Mit C. G. Jung sich selbst verstehen

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Rainer Möller

Herr Schnocks, Sie sind Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis, Dozent und Lehranalytiker. Was hat Sie dazu bewogen Psychologischer Psychotherapeut zu werden?

Ich arbeitete zehn Jahre lang in Köln als Leiter einer Erziehungsberatungsstelle. In dieser Zeit lernte ich die Jung’sche Psychologie kennen und lieben. Das Archetypenkonzept faszinierte mich und mir war schnell klar, dass man damit größere psychische Entwicklungen in Gang setzen könnte. Gleichzeitig wurde mir auch klar, dass ich mit den Menschen länger und vertiefter arbeiten wollte, als es im Umfeld der Beratungsstelle möglich war.

Ich verließ dann als junger Psychologe schweren Herzens die Stadt Köln, obwohl man als Kölner ja eigentlich nicht von Köln weggeht, weil es eine ganz besondere Stadt ist und auch meine Herkunft rheinisch ist. So ging ich also nach Stuttgart, weil ich nur hier die Möglichkeit hatte die Ausbildung zum Psychoanalytiker, Jungscher Couleur, machen zu können. In Leonberg fand ich Arbeit und studierte am Jung-Institut nebenberuflich fast 10 Jahre lang. Das größte C. G. Jung Institut befindet sich in Stuttgart, weitere in München und Berlin.

Wie lange dauert die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten am C. G. Jung Institut Stuttgart, an dem Sie der erste Vorsitzende sind?

Heute dauert die Ausbildung in der Regel keine zehn Jahre mehr. Die große Ausbildung, zum Psychoanalytiker (2-Fach-Kunde) ist nun auf 5 Jahre konzipiert. Insgesamt benötigt man dann jedoch etwa 6-7 Jahre bis man als Psychoanalytiker tätig werden darf. Weiter gibt es noch die tiefenpsychologische Ausbildung (1-Fach-Kunde, tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie für Erwachsene), die in 3-4 Jahren abzuschließen ist. Daneben bietet das C. G. Jung-Institut auch die Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut an, die ca. 5-6 Jahre dauert. In Stuttgart haben wir ca. 100 Studierende, die derzeit diese Ausbildung machen.

Zum ersten Vorsitzenden des C. G. Jung-Instituts wurde ich gewählt, da ich viele Jahre in Gremien mitgearbeitet habe und sehr aktiv in der deutschen Jungianischen Szene war. Ich habe unter anderem mit dafür gesorgt, dass 10 neue Jung-Gesellschaften gegründet wurden. In Köln gibt es seit nunmehr 20 Jahren, die größte Jung-Gesellschaft, die die Jung’sche Psychologie unter die Leute bringt.

Die Jung-Gesellschaften sind offen für alle Menschen, die sich zu diesem Thema weiterbilden möchten. Die Ausbildung zum Therapeuten wird allerdings nur an den Instituten angeboten. Auch mein neues Buch „Mit C. G. Jung sich selbst verstehen“, wird in den Jung Gesellschaften viel rezipiert, da die Hörer und Teilnehmer von Seminaren und Kursen sich damit in die Jung’sche Psychologie einlesen können.

In Ihrem Buch „Mit C. G. Jung sich selbst verstehen“ beschäftigen Sie sich mit dem Thema der Individuation. Was genau ist unter dem Begriff zu verstehen?

Jung hat die Vorstellung, dass es im Menschen eine tief verwurzelte und auch instinktive Bereitschaft gibt, sich weiter zu entwickeln und das auch das individuelle Bewusstsein sich stets im Prozess befindet. Der Individuationsweg ist ein bewusster Weg durch das Leben hin zu einer persönlichen Vollständigkeit oder auch Ganzheit. Das Konzept der Individuation ist ein schönes Konzept das viele Menschen anspricht, da sich, nach Jung, jeder Mensch in einem tieferen Sinne im Laufe seines Lebens individuieren will und zu einer möglichst großen Vollständigkeit kommen möchte.

Aber auch das Bewusstsein spielt bei der Individuation eine tragende Rolle. Es ist wichtig, dass man z. B. an Lebensübergängen bewusst reflektiert und sich fragt „Was passiert gerade mit mir?“. So ist zum Beispiel von jedem Menschen selbst selbst zu prüfen, ob er sich beispielsweise in der Mitte der zwanziger im Aufbruch befindet oder als älterer Mensch orientiert und sich langfristig auf den Tod vorbereiten sollte.

Mit C. G. Jung sich selbst verstehen

Warum haben Sie sich dieses Thema für Ihr Buchprojekt ausgesucht?

Es ging mir darum, die Jung’sche Psychologie, die Konzepte und auch die Anwendbarkeit der Konzepte nicht nur für die Therapie sondern auch als Lebenshilfe zu verdeutlichen. Dabei kam mir das Herzstückkonzept, wie wir auch zum Individuationskonzept sagen, sehr sinnvoll vor. Jeder möchte sich im Leben entwickeln und selbstverwirklichen und der Begriff in der Jung’schen Psychologie für die Selbstverwirklichung ist „Individuation“.

