Von Holzschuhen und Holzwegen

Nach Kriegsende verbrachte Kronprinz Wilhelm fünf lange Exiljahre in der nieder­ländi­schen Provinz, auf der abgele­genen Insel Wieringen. Vorausgeeilt war ihm sein Ruf als Frauen­held und „Schlächter von Verdun“. Unterhaltsam und reich bebildert schildern John Dehé und Paul von Wolzogen Kühr, wie Kronprinz und Insulaner aufein­ander prallten und wie sie zwischen Skandalen und unter den Blicken der Welt­öffent­lich­keit lernen mussten, mitein­ander auszu­kommen.

Die insgesamt positive Sicht der Wieringer auf Wilhelm trübte sich, als dieser – zurück in Deutschland – mit den National­sozia­listen sympa­thi­sierte. So schlägt das Buch den Bogen zum Streit um die Forderung der Hohen­zollern, nach 1945 enteig­nete Besitz­tümer zurück zu erhalten. Denn dieser Rechts­streit hängt unmittel­bar davon ab, wie die Rolle Wilhelms im Ausgang der Weimarer Republik zu bewerten ist.

Lesen Sie erste Eindrücke in unserem Interview mit den Autoren.

Umschlagabbildung des BuchesNeu!

John Dehé/Paul von Wolzogen Kühr
Kronprinz Wilhelm: Ein Hohenzoller auf Holzschuhen

2022. 278 Seiten, 84 Abb. Kartoniert. € 32,–
ISBN 978-3-17-041022-0

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Herr Dr. Dehé, Herr Kühr, wie kam es dazu, dass sich der deutsche Kronprinz nach dem Ersten Weltkrieg plötzlich auf einer kleinen niederländischen Insel wiederfand?

Das lag daran, dass die niederländische Regierung neutral war und zwischen allen Parteien vermitteln musste. Bis zum Ende des Krieges wurden alle Soldaten, die in die Niederlande flohen, interniert, aber der Krieg war nun vorbei und eine Internierung kam nicht mehr in Frage. Mehrere Alternativen konnten sofort gestrichen werden: Den Kronprinzen an der Grenze zurückzuschicken, würde ihn in den Tod treiben, weil Belgien oder Frankreich ihm den Prozess machen wollten. Er konnte auch nicht in das revolutionäre Deutschland gehen, denn auch dort war sein Leben nicht sicher. Die Alliierten würden es andererseits nicht akzeptieren, wenn die niederländische Regierung ihn mit allem Respekt empfinge, wie sie es bei seinem Vater, Kaiser Wilhelm, getan hatte. Deshalb haben sie sich für eine typisch niederländische Lösung entschieden: Alle sollen zufrieden sein. Sie schickten ihn auf eine abgelegene Insel, wo er nichts falsch machen konnte, vor seinen Angreifern sicher war, aber unter primitiven Bedingungen leben musste, um deutlich zu machen, dass die Regierung ihn nicht als Freund oder Verbündeten ansah, sich aber dennoch für ihn verantwortlich fühlte. Dass diese Situation fünf Jahre andauern würde, konnte damals niemand ahnen.

Postkarte mit Karikatur des niederländischen Illustrators Jan Lutz (aus Privatsammlung).
Postkarte mit Karikatur des niederländischen Illustrators Jan Lutz (aus Privatsammlung).

Können Sie kurz schildern, wie man sich die Lebensumstände auf Wieringen damals vorzustellen hat? Das muss ja ein ziemlicher Kulturschock gewesen sein – für beide Seiten.

Genau! Vor allem zunächst für die Inselbevölkerung. Wieringen war eine Insel von 10 mal 3 Kilometern mit vielen Bauernhöfen und vier Dorfzentren, in denen alle miteinander verwandt waren. Die Menschen lebten von Agrarwirtschaft und Fischfang, und der Rest der Welt war weit weg. Dann wurde plötzlich ein vermeintlicher Kriegsverbrecher wie mit einem Fallschirm mitten in dieser Gemeinde abgeworfen, mit einer Horde internationaler Journalisten im Schlepptau. Das war zerrüttend für die gesamte Gesellschaft.

Aber auch für den Kronprinzen war es ein Schock. Denken Sie an die luxuriösen Paläste, in denen er aufgewachsen war. Er hatte selbst in Kriegsgebieten in prächtigen Villen gelebt. Jetzt war er in einem zugigen, viel zu kleinen Pfarrhaus untergebracht, das nicht richtig beheizt werden konnte und kaum sanitäre Einrichtungen aufwies. Er musste sich das Haus mit seinem Gefolge teilen, das anfangs aus etwa zehn Personen bestand, so dass sie sich ständig in die Quere kamen und kaum Privatsphäre hatten.

