Der Krieg im 20. und 21. Jahrhundert

Malte Riemann bietet eine konzise Einführung in die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Krieges und ihren Entwicklungen seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Anschaulich befasst er sich mit den Kriegsarten, Kriegstechnologien und militärischen Strategien. Über den engen militärischen Bereich hinaus werden aber auch die Wirkungen des Krieges auf die Gesellschaften und die Politik der kriegführenden Länder beschrieben.

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Malte Riemann
Der Krieg im 20. und 21. Jahrhundert
Entwicklungen und Strategien

2020. 168 Seiten, 15 Abb. Kart. € 28,–
ISBN 978-3-17-032767-2

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Herr Dr. Riemann, im globalen Kontext stehen derzeit die Auswirkungen der Coronakrise sowie die Folgen des Klimawandel im Zentrum des Interesses. Warum ist es trotzdem wichtig sich mit dem Phänomen Krieg zu beschäftigen?

Zunächst sehe ich hier eine vielfältig gefährliche Konvergenz zwischen diesen drei Phänomenen. Obwohl eine Pandemie natürlich keinen Kriegszustand darstellt, so lassen sich doch einige Parallelen zwischen dem Krieg und der Coronakrise feststellen. Innenpolitisch sehen wir, wie Staaten ihre Befugnisse dem Kriegszustand ähnelnd ausweiten, was zum Aussetzen von Freiheitsrechten durch Ausgangssperren und weitgreifende Sicherheitsmaßnahmen führt. Hinzu kommt, dass das Virus im politischen Diskurs von einer Kriegsrhetorik umzogen ist. Corona wird als „Feind“ tituliert gegen den wir „in den Krieg ziehen“ müssen und den es „zu vernichten gilt“. Der Kriegsdiskurs und die Ausweitung von staatlichen Befugnissen können zu einer sich verstärkenden Militarisierung und Versicherheitlichung (securitization) von Gesundheitsfragen führen, deren Auswirkungen sich oftmals zunächst gegen Randgruppen richtet. Neben diesen innenpolitischen Effekten kann das Virus darüber hinaus jedoch auch zwischenstaatliche Spannungen verstärken. Gegenwärtig sehen wir ja wie das Corona-Virus die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und China weiter anheizt. Der Klimawandel trägt ebenfalls zu einer Vielzahl von Konflikten bei und kann als ein weiterer Konfliktkatalysator angesehen werden. Die Konfliktforschung hat schon lange hierauf hingewiesen und gewarnt, dass der Klimawandel die Nachfrage nach natürlichen Ressourcen erhöhen und eine Verknappung erneuerbarer Ressourcen wie Ackerland, Wasser und Wälder verursachen wird. Diese Verknappung kann tiefgreifende soziale Folgen haben, die zu Krieg, Aufständen, städtischer Gewalt und anderen Formen von Konflikten führen können. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie verstärken dieses Potential weiter.

Wie sie anmerken, ist neben Corona und Klimawandel auch der wirtschaftliche Konflikt zwischen den USA und China ein dominierendes Thema. Stehen wir an der Schwelle des Kalten Krieges 2.0?

Persönlich halte ich diesen Vergleich als nicht angemessen, da es sich bei diesen Spannungen nicht um einen Systemwettbewerb zwischen zwei unterschiedlichen Ideologien handelt. Selbst eine Abwendung von der Metapher des Kalten Krieges und hin zu einer Charakterisierung des gegenwärtigen Zustandes als einem neuangelegten Großmächtekonfliktes zwischen den hegemonialen USA und der aufstrebenden Weltmacht China halte ich für etwas zu kurz gegriffen. Graham T. Allison gab dieser Idee kürzlich starken Auftrieb, in dem er diesen Konflikt mit dem Peloponnesischen Krieg zwischen Athen und Sparta gleichsetzte. Mir sind beide Ansätze zu sehr von der Theorie des Realismus getrieben, welcher das Verhalten von Staaten auf Machtstreben und fortwährendem Konflikt reduziert und gleichzeitig innenpolitische Entwicklungen und politische sowie wirtschaftliche Kooperationen ignoriert. Statt eines Kalten Krieges 2.0 sehen wir widersprüchlichere Muster der Zusammenarbeit und der Rivalität zwischen den beiden Staaten, zu denen die Konflikte um das Chinesische Meer sowie das 5G Netzwerk gehören, aber wir sehen auch gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeiten und gemeinsame sicherheitspolitische Interessen.