Im Kollektiven Unbewussten, im archetypischen Seelenbereich haben alle Menschen unheimlich viele Potenzen in sich. Man kann davon ausgehen, dass man auf seinem Selbstverwirklichungsweg gut weiterkommt, wenn einem aus dem tieferen seelischen Bereich, also dem Kollektiven Bewusstsein, mehr zuströmt und man sich auch weiter dafür öffnet. Das ist aber auch das Besondere am Jung’schen Konzept. Es geht davon aus, dass es eine Archetypische Ebene gibt, aus der Impulse kommen, die den einzelnen Menschen weiterbringen und ihn auf einen Entwicklungsweg schicken hin zur Selbstverwirklichung.

Symbole spielen in C. G. Jungs Theorien eine große Rolle. Welches Symbol mögen Sie besonders gern und warum?

Grundsätzlich ist die Symbolpsychologie Jungs etwas ganz besonderes. So ist zum Beispiel in der Psychoanalyse die Einstellung zum Symbol ganz anders als wir sie in der Jung’schen Psychologie haben. Wir glauben, dass die Muttersprache der Psyche die Symbolsprache ist. Das heißt, dass Nachts in Träumen, aber auch sonst aus dem Unbewussten die kollektiven Inhalte sich meist symbolisch darstellen und äußern. Wir sind immer und überall umgegeben von Symbolen und man kann immer davon ausgehen, dass ein Symbol mehr sagt als tausend Worte. So sehen wir besonders in den Therapien, was an symbolischer Sprache aus dem Unbewussten kommt, z. B. in den Träumen. Die Symbole, die sich auf diese Weise melden, müssen mit dem Träumer geklärt werden, man muss sich fragen, was die Symbole sagen wollen. Wichtig ist: Symbole können niemals durch denkerisches sprachliches Übersetzen ausgeschöpft werden. Es handelt sich um eine ganz breite Sprache, die nicht konkret ist, was für manche sicherlich ein Problem darstellt, da man nie genau sagen kann, was das Symbol präzise meint, man kann sich der Bedeutung nur annähern.

Um zur Frage zurückzukommen, spontan fällt mir die Symbolik des Göttlichen Kindes ein. Mit diesem Symbol habe ich mich viel beschäftigt. Im Christentum beispielsweise haben wir das göttliche Weihnachtskind, von dem sehr viele Menschen träumen. Auch in allen anderen Kulturen gibt es göttliche Kinder als Symbol der Neuwerdung. Wenn in Träumen Kinder geboren werden, oder vielleicht auch besondere Kinder auftauchen, dann kann man davon ausgehen, dass in der Psyche Neuwerdung und Entwicklung zu neuen Ideen auf der persönlichen Agenda stehen.

Gerne möchten wir Ihnen noch ein paar persönliche Fragen stellen:
Wie entspannen Sie am besten?

Beim Schwimmen und in der Sauna kann ich mich am allerbesten entspannen.
Zudem verbringe ich jeden Sommer meinen Urlaub in Norwegen, immer im gleichen Haus und am gleichen Fjord. Dort kann ich mich besonders gut entspannen.

Kennen Sie eine schöne Achtsamkeitsübung von der Sie uns erzählen möchten?

Wenn ich in Unruhe geraten bin, hilft es mir, mich auf mein Herz zu konzentrieren. Das hat damit zu tun, dass ich oft auf dem Athos war und dort gibt es die alte Tradition, das Herzensgebet zu sprechen. Beim Sprechen dieses Gebetes wird auch sehr auf das Herz und den Atem geachtet. Wenn ich mich auf mein Herz konzentriere, werde ich immer entspannter.

Noch eine letzte Frage, welches Buch hat Sie zuletzt beeindruckt?

Von meiner Kollegin, Frau Professor Dorst, las ich die neue Zusammenstellung der Texte C. G. Jungs zu Spiritualität und Transzendenz. Das hat mich sehr beeindruckt. Obwohl ich die Texte schon alle von vor 20 Jahren kannte, war ich zutiefst beeindruckt davon, wie prophetisch und einzigartig diese Texte sind. Sie sind nicht leicht zu lesen, aber mich hat sehr begeistert, wie Jung seine Vorstellungen von Spiritualität und Religion schon in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts formuliert hat.
Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich mich sehr dafür engagiere die Jung’sche Psychologie und Psychotherapie auch an Laien zu bringen. Denn auch als Nicht-Therapeut kann man sehr von den Konzepten Jungs profitieren, da sie eine gute Lebenshilfe bieten. Auch mein Buch wurde in der Absicht geschrieben, unter anderem psychologieinteressierten Laien ein verständlicher Wegweiser zu sein.

Vielen Dank für das Interview, Ihre Zeit und Mühe.

Dieter Schnocks ist Dipl.-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis, Dozent und Lehranalytiker. Er ist 1. Vorsitzender des C. G. Jung-Instituts Stuttgart und Koordinator der deutschsprachigen C. G. Jung-Gesellschaften.

Das Interview führte Joanna Amor.

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