Der Kronprinz war eine skandalumwitterte Person: Frauengeschichten während des Kriegs, seine Rolle bei Verdun … Sicherlich gab es auf Wieringen eine Menge Vorurteile. Wie ist er mit den Einheimischen ausgekommen?

Am Anfang war das nicht einfach. Sein Ruf als „Schlächter von Verdun“ und Frauenheld hatte inzwischen auch Wieringen erreicht. Bei seiner Ankunft gab es einen Aufschrei, weil das Blut noch an seinem Mantel klebte. (Später stellte sich heraus, dass es sich nur um rote Farbspritzer handelte, die von der Überfahrt stammten.) Als er nach ein paar Tagen Prostituierte auf die Insel kommen ließ und die Leute ihn durch die halb geschlossenen Vorhänge sehen konnten, war die Bevölkerung so empört, dass er vor einem Steinhagel flüchten musste. Dem Bürgermeister gelang es, die Stimmung zu beruhigen. Er ermahnte Wilhelm, sich zu beherrschen, aber das gelang ihm nicht ganz, wenn man sich seine unehelichen Kinder auf Wieringen ansieht.

Es ist verwunderlich, dass sich beide Parteien in kurzer Zeit näher gekommen sind. Wilhelm passte sich mühelos an die Lebensweise auf der Insel an, und die Menschen ließen ihre Skepsis fallen und nahmen ihn in ihre Gemeinschaft auf. Schon bald war er ein guter Freund mehrerer angesehener Persönlichkeiten und auch des Dorfschmieds, mit dem er oft in der Schmiede anzutreffen war, um Hufeisen zu schmieden. Er fing sogar an, Holzschuhe zu tragen, und ging dann in die Küche der Dorfbewohner, hob den Deckel des Topfes an und fragte die Bäuerin: „Was gibt es heute Abend zu essen?“ Durch dieses ungezwungene Verhalten machte er sich schnell bei ihnen beliebt und die meisten Wieringer bedauerten Wilhelms Abreise 1923.

Foto anlässlich Wilhelms Besuch auf Wieringen 1927 mit Freunden und Bekannten aus der Exilzeit (Foto: unbekannt, aus Privatsammlung).
Foto anlässlich Wilhelms Besuch auf Wieringen 1927 mit Freunden und Bekannten aus der Exilzeit (Foto: unbekannt, aus Privatsammlung).

In Deutschland hat der Streit um die Restitutionsansprüche der Hohenzollern für Enteignungen nach dem Zweiten Weltkrieg besonders durch Jan Böhmermanns Veröffentlichung der entsprechenden Historiker-Gutachten Fahrt aufgenommen. Was hat diese Sache mit der Person Wilhelms zu tun? Und wie beurteilen Sie Wilhelms Rolle?

Hitler und Wilhelm beim „Tag von Potsdam“, 21. März 1933 (Kolorierungsfoto: Roy de Groot, Retrograde History in Colour).
Hitler und Wilhelm beim „Tag von Potsdam“, 21. März 1933 (Kolorierungsfoto: Roy de Groot, Retrograde History in Colour).

Eine Bedingung für die Rückgabe von enteignetem Eigentum ist, dass man nicht mit den Nazis kollaboriert hat. Kronprinz Wilhelm spielt eine wichtige Rolle in der Diskussion, ob die Familie Hohenzollern einen wesentlichen Beitrag zum nationalsozialistischen System geleistet hat. Als er 1923 nach Deutschland zurückkehrte, versprach er, sich nicht in die Politik einzumischen und nicht zu versuchen, die Monarchie wiederherzustellen. Dieses Versprechen brach er bald, denn er reagierte positiv auf die Aufforderung seiner Anhänger, sich als Präsidentschaftskandidat zur Verfügung zu stellen. Als dies schließlich scheiterte, entschied er sich, Hitler zu unterstützen, und Hitler brauchte diese Unterstützung. Unserer Meinung nach, hat seine Haltung dem Nationalsozialismus enormen Auftrieb gegeben.


Das Gespräch mit den Autoren Dr. John Dehé und Paul von Wolzogen Kühr führte Dr. Julius Alves aus dem Lektorat Geschichte/ Politik.

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