Tradition und Erneuerung im Ringen um die Zukunft

Der gesamte Nahe Osten vom Mittelmeer bis zum Hindukusch scheint sich im Umbruch, ja im Aufruhr zu befinden. Gewalt, Armut, Flüchtlingsströme und religiöser Fanatismus – das sind die Schlagworte, die in den westlichen Medien über die Region vermittelt werden. Die Einseitigkeit der Darstellung ist trügerisch und unterschlägt zudem, dass an vielen Problemen der Westen zumindest eine Mitverantwortung trägt. Um die komplexe politische Situation im Nahen Osten richtig einordnen und die aktuellen Entwicklungen begreifen zu können, führt an einem Blick auf die wechselvolle Geschichte der Großregion kein Weg vorbei.

Hierzu lädt uns Udo Steinbach mit seinem neuen Buch ein, dessen Darstellung vor rund 120 Jahren mit der persischen Revolution im Jahr 1906 und dem Putsch der Jungtürken zwei Jahre später einsetzt. Beiden historischen Ereignissen folgt ein Jahrhundert innerer Umbrüche und äußerer Interventionen, in dem der Nahe Osten stets auf der Suche nach Eigenständigkeit war, jenseits von überkommenen Herrschaftssystemen und kolonialer Fremdherrschaft.

Und doch hat die Großregion weit mehr als nur Krisen und Konflikte zu bieten: Auf der Suche nach einer eigenständigen Identität hat sich in vielen Ländern eine fruchtbare und reiche Kulturlandschaft entwickelt. Und der Blick auf diese Errungenschaften eröffnet vielversprechende Perspektiven für eine gemeinsame Zukunft.

Lesen Sie erste Eindrücke in unserem Interview mit dem Autor.

Umschlagabbildung des BuchesNeu!

Udo Steinbach
Tradition und Erneuerung im Ringen um die Zukunft
Der Nahe Osten seit 1906

2021. 607 Seiten, 45 Abb., 2 Karten. Kartoniert. € 39,–
ISBN 978-3-17-031338-5

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Herr Professor Dr. Steinbach, jüngst hat in den Medien der Abzug westlicher Truppen aus Afghanistan, an den sich die Machtübernahme der Taliban nahezu nahtlos anschloss, sowie das Chaos bei der Evakuierung von sogenannten Ortskräften viel Aufmerksamkeit erfahren. Was ist hier schiefgelaufen? Und was halten Sie im Allgemeinen von solchen Versuchen, ein Land „von außen“ zu „modernisieren“?

„Modernisierung“ hat im Nahen Osten stets zwei Dimensionen: eine innere und eine äußere. Seit dem 19. Jahrhundert blickten die einheimischen Eliten nach Europa, wo sie eine politische und kulturelle Dynamik entdeckten, der gegenüber der Nahe Osten und die islamische Welt ins Hintertreffen geraten waren. Wie konnten die Gesellschaften, die zutiefst von der islamischen Religion geprägt sind, den Abstand aufholen und aus der Unterlegenheit auf die gleiche Augenhöhe gelangen? Bei der Antwort auf diese Frage sahen sich die Modernisierer einem Dilemma gegenüber: Ihre Anerkennung, ja Bewunderung der humanistischen Werte und liberalen Institutionen wurde durch die Politik der europäischen Mächte konterkariert, die hemmungslos auf kolonialistischen Gewinn und imperialistischen Machtzuwachs ausgerichtet war. Auf diese Weise trug die Politik der europäischen Mächte (und nach dem Zweiten Weltkrieg der „Supermächte“ USA und Sowjetunion) zur Diskreditierung eben jener politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Eliten bei, die eine Synthese von europäischen und traditionellen Werten suchten. Auch Afghanistan hatte sich auf diesen Weg der Modernisierung begeben. Erst die sowjetische Invasion nach 1980 und dann die Invasion der NATO seit 2001 haben erzkonservative gesellschaftliche Kräfte mobilisiert und ihnen die Legitimation verschafft, im Namen der Würde und Identität Afghanistans die Macht in Kabul zu ergreifen.

Zivilisten warten am 18. August 2021 am Flughafen von Kabul auf ihre Evakuierung
Zivilisten warten am 18. August 2021 am Flughafen von Kabul auf ihre Evakuierung. Foto: Victor Mancilla/U.S. Central Command, Public Affairs (public domain).

