ACT in Klinik und Tagesklinik

Interview mit der Herausgeberin Frau Prof. Dr. Nina Romanczuk-Seiferth und
den Herausgebern Herrn Dr. Ronald Burian und
Herrn Prof. Dr. Albert  Diefenbacher.

Als ein störungsübergreifendes Psychotherapiekonzept hält die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) zunehmend Einzug in die Behandlungsangebote von Kliniken und Tageskliniken. Mit dem Werk „ACT in Klinik und Tagesklinik“ liegt eine erste umfassende Fachpublikation vor, die auf die Anwendung dieses Therapieansatzes in Kliniksettings fokussiert und dessen Umsetzung in multiprofessionellen Teams und für unterschiedliche Zielgruppen praxisnah darstellt.

Können Sie bitte für jene Leserinnen und Leser, die noch nicht mit der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) vertraut sind, deren Ansatz kurz skizzieren?

Nina Romanczuk-Seiferth (NRS): In der ACT geht es – kurz gesagt – darum, Menschen darin zu unterstützen, ihr Leben nach ihren persönlichen Werten und Wichtigkeiten zu gestalten. Und darum, Menschen darin zu begleiten, mehr Bereitschaft und Akzeptanz für unerwünschte Zustände aufzubauen, insbesondere da, wo der Kampf dagegen sich als nicht hilfreich erwiesen hat. Die ACT folgt dabei einem transdiagnostischen Therapieansatz. Sie basiert auf den wissenschaftlichen Grundlagen der kontextuellen Verhaltenswissenschaften und wird zu den neueren Ansätzen der Verhaltenstherapien, den so genannten 3.Welle-Verfahren, gezählt.

Als ein zentrales Element der ACT wird im Buch oft von „psychischer Flexibilität“ und der Notwendigkeit eines Perspektivwechsels gesprochen – was ist damit gemeint?

NRS: Menschen geraten in ihrem Leben häufig dann in eine Krise, wenn sie sich an eine neue Situation nicht ausreichend anpassen können. Etwa weil sie auf immer ähnliche Weise auf Herausforderungen reagieren. In der Arbeit nach der ACT arbeiten wir daher an zentralen Kernprozessen, die Menschen im Umgang mit alltäglichen Situationen und den persönlichen Belastungen mehr psychische Flexibilität erlauben. Es kann nicht das Ziel einer Psychotherapie sein, negative Zustände zu eliminieren, weil diese ein Teil unseres menschlichen Erlebens sind. Gleichzeitig kommen viele Menschen mit dieser Erwartung in eine Behandlung. In der ACT arbeiten wir daher an einem Perspektivwechsel: der Versuch, unerwünschtes Erleben loszuwerden, ist menschlich. Gleichzeitig kann dieser Kampf „gegen das Problem“ die Situation verschlimmern, viel Zeit und Kraft kosten. Loszulassen, was wir nicht kontrollieren können, kann uns einen neuen Umgang mit unerwünschtem Erleben ermöglichen. So dass wir unser Leben danach ausrichten können, was uns wirklich wichtig ist.

Ronald Burian (RB): Psychische Flexibilität hat für mich zwei Seiten: zum einen geht es darum, ganz bewusst wahrzunehmen, was ich in einer schwierigen Situation erlebe, denke und fühle. Dies wird zum Beispiel in der Achtsamkeit geübt. Und zum anderen kann ich durch dieses bewusste und gewissermaßen distanzierte Wahrnehmen auch eine bewusste Entscheidung treffen, wie ich mich verhalte. Diese Wahlmöglichkeit kann auch bedeuten, mich für etwas zu entscheiden, was mir wirklich am Herzen liegt – auch, wenn dies mit Schwierigkeiten verbunden ist. Hier sehe ich eine inhaltliche Nähe der Konzepte „Psychische Flexibilität“ und „Resilienz“.

In Ihrem Buch stellen Sie die praktische Umsetzung der ACT in unterschiedlichen klinischen Settings vor: Worin liegen für Sie die größten Herausforderungen?

NRS: Die Implementierung und praktische Umsetzung eines übergreifenden therapeutischen Konzepts in einem klinischen Team birgt immer die Herausforderung, dass Kolleginnen und Kollegen mit multiprofessionellem Hintergrund und von unterschiedlicher Erfahrung und Prägung in ein gemeinsames Boot geholt werden müssen. Die ACT bietet hier den Vorteil, dass die Grundannahmen sehr inklusiv sind. Auch lassen sich die relevanten Kernprozesse, die Menschen zu mehr psychischer Flexibilität verhelfen können, mit unterschiedlicher Methode und von unterschiedlichen Professionen unterstützen. Gleichzeitig braucht es eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Modelle, die das Team nutzen kann, um die Arbeit aufeinander abzustimmen. Wir gehen daher in unserem Buch auf Möglichkeiten ein, wie einerseits verschiedene Professionen jeweils für sich nach der ACT arbeiten können und andererseits das Team eine gemeinsame und kontinuierliche Arbeitsgrundlage in Fortbildungen, Team- und Fallbesprechungen, Supervisionen etc. schaffen kann.

