„Meine Brücke zu dir“ – Interview mit Melanie Matzies-Köhler und Gee Vero

In ihrem aktuellen Werk „Meine Brücke zu dir“ treten die Autorin Melanie Matzies-Köhler und die autistische Künstlerin Gee Vero in einen Dialog über Freundschaft, Stolpersteine im Alltag, Sicht auf Leben und Sterben und ihre jeweilige Wahrnehmung dieser und weiterer Themen. In einem kurzen Interview erzählen sie, wie das Projekt entstanden ist und was sie selbst aus ihrem Briefwechsel gelernt haben.
Zeichnung_Bruecke

„Meine Brücke zu dir“ sind Briefwechsel zwischen Ihnen beiden – wie entstand die Idee, ein Buch in dieser Form zu verfassen?

Melanie Matzies-Köhler (MMK): Nachdem ich Gee auf einer Veranstaltung vom Elternforum in Berlin referieren sah, nahm ich zeitnah Kontakt zu ihr auf, woraufhin sich ein reger E-Mail-Verkehr entspann.
Gee Vero (GV): Die Idee entstand während dieses längeren und intensiven schriftlichen Austausches zu unterschiedlichen Autismus-Themen. Das war wahrscheinlich der allererste Briefwechsel. Wir hatten beide das Gefühl, dass es eigentlich schade ist, wenn nur wir beide von diesem Gedankenaustausch profitieren. Nicht lange danach kam uns der Gedanke daraus eventuell ein Buch zu machen, um auch andere Menschen daran teilhaben zu lassen bzw. sie zum Nach- und Weiterdenken anzuregen und ihre eigenen Brücken zu bauen. Die Buchform „Briefwechsel“ hat mich persönlich schon immer fasziniert. Da unser Austausch von Anfang an in dieser Form stattfand und sich das für uns beide einfach gut und richtig anfühlte, blieben wir bei diesem Format. Trotz der Veröffentlichung durch den Kohlhammer-Verlag sind die Briefwechsel nicht mit Blick auf den Leser oder die Nachwelt geschrieben, sondern es blieb bis zum Ende weiterhin ein persönlicher Austausch zwischen Mel und Gee.

Sie sprechen im Buch über eine Vielzahl mitunter sehr persönlichen Themen. Wie kam die Auswahl dieser Themen zustande?

Umschlag von "Meine Brücke zu dir"MMK: Wir tauschten uns im Vorfeld bereits über persönliche Themen aus und waren der Ansicht, dass gerade diese Themen aus zwei Perspektiven Aufschluss darüber geben, wo wirkliche Unterschiede zwischen „Autisten“ und „Nicht-Autisten“ bestehen und wo nicht. Das Persönliche macht so einen Austausch für die meisten Menschen auch interessanter vor allem für diejenigen, die sich für Autismus auch aus nicht ganz so „wissenschaftlicher“ Sicht interessieren.
GV: Manchmal ging ein Thema auch direkt ins andere über oder es kam vor, dass mir ein Thema wichtiger war als Mel und umgekehrt, sich dies dann aber im Austausch relativierte. Grundsätzlich waren es immer genau die Themen, die uns beiden wichtig waren, Themen über die wir mehr voneinander erfahren wollten.

Frau Matzies-Köhler, wenn Sie ein Thema herauspicken müssten, bei dem Sie die Antwort oder Sichtweise von Gee Vero besonders erstaunte, welches würden Sie nennen und warum?

MMK: Bei den Themen zur Liebe und Freundschaft „erstaunten“ mich die Antworten insofern, als dass Gee über einen weitaus differenzierteren Begriff dieser Konzepte verfügt, als gemeinhin angenommen wird. Das Vorurteil „Autismus = keine Gefühle“ existiert ja noch in den Köpfen der Menschen. Insofern bin ich froh, dass Gee in dieser Form die Möglichkeit hatte, dieses Vorurteil ausräumen zu können.

Frau Vero, im Jahr 2009 erhielten Sie mit 37 Jahren Ihre Autismus-Diagnose. Hat diese Diagnose etwas für Sie verändert? Wenn ja, was?

GV: Meine Diagnose war sehr wichtig für mich, denn sie gab mir eine Antwort auf sehr viele Fragen. Das Wichtigste für mich war, dass sich innerhalb weniger Stunden nach der Diagnose das immer vorherrschende Gefühl ein Versager zu sein, endlich auflöste und allmählich durch ein neues (Selbst-)Bewusstsein ersetzt wurde. Ich erkannte, dass ich nie ein Versager gewesen bin, sondern immer schon eine Erfolgsgeschichte. Dies führte letztendlich dazu, dass ich meinen Autismus als mein Potential erkennen und im Laufe der Zeit auch nutzen konnte. Der Brückenbauer wurde geboren. Ich lernte mich kennen, verstehen und akzeptieren und bin dadurch in der Lage dies auch mit anderen Menschen zu tun, auch wenn sie ganz anders sind als ich, so wie zum Beispiel Mel.