In Ihrem Buch spielt der Dialog zwischen Europa und dem Nahen Osten eine zentrale Rolle. Besonders augenfällig, so könnte man meinen, ist dieser und sein Wandel an der Türkei zu erkennen, die sich zunächst eine strikt laizistische Ordnung gab, später in die NATO eingebunden wurde und lange Beitrittskandidat der EU war. Heute gilt Erdogans Türkei wieder als religiös-konservative, rückständige quasi-Diktatur, auf die Europa in der Flüchtlingskrise zwar notgedrungen angewiesen war und ist, mit der man aber eigentlich nichts zu tun haben will. Trügt dieses Bild? Wie ernst war es und ist es uns Europäern wirklich mit einer Annäherung?

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wird mit dem Satz zitiert, die Jahre 2006 bis 2012 seien die freiesten in der Geschichte der Türkischen Republik (seit 1923) gewesen. Tatsächlich waren das Jahre, in denen die Türkei mit der EU um eine Mitgliedschaft verhandelte. Zugleich machte das Land wirtschaftlich einen gewaltigen Sprung nach vorn. Während sich die Türkei anschickte, den Regeln der EU gemäße tiefgreifende Reformen durchzuführen, musste sich Ankara – etwa aus Paris und Berlin – anhören, dass auch ein erfolgreicher Abschluss der Verhandlungen selbstredend nicht automatisch die Aufnahme des Landes als Vollmitglied bedeuten würde. In der Folge wandte die Regierung unter Präsident (seit 2014) Erdogan der EU den Rücken und setzte andere außenpolitische Prioritäten. Zugleich wandelte sich die politische Großwetterlage: Die Konflikte im Nahen Osten setzten eine Lawine von Flüchtlingen in Richtung auf Europa in Bewegung. So wuchs die Türkei in die Rolle eines Torwächters hinein, in der Herr Erdogan Europa die Regeln des Spiels diktieren kann. Von einer EU-Mitgliedschaft der Türkei ist nicht mehr die Rede. Brüssel und Ankara begegnen sich auf der Grundlage von interessengeleiteter Realpolitik.

Merkel und Erdogan auf dem World Humanitarian Summit 2016
Merkel und Erdogan auf dem World Humanitarian Summit 2016. Merkel zählte zu denjenigen, die statt einer EU-Mitgliedschaft der Türkei für eine „privilegierte Partnerschaft“ eintraten. Foto: World Humanitarian Summit (CC BY-ND 2.0).

Ihnen ist es wichtig, dass die Region nicht immer nur als ewiger Konfliktherd verkürzt wird. Unter den kulturellen Glanzlichtern, auf die man verweisen kann, scheint mir der iranische Film besonders spannend, der trotz staatlicher Zensur immer wieder gefeierte und international ausgezeichnete Produktionen zustande bringt. Können Sie erläutern, wie man sich das Filmemachen in Iran vorstellen kann? Welche Themen sind im iranischen Film besonders hervorzuheben?

Regisseur Jafar Panahi auf der Berlinale 2006 mit dem Silbernen Bären für Offside
Regisseur Jafar Panahi auf der Berlinale 2006 mit dem Silbernen Bären für Offside. Foto: Siebbi (CC BY 3.0).

Gerade der Film ist – neben anderen Bereichen der Kultur – ein Medium, das erkennen lässt, wie stark die positive geistig-kulturelle Interaktion zwischen Europa und breiten Teilen der Eliten in der islamischen Welt in der Vergangenheit gewesen ist. Politische Repression und religiöse Engstirnigkeit haben nicht vermocht, diese zu blockieren. Der Film, der sich unter den Einschränkungen eines religiösen Regimes in Iran entwickelt hat, ist dafür ein besonders eindrückliches Beispiel. Die Künstler entdecken den Reichtum der menschlichen Gefühlswelt und lassen diese in intensiven Bildstrecken in Erscheinung treten. Zugleich erscheint der Staat – auch ohne unmittelbar sichtbar zu sein – als eine Gegenwelt, der man unentwegt ein Schnippchen schlägt. Nicht erst seit Jafar Panahis Film Taxi Teheran (2015) freilich regt sich bei dem Zuschauer ein kurioser Verdacht: dass nämlich der Staat selbst die Entstehung der Filme begünstigt. Viele von ihnen würden gar nicht produziert werden können, wenn nicht die Behörden die Augen verschließen oder die Polizei während der Dreharbeiten den Verkehr regeln würde. Derselbe Staat, in gewisser Weise nicht ohne Stolz auf die internationalen Erfolge seiner Künstler, verhängt dann nach Abschluss der Dreharbeiten in einer Art von Schizophrenie Ausreiseverbote, Hausarrest und Gefängnisstrafen gegen die Filmemacher.

