Brauchen wir einen zweiten Rettungsweg?

Manchmal kommen einem Gedanken, die sind so unglaublich, dass man sie am liebsten sofort wieder in der Versenkung verschwinden lassen möchte. Nach der Verdrängung blinzeln sie immer wieder aus der Versenkung hervor, bis man sagt: Ok, ich spreche sie aus.

Es geht um den Zweiten Rettungsweg, insbesondere bei Gebäuden der Gebäudeklasse 4 mit einer Fußbodenhöhe bis 13 Metern im Wohnungsbau. Dies ist eine Grundfeste des deutschen Baurechts und des Vorbeugenden Brandschutzes: Jede Nutzungseinheit muss für den Brandfall einen zweiten Rettungsweg haben. Ausnahme: Es existiert ein Sicherheitstreppenraum. Ein Sicherheitstreppenraum ist ein Treppenraum, in den Feuer und Rauch nicht eindringen können. Das ist am Besten mit einem außenliegenden Sicherheitstreppenraum zu gewährleisten, der von der Nutzungseinheit nur über einen im freien Luftstrom liegenden Balkon erreicht werden kann – eine schöne und sichere Lösung, der ich immer vertraue. Sie ist aber schwer in der innerstädtischen geschlossenen Blockbebauung zu realisieren.

Gibt es keinen Sicherheitstreppenraum, dann kann der zweite Rettungsweg über Leitern der Feuerwehr realisiert werden. Hier beginnt der Ärger, insbesondere wenn im Bereich der Gebäudeklasse 4 die Straßenbreite und der Abstand der Hauswand von der Aufstellfläche der Drehleiter die zulässigen Maße über- oder unterschreiten oder wenn der ruhende Verkehr die Aufstellung einer Drehleiter massiv behindert. Und was passiert, wenn die schönen Bäume am Straßenrand im Sommer zugewachsen sind? Meistens wird dann versucht, mit »halbseidenen« Kompromissen dem Gesetz Geltung zu verschaffen, obwohl wir wissen, dass es im Ernstfall nur bei Vorliegen wirklich glücklicher Umstände funktioniert. Müssen wir uns auf diese »halben« Lösungen einlassen?

Schauen wir uns einmal die Verbesserungen im Wohnungsbau an, die wir in den vergangenen Jahrzehnten erreicht haben. Die Abschlusstüren der Wohnungen der Gebäudeklasse 4 sind heute alle rauchdicht und selbstschließend, manchmal erfüllen sie wegen des Einbruchsschutzes vielleicht sogar fast die Anforderungen der Feuerwiderstandsklasse T 30. Bald haben wir in jedem Bundesland die Rauchmelderpflicht, welche die Menschen frühzeitig bei einem entstehenden Brand warnt und das schnelle Verlassen des Gebäudes über den zu diesem Zeitpunkt noch sicheren ersten Rettungsweg ermöglicht. Wir führen professionelle Aufklärungskampagnen durch (die gerne noch umfassender werden dürfen), um das richtige Verhalten im Brandfall und die richtige Wartung von Rauchmeldern zu fördern. Ein Gewinn für die Sicherheit!

Können wir unter diesen Bedingungen im Wohnungsbau Zugeständnisse beim zweiten Rettungsweg über Leitern der Feuerwehr machen? Die Frage ist ketzerisch und ich würde sie mir nicht als Brandrat am Anfang einer Karriere erlauben. Aber die Probleme, die wir bei der Realisierung des zweiten Rettungsweges über Leitern der Feuerwehr haben, bringen mich hier zum Nachdenken! Ein versöhnlicher Kompromiss könnte es werden, wenn man über einen »Sicherheitstreppenraum –light« nachdenken dürfte! Können wir, unterhalb der Sicherheitsreppenraumqualität, wie sie auch für 100 Meter hohe Hochhäuser gilt, eine leichtere Version eines Sicherheitstreppenraumes für die Gebäudeklasse 4 im Wohnungsneubau finden, die den Sicherheitsbedürfnissen der Bevölkerung und auch denen der Feuerwehr entspricht?

Lösungen, unter der Voraussetzung von feuerhemmenden und selbstschließenden Wohnungstüren, mit großen Öffnungen zum Rauchabzug und einem Ventilator, der eine »Spüllüftung« erzeugt, sind nicht neu. Kombiniert mit der flächendeckenden Ausstattung mit Rauchmeldern – könnte man darüber nicht nachdenken? Ich weiß, diese Gedanken sind ketzerisch, aber vielleicht sollten wir einfach mal versuchen, liebgewordene Gewohnheiten unter den aktuellen Verhältnissen kritisch zu überprüfen!

FRIEDER_KIRCHER

Diplom-Ingenieur Frieder Kircher,
Leitender Branddirektor
Berliner Feuerwehr

Unsere Social-Media-Links sind so konfiguriert, dass der jeweilige Betreiber nur dann Ihre Nutzerdaten erhält, wenn Sie wirklich klicken.
Datenschutzerklärung | Impressum

Dieser Artikel wurde unter Feuerwehr veröffentlicht und mit , , , , verschlagwortet. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Direktlink.