien gehen sie im Interview mit uns ein.

Der erste Teil des Buches heißt »Patchworks sind anders«. Was ist denn – aus beruflicher Sicht, z. B. eines Arztes, einer Paartherapeutin etc. – an Patchwork-Familien so grundlegend anders als bei anderen Familien?

Thomas Hess (TH): Die Kinder leben meist in zwei Familien, nur über die WE, oder die halbe Woche. Sie haben drei oder vier Eltern (also die leiblichen Eltern und ein oder zwei Stiefeltern). Und die Erwachsenen müssen zwischen verschiedenen Rollen unterscheiden: Mutter- und Stiefmutter-Rolle oder Vater- und Stiefvater-Rolle. Häufig sind ihnen die Unterschiede dieser Rollen nicht bewusst.
Claudia Starke (CS): Zudem haben die ursprünglichen Familien ihre eigene Familienkultur aufgebaut: d. h., sie haben ihre eigenen Werte, Umgangsformen und Rituale, ihre Art, Feste zu feiern usw. Beim Zusammenzug trifft dann dies alles – oft unvermittelt – aufeinander. Aus all diesen bereits bestehenden unterschiedlichen Gewohnheiten und Vorstellungen muss die Patchwork-Familie erst ihre eigene, neue Familienkultur entwickeln.

Sie betonen, dass man im Mehrpersonensetting arbeiten und immer alle Familienmitglieder in die Beratung oder Behandlung miteinbeziehen sollte. Worin besteht die Gefahr, wenn z. B. eine Ärztin, eine Sozialarbeiterin oder ein Vertrauenslehrer mit einem einzelnen Familienmitglied arbeitet und dabei den komplexen familiären Patchwork-Hintergrund dieser Person nicht beachtet?

Umschlag von "Patchwork-Familien"CS: wenn die beratende Person nur die Sichtweise eines Familienmitgliedes hört, dann besteht die Gefahr, dass die Ursachen bestehender Konflikte nicht richtig erkannt werden. Z. B: Wenn der vordergründige Konflikt zwischen Stiefmutter und Stiefkind besteht, dieser aber nur die Folge von ungeklärten Beziehungskonflikten des Ex-Paares ist. Diesen Konflikt erkennt man meist nur, wenn alle daran beteiligten Personen – hier also die Expartner – gehört wurden.
TH: Die Allparteilichkeit ist nicht gewährleistet, wenn man sich nur in eine Person einfühlen kann. Damit läuft man Gefahr, diese eine Person zu unterstützen und damit latente oder offene Konflikte zu verstärken, statt sie zu klären. Z. B. wenn der Stiefvater gefördert wird, sich noch mehr gegen die renitenten Stiefkinder durchzusetzen, statt zu hören, was diese Kinder wirklich wollen: oft nämlich, dem Ausschluss ihres leiblichen Vaters entgegenzuwirken.
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Beziehungen in Anwesenheit der Beteiligten am effizientesten geklärt werden können.

Was tun Sie, wenn sich ein Familienmitglied strikt weigert, teilzunehmen?

TH: Wenn uns das passiert, dass jemand an gemeinsamen Gesprächen gar nicht teilnehmen möchte, dann müssen wir telefonisch oder in einem Vorgespräch dieser Person aufzeigen, wie wichtig sie für das Kind oder die Kinder ist und was geschehen könnte, wenn sie nicht teilnehmen würde. Z. B. dass deren Kontakt zu den Kindern in Gefahr ist, wenn es sich – wie meist – um einen extern lebenden Elternteil handelt. Nur die wenigsten Eltern wollen riskieren, dass sie ihre Kinder weniger oder nicht mehr sehen, und beteiligen sich deshalb am Klärungsprozess.
CS: Wenn keiner der Beteiligten in der Beratung befürchten muss, als schuldig, krank, böswillig usw. angesehen zu werden, dann ist die Motivation hoch, um an der Verbesserung der Situation mitzuwirken. Im Prinzip möchte fast jeder einbezogen und gehört werden. Die meisten »nicht motivierten« Personen befürchten, von den Therapeuten kritisiert zu werden für ihr Verhalten – in der Annahme, der Expartner hätte bereits früher Gelegenheit gehabt, uns Therapeuten zu informieren. Deshalb ist zentral, mit allen möglichst gleichzeitig zu beginnen.

Patchwork-Familien folgen auf eine ursprüngliche Familie und werden davon beeinflusst. Ist dieser Einfluss immer nur negativ, oder gibt es auch Positives, was eine Patchwork-Familie aus den Erfahrungen mit der ursprünglichen Familie ziehen kann?

CS: Ja, ganz vieles kann positiv sein. Denn jeder kann aus Erfahrungen – ob gute oder schlechte – lernen. Wenn die Ex-Partner den je eigenen Anteil an der Trennung erkennen und sich mit den neuen Partnern darüber austauschen, werden beide mit dem neuen Partner auf eine reifere Art umgehen und alte Fehler vermeiden.

