Numismatik – Faszination Münzen

Münzen und Medaillen faszinieren zahlreiche Sammler und Liebhaber. Für die Epochen vor der Moderne gehören sie zudem zu den umfang­reichsten histori­schen Quellen­gruppen. Ihre Bilder und Inschriften geben Einblicke in zahlreiche Aspekte der Wirtschafts-, Verfassungs-, Kunst- und Kultur­geschichte. Dennoch teilt die Numis­matik an den Universi­täten das beklagens­werte Schicksal anderer historischer Grund­wissen­schaften, mit dem Effekt, dass Münz­experten heute rar sind. Benötigt werden sie aber nach wie vor – nicht nur für die Wissen­schaft, sondern auch für eine Viel­zahl außer­univer­si­tärer Tätigkeiten.

Sebastian Steinbach kann auf 20 Jahre Erfahrung als Numis­matiker zurück­blicken und war neben der Univer­sität im Handel und im Museum tätig. Geschrieben hat er ein Buch, das anhand zahl­reicher Bei­spiele die Arbeits­techni­ken und Methoden der Numis­matik vor­stellt und dabei besonders auch die spezifi­schen Anforde­rungen der numis­matischen Berufs­felder in den Blick nimmt. Studierenden, aber auch Sammlern, Münz­begeis­terten und angehen­den Prakti­kern wird anschau­lich und unter­haltsam das zentrale Hand­werks­zeug eines Münz­kund­lers vermittelt.

Lesen Sie erste Eindrücke in unserem Interview mit dem Autor.

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Sebastian Steinbach
Numismatik
Eine Einführung in Theorie und Praxis

2021. 217 Seiten, 77 Abb. Kartoniert. € 22,–
ISBN 978-3-17-041008-4

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Herr Dr. Steinbach, was tun Numismatiker?

Der Begriff Numismatik leitet sich von dem latei­nischen (nummus) und griechi­schen (nomisma) Wort für „Münze“ ab. Numismatiker beschäf­tigen sich in erster Linie mit histori­schem Geld in seiner mate­riellen Form, also mit der Geschichte und Ent­wick­lung von Münzen als Zahlungs­mittel. Darüber hinaus unter­suchen sie aber auch andere Geld­formen wie Papier­geld oder Notgeld und münz­ähnliche Objekte wie Medaillen oder Orden. Außerdem brauchen sie für ihre Arbeit Kennt­nisse in der Wirt­schafts- und Geld­geschichte, um beispiels­weise histo­rische Währungs­bezeich­nungen auflösen oder etwas über den Münz­gebrauch (Preise und Löhne) in der jewei­ligen Epoche aussagen zu können.

Wie wird man eigentlich Numismatiker?

Numismatiker ist keine geschützte Berufs­bezeich­nung – Wissen­schaftler an Universi­täten oder Museen und Archiven nehmen sie genauso für sich in Anspruch wie Münz­händler oder Münz­sammler. Aufgrund des mangeln­den fach­spezifi­schen Lehr­angebots an den deutschen Hoch­schulen sind viele Numis­matiker heute Auto­didakten: Auf der Basis von Grund­lagen­wissen, das besten­falls noch in den Ein­füh­rungs­veran­stal­tungen der geistes­wissen­schaft­lichen Dis­ziplinen Geschichte, Archäo­logie, Histo­rische Hilfs­wissen­schaften oder Kunst­geschichte vermittelt wird, erweitern sie ihre Kenntnisse durch intensives Selbst­studium und prak­tische Phasen an Münz­kabi­netten oder in Auktionshäusern. Der Vorteil dieses Mangels an aka­demi­scher An­bindung liegt darin, dass angehende Numis­matiker dadurch von Anfang an berufs­orien­tiert an ihr Studium heran­gehen und oftmals mit wichtigen Kontakten für eine spätere Beschäf­tigung die Universität verlassen.

Und was können wir eigentlich von „alten Münzen“ lernen?

Numismatische Arbeitsmaterialien
Numis­matische Arbeits­materialien (Foto: Julia Bergmann).