Im Buch beschreiben sie den Wandel der Kriegsführung vom Ersten Weltkrieg bis zum Cyberkrieg des 21ten Jahrhunderts. Wie haben sich Krieg und Kriegsführung in diesem Zeitraum verändert?

Aufnahme vom World Trade Center am 11. September 2001, kurz nachdem der zweite Turm eingestürzt war.

Über einen so langen Zeitraum sind die Veränderungen in der Kriegsführung natürlich vielfältig und vielschichtig, denn wie der berühmte preußische General Carl von Clausewitz (1780–1831) bereits im 19. Jahrhundert anmerkte, ist der Krieg ein Chamäleon, welches sich seinen Umweltbedingungen anpasst. Und hier sah das letzte Jahrhundert weitreichende technologische, kulturelle, politische und gesellschaftliche Veränderungen, welche schwerlich knapp darzustellen sind. Drei Aspekte möchte ich jedoch anmerken: Zunächst hatten und haben technologische Veränderungen maßgeblichen Einfluss auf den Krieg und die Kriegsführung. Deutlich wird dies in Bezug auf die Erhöhungen der Feuerkraft, vom Maschinengewehr, über den Panzer bis hin zur Atombombe, sowie der Vergrößerung der Reichweite von modernen Waffensystemen, vom Flugzeug zur Interkontinentalrakete. Diese technologischen Innovationen, und das ist ein zweiter Punkt, öffneten dem Krieg neue Domänen. Nach Land und Wasser machte der Erste Weltkrieg den Luftraum zum Teil des Schlachtfelds. Während des Kalten Krieges erweiterte sich dies bis in das Weltall. Entwicklungen im Bereich der Informationstechnologie machten dann den Cyberraum zu einer weiteren Domäne, auch wenn diese in der Forschung umstritten ist. Drittens lässt sich eine Veränderung in Bezug auf den Akteur des Krieges feststellen. Gehen wir traditionell vom Staat als kriegsführende Partei aus, so zeigt sich, dass der Krieg zunehmend entstaatlich wird und der Staat nicht länger der einzige oder gar dominierende Akteur im Kriegsgeschehen ist. Gewaltunternehmer, Warlords Milizen, sowie private Militär- und Sicherheitsfirmen sind zunehmend treibende Akteure. Die gegenwärtigen Konflikte in der Ukraine und in Syrien verdeutlichen dies und weisen dazu auf eine Vermischung staatlicher und nichtstaatlicher Akteure hin. Die Idee des Hybridkrieges gibt diesem Ausdruck und weist darüber hinaus darauf hin, dass die konzeptionelle Trennung zwischen Krieg und Frieden zunehmend zu verschwimmen scheint, da Staaten kaum noch Kriege erklären und verstärkt auf nichtstaatliche Akteure zurückgreifen, um ihre Interesse zu verteidigen, rechtliche Normen zu umgehen und Kriege im Schatten der eigenen Öffentlichkeit zu führen.

Im letzen Kapitel wagen sie einen Blick in die Zukunft. Welche Trends zeichnen sich Ihrer Meinung nach in Bezug auf den Krieg der Zukunft ab?

Es ist natürlich schwierig direkte Vorhersagen zu treffen. Trotzdem denke ich, dass sich zwei Trends bereits abzeichnen und ein dritter mehr und mehr in den Bereich des Möglichen rückt.
Zunächst sehen wir große Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI). Diese könnten es in naher Zukunft möglich machen unbemannte, autonome Waffensysteme zu entwickeln, die ohne menschlichen Einfluss eigenständig Ziele auswählen und bekämpfen.

Neben dieser technologischen Veränderung scheint sich in der Zukunft des Krieges ein „alter“ Kriegsschauplatz als zukünftige Domäne herauszukristallisieren. Städte, so die Voraussage von hochrangigen Militärs und zivilen Wissenschaftlern, werden im 21. Jahrhundert eine der Hauptkampfzonen der Zukunft darstellen. Historisch kämpften Streitkräfte um Städte, jedoch nicht in ihnen, da mit hohen Verlusten in der Zivilbevölkerung zu rechnen war und außerdem die Gefahr bestand, in Hinterhalte zu geraten und die Manövrierfähigkeit moderner Streitkräfte zu verlieren. Globale Entwicklungen, wie etwa die zunehmende Urbanisierung und die Wichtigkeit von Städten als global-strategische Zentren, verändern diese Sichtweise jedoch.

