Stadien der Intensität

Wie Erlebnisse in Fußballstadien das Aufwachsen prägen

Anlässlich der Erscheinung des Sachbuches „Stadien der Intensität“ haben wir ein Interview mit dem Autor, Tobias Nickel-Schampier, geführt. Er ist Professor für Soziale Arbeit in Hamburg sowie Fußball-Spieler, -Trainer und -Fan – von Werder Bremen. In seinem Buch verbindet er subjektiv-prägende Stadionerlebnisse mit den allgemeinen Bedingungen des Erwachsenwerdens. Wie er auf diese Idee kam, warum dieses Buch auch für Nicht-Werder-Fans interessant ist und wieso er manche aktuellen Entwicklungen im Fußballsport kritisch sieht, das erfahren Sie hier:

Buchcover des Titels Stadien der Intensität

Tobias Nickel-Schampier
Stadien der Intensität
Meine Reise zum Mittelpunkt des Fußballs 

2025. 182 Seiten, kartoniert
€ 26,–
ISBN 978-3-17-046879-5

Wie und unter welchen Umständen kam Ihnen die Idee zu diesem Buch?

Portrait des Autors Tobias Nickel-Schampier
Tobias Nickel-Schampier

Die erste Idee kam mir 1999 auf der Rückfahrt von Berlin nach Bremerhaven. Mein bester Freund, sein Bruder und ich hatten gerade das Pokalfinale in Berlin erlebt, das Werder im Elfmeterschießen gegen Bayern gewonnen hat. Wir waren nach einer durchfeierten Nacht ohne Eintrittskarten losgefahren, sind irgendwie ins Stadion gekommen und haben dieses nervenaufreibende Spiel mit Happy End erlebt. Am Tag danach war alles noch so dicht und bewegend, dass ich mir innerlich versprach: Diese unwahrscheinliche Reise musst du irgendwann aufschreiben.
Umgesetzt habe ich das aber erst im Sommer 2021, als ich wegen eines Patellasehnenrisses beim Fußball einige Tage im Krankenhaus lag. Dort hatte ich zum ersten Mal Zeit und den nötigen Schub, die ersten Zeilen zu schreiben – und dieser Impuls hat mich durch die folgenden Monate getragen.

Wieso glauben Sie, dass Ihr Buch auch für Menschen interessant ist, die nicht Fan des SV Werder Bremen sind?

Hinter meinen sehr persönlichen Stadionerlebnissen stecken Erfahrungen, die viele regelmäßige Stadiongängerinnen und -gänger kennen. Wer sich fragt, welche Momente und welche Seiten des Spiels oder des Stadions ihn wirklich packen und sogar kurzzeitig verändern, wird vieles wiederfinden.
Ich bin diesen Momenten nachgegangen, habe sie reflektiert und gefragt, was sie für das Aufwachsen junger Menschen bedeuten. Die daraus gewonnenen Einsichten habe ich herausgearbeitet und verallgemeinert – und gemerkt: Sie treffen genauso auf Nicht-Werder-Fans zu.

Sie schildern viele intensive Stadionerlebnisse. Können Sie ein Beispiel nennen, das Ihre Entwicklung besonders geprägt hat?

Die Reise zum Pokalfinale 1999 nach Berlin gehört sicher zu den eindrücklichsten Erfahrungen meines Lebens. Die Mischung aus Naivität und Spontanität, mit der wir damals ohne Tickets losgefahren sind – etwas, das es mit personalisierten Karten heute so kaum noch geben würde – zeigt für mich die besondere Offenheit und Entschlossenheit der Jugend. In dieser Lebensphase richten wir unsere Energie eher auf Dinge, die nicht direkt einem gesellschaftlichen Nutzen oder dem Beruf dienen.
Auf dieser Fahrt bündelt sich vieles, was intensive Stadionerlebnisse ausmacht: die lange Anreise in Regionalzügen, unerwartete Begegnungen und Gespräche, das langsame Näherkommen an das Stadion und die steigende Anspannung, die Grenze zwischen draußen (Vorplatz) und drinnen (Ostkurve), der übermächtige Gegner FC Bayern, die typische Pokalhoffnung, das Verhalten der Kurve, der gehaltene Elfmeter von Frank Rost gegen Lothar Matthäus als Höhepunkt und die anschließende Hochstimmung. Solche Erlebnisse fühlen sich fast rauschhaft an, brennen sich ein – und wir jagen ihnen ein Leben lang hinterher.

Sie sehen manche Entwicklungen in der Fußballkultur kritisch – etwa die „Eventisierung“ in neuen, anonymen Arenen an austauschbaren Nicht-Orten. Warum ist Ihr Buch gerade deshalb so aktuell?

Weil es letztlich um die Frage geht, was uns am Fußball wirklich wichtig ist – und unter welchen Bedingungen wir ihn in seiner heutigen Form als neoliberale Geldmaschine überhaupt noch aushalten.
Früher standen viele Stadien mitten im Stadtteil und waren eng mit dem sozialen Umfeld verbunden, etwa der Bökelberg in Mönchengladbach oder Highbury bei Arsenal. Heute werden Arenen an den Stadtrand verlegt, um sie besser erreichbar zu machen und den Klub als „Marke“ optimal zu vermarkten. Dabei verlieren Vereine ihre Stadien als soziale Bezugspunkte und Gravitationszentren. Wie dramatisch das sein kann, zeigt die Dokuserie „Rise & Fall“ über den Absturz von 1860 München.
Diese Entwicklungen gefährden die gemeinschaftsstiftenden Rituale vor, während und nach dem Spiel, die zu unserer Sozialisation beitragen und weit über den Fußball hinauswirken. Damit droht der Verlust zentraler Werte von Stadionerlebnissen: Freundschaft, Gemeinschaft und Verbundenheit.