In Ihrem Buch geht es um Begegnungen. Wann sind Sie beide sich zum ersten Mal persönlich begegnet und wie haben Sie diese Begegnung empfunden?

GV: Es gab die indirekte Begegnung 2014 bei der Autismus-Fachtagung in Berlin, wo Mel als Zuhörer im Saal saß und ich auf der Bühne stand. Das war wie gesagt der Auslöser für einen Kontakt per Email, der anfangs nicht ganz so intensiv, aber schon sehr interessant war. Die erste echte Begegnung fand am 20. November 2015 nach einer weiteren Fachtagung in Berlin statt. Ich hatte zwei anstrengende Tage als Referentin hinter mir und nur noch wenig Energie-Reserven. Als Mel mich dort abholte, war es schon spät und dunkel. Außerdem fanden wir ewig keinen Parkplatz. Das Café, in dem wir es uns gemütlich machen wollten, gab es nur noch im Internet und so irrten wir eine Weile durch einen Berliner Vorstadt-Bahnhof. Letztendlich landeten wir aus der Not heraus in einem Fast-Food-Restaurant, in dem es laut, bunt und chaotisch zuging. Für mich war es im wahrsten Sinne des Wortes eine Begegnung der anderen Art. Aber wir haben die ganze Zeit geredet und waren sofort im Kontakt miteinander. Durch die vorangegangenen Briefwechsel war genug Vertrautheit da, die als Sicherheit ausreichte, um unsere Beziehung zum nächsten Level zu führen. Wir haben über diese Begegnung auch im Buch geschrieben, da sie uns beiden sehr wichtig war.
MMK: Es ist der 14. Briefwechsel und trägt den Titel „Unsere erste persönliche Begegnung“. Hier zeigen sich durchaus unterschiedliche Blickwinkel auf dasselbe Erlebnis, wenn auch alles gut lief und zu weiteren Begegnungen führte. Ich persönlich war von unserer ersten Begegnung beeindruckt und trage sie in sehr guter Erinnerung.

Was würden Sie sagen, haben Sie beide durch die gemeinsame Arbeit am Buch und dem intensiven gegenseitigen Austausch, von der jeweils anderen gelernt?

MMK: Gelassenheit. Dem Herzen folgen und Geduld üben. Vertrauen auf das, was wird.
Der unbedingte Wille zum Brückenbau muss vorhanden sein und der Mut, Fragen zu stellen oder Missverständnisse aufzuklären. Das erfordert von beiden Seiten kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem eigenen „Selbst“ und den Masken, die wir tragen. Einen anderen Menschen wirklich zu verstehen gelingt nur, wenn man sich selbst hinterfragt. Beide Seiten müssen bereit sein, Masken fallen zu lassen, dahinter zu schauen und Toleranz zu üben. Der Austausch mit „Minoritäten“ wirft einen immer auf sich selbst zurück. Das ist ein Motor, der Entwicklung verspricht. Aus diesem Grund bedeutet mir das Buch persönlich sehr viel.
GV: Ja, dem kann ich nur zustimmen. Obwohl wir räumlich getrennt waren, erlebten wir doch eine Phase des intensiven Miteinanders. Wir hatten auch außerhalb der Briefwechsel regen Kontakt und haben in dieser Zeit auch an unseren jeweiligen alltäglichen Sorgen und am Wohlergehen unser beider Familien teilgenommen. Ich empfand das nicht nur als bereichernd, sondern es war für mich auch unbedingt notwendig, denn so wurde aus der nicht-autistischen Psychologin Melanie Matzies-Köhler der Mensch Mel, dem zu begegnen mir sehr wichtig war. Für mich ist Begegnung mit einem anderen Menschen nur dann interessant und aufschlussreich, wenn ich nicht nur der Ich-Maske, sondern auch dem dahinterstehenden Selbst begegnen kann. Da dies mit Mel möglich war, konnte ich nicht nur eine ganze Menge von ihr lernen, sondern auch mehr über die Menschen und das Menschsein begreifen. Dafür möchte ich mich bei Mel ganz herzlich bedanken.

Das Interview führten Annika Grupp und Laura Vicente Antunes.

 

Dieser Artikel wurde unter Psychologie veröffentlicht und mit , , , , verschlagwortet. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Direktlink.