Mir geht es darum zu zeigen, dass es jenseits der täglichen Tatarenmeldungen aus dem Nahen Osten und der daraus erwachsenden negativen Wahrnehmung der Region im Westen nach wie vor breite Räume der Begegnung und damit der Hoffnung auf eine friedliche Gestaltung der nahöstlichen Welt gibt.

Der Nahe Osten ist seit dem 20. Jahrhundert und dem Ende der Fremdherrschaft von der Suche nach einer eigenen Identität geprägt, einem „Ringen um die Zukunft“ zwischen den Polen „Tradition“ und „Erneuerung“. Ist es zu kurz gedacht, wenn man unter Tradition insbesondere den Islam, unter Erneuerung die Annäherung und der Dialog mit dem Westen versteht? Gibt es Visionen zu einer Synthese der Pole?

Ja, das ist zu kurz gedacht! Ohne Zweifel kommt dem Islam ein hoher Stellenwert im Kontext von „Tradition“ unter den Kulturen im Orient zu. Aber andere Teile der geschichtlichen Erfahrungen der Völker haben ebenfalls großes Gewicht. Die Theoretiker des arabischen Nationalismus (unter ihnen viele Christen) verweisen auf die eindrucksvollen Leistungen der Araber auf vielen Gebieten der Kultur und Wissenschaft und die Gründung großer Imperien. Die Iraner fühlen sich als Erben einer vorislamischen Hochkultur; von ihr handelt das Schahnameh („Königsbuch“) des Epikers Firdausi. Die Türken können auf die osmanische Reichsgründung und die Höhe von Zivilisation und Baukunst verweisen. Erst in der letzten Phase des Niedergangs entdeckten die Herrscher eine islamische Legitimation. Die Jahrzehnte der Bemühungen, einen Platz in der neuen Welt zu finden, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden war, standen dagegen im Zeichen säkularer Ideologien: des Nationalismus und des Sozialismus.

Die Stimmen, die im Sturm des sogenannten „arabischen Frühlings“ hörbar wurden, riefen nicht nach einer islamischen Ordnung, sondern nach Anerkennung der Würde der Bürger, nach einer Verfassung und nach Pluralismus. Die Verfassung, die 2013/14 in Tunesien von zivilgesellschaftlichen Organisationen ausgehandelt wurde, ist die Grundlage für eine säkulare Demokratie. Gerade die Entwicklungen in Tunesien seither zeigen, wo im „Ringen um die Zukunft“ zwischen den Polen „Tradition“ und „Erneuerung“ die wirklichen Probleme liegen: In der wirtschaftlichen Not breiter Teile der Bevölkerungen und der unausgewogenen Verteilung der Gewinne, d. h. in der sozialen Sackgasse. Die enormen wirtschaftlichen Potenziale, nicht zuletzt in Gestalt von Erdöl und Erdgas, sind über Jahrzehnte für Prestigeprojekte, Rüstungsgüter und auf dem Weg der Korruption verschleudert worden, anstatt sie für Bildung und Entwicklung der arabischen Völker insgesamt bereitzustellen. Die Korruption hat auch die Entwicklung Irans und – nach anfänglichen eindrucksvollen Erfolgen Erdogans – der Türkei in die Krise geführt. Überall stehen die radikalen Rattenfänger bereit, die perspektivlosen Menschen – nicht zuletzt mit religiösen Heilsversprechungen – für ihre totalitären Ziele einzufangen.

Der Tahrir-Platz in Kairo wurde Symbol des arabischen Frühlings
Der Tahrir-Platz in Kairo wurde Symbol des „arabischen Frühlings“. Foto: Lilian Wagdy (CC BY 2.0).

An dieser Stelle ist Europa gefordert. Noch immer sind die Werte und Institutionen Europas für eine breite Öffentlichkeit im Orient attraktiv. Das haben zuletzt die Proteste des arabischen Frühlings gezeigt. Jenseits der Sonntagsreden seiner Politiker aber muss Europa endlich auf der Grundlage seiner Werte politisch in seiner Nachbarschaft auftreten. Das würde die Menschen ermutigen, den Wandel selbst in die Hand zu nehmen. Die Probe auf dieses Exempel hätte man zwischen 2012 und 2014 in Syrien machen können. Nicht Militäreinsätze von außen, sondern umfassende Zusammenarbeit ist der richtige Weg in die Zukunft. Sollte dieser nicht beschritten werden, zeigen die Flüchtlinge, worin die Alternative liegt.


Das Interview mit dem Autor Prof. Dr. Udo Steinbach führte Dr. Julius Alves aus dem Lektorat des Bereichs Geschichte/ Politik/ Gesellschaft.