Das Ideal der romantischen Liebe und der glücklichen Kernfamilie besteht in unserer Gesellschaft bis heute. Was sind die Folgen davon?

TH: Das romantische Liebesideal hat sie dazu gebracht, Konflikte mit den vorhergehenden Partnern nicht auszutragen, sondern die Partner »auszuwechseln« und zu hoffen, dass in der neuen Partnerschaft alles anders und besser wird.
Das Kernfamilienideal führt in der neu gebildeten Patchwork-Familie dazu, die Beziehungen zu den Kindern zu nivellieren und so zu tun, als wären alle leibliche Kinder und als wäre man nun »die richtige Familie« – oft mit der Folge, dass die extern lebenden leiblichen Elternteile ausgeschlossen werden.

Und wie können sich Menschen in Patchwork-Familien von dem Druck, den solche Ideale und Vorstellungen ausüben, befreien?

CS: Es sind sehr individuelle Wege, die Menschen gehen, wenn sie einsehen, dass das Leben in einer PW-Familie mit den Idealvorstellungen wenig zu tun hat und sie ihre eigene Art des Familienlebens entwickeln müssen. Manche benötigen dafür Beratung bzw. Therapie, andere lesen z. B. eines der zahlreichen Patchwork-Bücher für Betroffene oder lassen sich unterstützen, indem sie in Blogs die Erfahrungen mit anderen Patchwork-Eltern teilen.

In manchen Patchwork-Familien leben leibliche Kinder aus der ursprünglichen Familie, Stiefkinder sowie leibliche Kinder mit dem aktuellen Partner zusammen. Welche Probleme und Chancen ergeben sich aus einer solchen Familienkonstellation mit »drei Sorten Kindern«?

TH: Zuerst zu den Chancen: Die Kinder werden in ihrer Individualität hinsichtlich ihrer unterschiedlichen Abstammung und Lebensgeschichte wahrgenommen und gefördert. Zudem haben die Kinder nun eine größere »Peer-Group« und mehr Beziehungsangebote, die sie nutzen können. Bedingung dafür ist, dass die PW-Eltern alle gewachsenen Eltern-Kind-Beziehungen adäquat unterstützen. Dann ist Patchwork ein wunderbares »Sozialisierungsbiotop«.
CS: Probleme entstehen dann, wenn die Patchwork-Eltern die Differenzierung zwischen den verschiedenen Sorten Kindern nicht machen und alle immer gleich behandeln wollen – dann fühlen sich besonders die Halb- und Stiefgeschwister zurückgesetzt und fordern ihr Recht nach einer individuellen Beziehung zu den leiblichen Elternteilen ein oder weisen mehr oder weniger lautstark oder mit Verhaltensauffälligkeiten auf Ungerechtigkeiten hin.

Was müssen Eltern und Stiefeltern tun, damit das Zusammenleben in einer Patchwork-Familie gut gelingt?

CS, TH: Für diese haben wir vor 2 Jahren ein Buch geschrieben: »Das Patchwork-Buch – wie zwei Familien zusammenwachsen«. Es lässt sich schwer in einem Satz zusammenfassen. Aber hier kurz das:

  • Sich den Unterschieden stellen,
  • die Rollen differenzieren,
  • die externen Elternteile einbeziehen,
  • keinen Druck machen, dass sich alle lieben müssen, sondern die Beziehungen langsam wachsen lassen,
  • und sich Zeit nehmen, um alle komplexen Entscheidungen sorgfältig zu fällen.

In Ihrem Buch stellen Sie einigen Fachleuten aus verschiedenen therapeutischen Kontexten Fragen zu Ihren Ideen und bitten Sie um Stellungnahmen zu Ihrem Fallbeispiel. Warum haben Sie sich für dieses ungewöhnliche Vorgehen entschieden?

TH: Weil wir realisierten, dass wir einige dogmatisch anmutende Aussagen machen. Und weil es in der Vergangenheit in der Therapiewelt immer wieder aufgrund von pointierten Positionen zu Gegenpositionen und dann zu fruchtbaren Entwicklungen kam.
CS: Wir wollten einen Dialog mit Vertretern aus unterschiedlichen Therapierichtungen, die in verschiedenen Bereichen arbeiten und mit Beratung und Therapie von PW-Familien zu tun haben.
Und wir möchten auch, dass durch diese Diskussion sich möglichst viele Professionelle mit diesem gesellschaftlich wichtigen Thema befassen.

Wir bedanken uns recht herzlich für Ihre Zeit und Mühe!

Das Interview führte Elisabeth Selch.

Ein weiteres Interview über Patchwork-Familien gaben die Autoren dem Schweizer Tagesanzeiger ->

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