Dresden. Blick vom Rathausturm nach Süden mit der Allegorie der Güte (auch: Bonitas; Skulptur von August Schreitmüller, entstanden 1908/1910), Aufnahme von 1945.

Drittens könnte sich der Kriegsführung, nach Land, Wasser, Luft, Weltraum und Cyber-Raum, eine sechste Domäne erschließen: der menschliche Verstand selbst. Was wie Science-Fiction klingt, scheinen technologische Fortschritte im Feld der Neurowissenschaften zu ermöglichen. Im wissenschaftlichen Diskurs wird diese Form der Kriegsführung mit dem Begriff neurowarfare (neurologische Kriegsführung) bezeichnet und das amerikanische Verteidigungsministerium arbeitet hieran als Teil der BRAIN Initiative. Hierbei wird das menschliche Gehirn zum Schlachtfeld, bei dem versucht wird, in den Verstand des Gegners einzudringen und diesen zu manipulieren oder zur Aufgabe zu zwingen. Dies kann durch Neurowaffen, wie etwa neurotrope Pharmazeutika erreicht werden, welche darauf abzielen, die kognitiven, emotionalen und motorischen Eigenschaften des Gegners zu beeinflussen und dessen Fähigkeiten (z. B. Wahrnehmung, Beurteilung, Moral, Schmerztoleranz und körperliche Ausdauer) zu beinträchtigen. Wissenschaftliche Fortschritte in diesem Bereich können somit zu einem grundlegenden Wandel in der Kriegsführung führen, da die Eroberung des neurologischen Terrains theoretisch eine Dominanz über alle anderen Domänen der Kriegsführung möglich macht.

In Großbritannien ist die Forschung zu den Thematiken Krieg und Kriegsführung ein fester Bestandteil der akademischen Debatte und „war studies“ eine eigene, anerkannte Subdisziplin der Internationalen Beziehungen. Wo sehen Sie in diesem Feld die interessantesten Entwicklungen?

Zwei Entwicklungen sind für mich die derzeit spannendsten. Zunächst ist dies der sich in den letzten Jahren, basierend auf den Denkanstößen von Tarak Barkawi und Shane Brighton, entwickelnde Ansatz der kritischen Kriegsstudien (Critical War Studies). Angelehnt an das Werk des französischen Philosophen Michel Foucault, wird der Krieg hier als generativer und produktiver Gewaltakt definiert, der kein Wesen hat, sondern als transformative Kraft verstanden werden muss. Dies öffnet den Blickwinkel auf den Krieg als etwas, das sich nicht nur im Sinne von Clausewitz wie ein Chamäleon seiner Umgebung anpasst und somit seine Gestalt ändert, sondern als etwas, das auch seine Umgebung selbst verwandelt. Das Zusammenspiel von Krieg, Wissen und Macht eröffnet somit neue Einblicke in oftmals übersehene Aspekte der Militarisierung von Gesellschaften.

Der italienische Künstler Bruno Caruso fotografiert einen Guerillakämpfer mit einem AK-47 Maschinengewehr.

Im Einklang mit den kritischen Kriegsstudien, und das ist für mich die zweite interessante Entwicklung, zeigt sich in der Forschung ein gesteigertes Interesse daran, den die Kriegsforschung kennzeichnenden Eurozentrismus, das heißt europäische Wertvorstellungen und Kategorien, in Frage zu stellen. Dies ermöglicht es, strukturierende Hierarchien im Kriegsdiskurs sichtbar zu machen. Während, zum Beispiel, westliche Kriegsführung als „männlich“, „zivilisiert“ und „sauber“ dargestellt wird, charakterisieren Attribute wie „irrational“, „feminin“ und „kriminell“ nichtwestliche Formen der Kriegsführung. Die BlackLivesMatter Proteste und der hierdurch verstärkte Ruf nach einer weitreichenden Auseinandersetzung mit den immer noch gegenwärtigen Auswirkungen des Kolonialismus kann die Kriegsforschung deshalb nicht unberührt lassen und es ist deshalb notwendig, wie Barkawi schon lange vorher anmerkte, diese zu „de-kolonialisieren“.

Das Interview mit Herrn Dr. Malte Riemann führte Herr Dr. Peter Kritzinger aus dem Lek­torat des Bereichs Geschichte/ Politik/ Gesell­schaft.

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