Müssen wir forschen?

»Feuerwehrleute sind Praktiker, die Probleme pragmatisch lösen, und haben keine Zeit für die wissenschaftlichen Arbeitsweisen«. Das ist eine These, die man oft hört und mit der so mancher systematische Ansatz zur Problemlösung im Brand- und Katastrophenschutz in Frage gestellt wird. Können wir uns eine derartige Haltung erlauben?

Ich bin der Meinung: Nein! Viele kleine Probleme unseres Arbeitsalltags müssen zwar pragmatisch gelöst werden, aber manchmal ist eine systematische Herangehensweise langfristig doch zielführender! Wir können mit wissenschaftlicher Unterstützung komplexe Probleme lösen, wo dem Praktiker im Feuerwehrwesen manchmal das Know-How fehlt. Es gibt zahlreichen Fragen, die zum Beispiel nur mit Methoden aus der Sozialwissenschaft angegangen werden können. Mithilfe von fachübergreifend aufgestellten Forschungsprojekten können wir Lösungen finden, die auch die Qualität unserer Hilfeleistung entscheidend erhöhen können. Forschung führt dazu, dass mit innovativen Lösungsansätzen ein deutlicher Mehrwert erzielt wird. Dieser stellt sich nicht sofort, sondern erst in der Zukunft ein. Durch Mitarbeit in Forschungsvorhaben erreichen wir für unsere Aufgaben den neuesten Stand der Technik und bleiben so auf der Höhe der Innovationen.

Wir stellen im aktuellen Heft der Brandschutz/Deutsche Feuerwehr-Zeitung mit zwei Beiträgen aus dem Programm »Forschung für die zivile Sicherheit« der Bundesregierung wieder Forschungsarbeiten im Zivil- und Katastrophenschutz vor. Als wichtig hat sich nach meiner Meinung die Beteiligung von Praxispartnern bei diesen Forschungsvorhaben herausgestellt. Mit der Beteiligung von Praxispartnern, wie beispielsweise den Feuerwehren, bekommen die Forschungsergebnisse eine deutlich höhere Akzeptanz bei den Anwendern. Dazu müssen sich aber die Feuerwehren auch mit ihren wissenschaftlich ausgebildeten Führungskräften beteiligen. Viele Führungskräfte sind in langen Jahren von der Praxis und der pragmatischen Problemlösung geprägt; aber alle haben einmal wissenschaftlich gearbeitet und sollten diese Fähigkeit nicht verlieren!

Wissenschaftliche Ausbildung, gepaart mit einem hohen Maß an praktischer Erfahrung, können genau die beiden Faktoren sein, welche die Lösung komplexer Probleme auch im Zivil- und Katastrophenschutz vorantreiben und für alle einen deutlichen Mehrwert generieren.

Deshalb: Wir müssen unser Praxiswissen in der Forschung für die zivile Sicherheit einbringen. Forschungsstreben von jungen Nachwuchskräften, gepaart mit der Erfahrung von »alten Hasen« bringt uns weiter! Ich will auch nicht verleugnen, dass erfolgreiche Forschungsarbeit natürlich auch Spaß machen kann! Meine beiden Forschungsprojekte »TankNotStrom« und »Kat-Leuchttürme« haben bzw. machen noch Spaß, auch wenn es manchmal anstrengend ist. Aber Erfolg und Anerkennung ist die Belohnung für diese Arbeit. Auch aus der Geschichte gibt es viele Beispiele, wie Angehörige der Feuerwehren durch Forschung die Weiterentwicklung des Feuerwehrwesens beeinflusst haben: Ich möchte hier nur den Hamburger Branddirektor Adolph Libert Westphalen (1851 – 1916) anführen, der die Grundlage der wissenschaftlichen Ausformung des Feuerwehrwesens im Vorbeugenden Brandschutz und in der Brandbekämpfung legte. Man könnte viele ergänzen!

Ich freue mich darauf, wenn wir im nächsten Jahr bei der »INTERSCHUTZ« Forschungsleistungen der Feuerwehren präsentieren können und so unter Beweis stellen, dass Forschung vor allem Arbeit für die Zukunft ist.

FRIEDER_KIRCHER

Diplom-Ingenieur Frieder Kircher,
Leitender Branddirektor
Berliner Feuerwehr

 

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