Münzen vermitteln Informa­tionen, die weit über das rein Geld­geschicht­liche hinausgehen. Es sind zugleich Alltags­gegen­stände, Reprä­senta­tions­objekte und Medien­träger. In ihren Bildern und Inschriften spiegelt sich nahezu alles, was die Menschen damals bewegte: Krieg und Frieden, Geburt und Tod, Glauben und Wirt­schaften. Wir erfahren etwas über histo­rische Klei­dungs­stile, antike Gott­heiten, herr­schaft­liche Ansprüche, poli­tische Symbolik und bedeutende Ereignisse. Gerade in Zeiten mangel­hafter Schrift­über­liefe­rung wie der Antike und dem Mittel­alter geben uns Münzen oft wichtige Hinweise – so kennen wir manchen römischen Feldzug oder einige Äbtis­sinnen nur von ent­sprechend geprägten Münzen. Für die Archäo­logie stellen Münzen darüber hinaus immer noch eine der wich­tigs­ten Datie­rungs­möglich­keiten für Fund­horizonte dar.

Geisteswissenschaftliche Absolventen müssen sich im Arbeits­markt regel­mäßig als Quer­einsteiger verdingen. Welche Berufs­optionen bieten sich Numis­matikern nach dem Studium an?

Numismatiker sind mittler­weile zu gefragten Spezia­listen im Kanon der klassi­schen Geistes­wissen­schaften geworden, deren Wissen gebraucht wird und die deshalb auf dem akade­mischen Arbeits­markt vergleichs­weise gute Chancen haben. Sie können ebenso als Fach­journa­listen bei den zahl­reichen großen Print- und Online-Münz­zeit­schriften arbeiten, wie im Museum, in einem der großen Münz­kabinette oder in den geld­geschicht­lichen Samm­lungen der kommunalen und staatlichen Archive. Aber auch in der Privat­wirt­schaft bieten sich ihnen gute Berufs­aus­sichten in einer der zahl­reichen Münz­hand­lungen sowie den natio­nalen Präge­anstalten, dem Roh­stoff­handel (Anlage­münzen) oder in inter­natio­nalen Auktions­häusern. Hier gilt wie in anderen Geistes­wissen­schaften auch, dass man sich am besten bereits während des Stu­diums mit den unter­schied­lichen Berufs­feldern im Rahmen von Praktika vertraut macht und wichtige Kontakte knüpft.

Die Numismatik ist aber nicht nur eine akade­mische Disziplin, sie ist auch eine beliebte Frei­zeit­beschäftigung. Was faszi­niert die Menschen an alten Münzen?

Der Autor neben dem Denkmal des Münzschlägers auf dem Marktplatz von Wipperfürth.
Der Autor neben dem Denkmal des Münz­schlägers auf dem Marktplatz von Wipperfürth.

Vor allem die Möglich­keit, ein historisches Objekt, dass vielleicht tausend und mehr Jahre alt ist, selbst in Händen halten zu können und sich dabei zu überlegen, durch wie viele und welche Hände dieses Objekt wohl bereits gewandert sein mag. Der Vorteil der Mehr­fach­über­liefe­rung bei Münzen macht es möglich, dass sich nahezu jeder ein Stück seiner Lieb­lings­epoche oder seiner Lieb­lings­region nach Hause holen kann. Dabei begegnen wir bekann­ten Herrscher­per­sönlich­keiten wie Julius Cäsar oder Alexander dem Großen ebenso wie Fried­rich Barbarossa oder Napoleon Bonaparte. Sie alle haben Münzen geprägt und mit diesen kann man direkt in die Geschichte eintauchen. Hinzu kommt natür­lich die Faszi­nation der Edel­metalle Gold und Silber. Kein Wunder also, dass Münzen bereits seit der Renais­sance gesammelt wurden und die großen euro­päi­schen Münz­kabi­nette in der Regel aus fürst­lichen Privats­ammlungen hervorgegangen sind.


Das Interview mit dem Autor PD Dr. Sebastian Steinbach führte Dr. Julius Alves aus dem Lektorat des Bereichs Geschichte/ Politik/ Gesellschaft.