RB: Ich sehe aus der Erfahrung heraus als die größte Herausforderung daher, den Schritt zu machen von der bloßen Anwendung von ACT als therapeutische Methode zur Verinnerlichung der Prinzipien, die sich dann im eigenen Verhalten widerspiegelt. Die ist gleichzeitig auch mein größter Beweggrund dafür, dass ich seit Jahren dabei geblieben bin, mit ACT zu arbeiten. Das Anwenden der Grundprinzipien von ACT auf das eigene Denken, Fühlen und Verhalten gibt immer wieder auch Kraft, schwierige Situationen sowohl privat als auch im klinischen Alltag zu bewältigen. Das wird mir auch sehr oft von den Kolleginnen und Kollegen meiner Teams zurückgemeldet.

Albert Diefenbacher (AD): Eine große Herausforderung ist in meinen Augen die Implementierung von psychotherapeutischen Ansätzen in der Gerontopsychiatrie oder im psychiatrischen Konsiliardienst, also im Kernbereich eines Allgemeinkrankenhauses mit Abteilungen der Inneren Medizin oder Chirurgie. Die spontane Reaktion vieler Mitarbeitenden dieser Bereiche ist: „das geht nicht“, „das können unsere Patienten nicht“ und „dafür haben wir keine Zeit“. Wir haben daher gezielt in einigen Kapiteln versucht deutlich zu machen, warum und wie der Ansatz von ACT gerade in solchen Settings sehr hilfreich für die alltägliche Praxis der Arbeit mit körperlich kranken oder älteren Patienten sein kann.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Implementierung der ACT in einer Klinik, in der multiprofessionell zusammengearbeitet wird, oftmals zu einer ganz veränderten Haltung, einem Change-Management führt. Wie ist das gemeint?

NRS: Die ACT geht ein Stück weit einen anderen Weg als viele andere Therapieansätze. Weil es in der ACT nicht vordringlich darum geht, unerwünschtes Erleben zu beenden. Menschen werden Kompetenzen vermittelt, die mehr psychische Flexibilität ermöglichen. Damit sie einen Weg durchs Leben wählen können, der ihren persönlichen Werten entspricht. Dies steht in gewisser Weise in Widerspruch zu einer Vorstellung der Heilung von Krankheiten durch Beendigung oder Bekämpfung des Leidens, was in klinischen Settings ein weit verbreitetes Modell ist. Es kann also eine aktive Auseinandersetzung mit den Grundhaltungen des Klinikteams angestoßen werden. Zu menschlichem Leid, zu Krankheit und Gesundheit und dazu, was das gemeinsame Ziel der Behandlung ist. Dies bringt immer auch eine gewisse Umwälzung mit sich. Gleichzeitig besteht hierin die Chance, diesen Prozess im Sinne eines Change-Managements für eine längerfristig befriedigende Zusammenarbeit im Team und eine möglichst hilfreiche Gestaltung der Behandlung für die Patientinnen und Patienten zu nutzen.
Hinzu kommt, dass die ACT auf der Grundhaltung basiert, dass die relevanten psychischen Mechanismen alle Menschen gleichermaßen betreffen. Es wird eine Therapie auf Augenhöhe angestrebt. Das therapeutische Team bringt sich daher aktiv in die Therapie ein und wendet die zu vermittelnden Methoden auch auf sich selbst an. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kliniken berichten daher, dass die Arbeit mit der ACT auch ihre eigene psychische Flexibilität, und damit die Arbeitszufriedenheit und das Wohlbefinden, positiv beeinflusst hat.

RB: Die Arbeit mit ACT fordert, sich immer wieder mit den Werten zu beschäftigen. Wenn ich dies auf mich selbst anwende, bzw. wenn es sogar gelingt, sich im Team immer wieder daran zu orientieren, was der eigentliche Sinn und der gemeinsamen Arbeit ist, d.h. welchem Wert unser kollektives Handeln dienen soll, kann daraus eine große positive Dynamik entstehen.

AD: Es ging mir mit der Einführung von ACT in der von mir damals geleiteten Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik darum zu versuchen, das therapeutische Milieu einer Station oder Tagesklinik als heilendes Medium weiter zu entwickeln. Es ist nicht ganz einfach zu erreichen, dass die unterschiedlichen Professionen eines multiprofessionellen Teams an einem Strang ziehen: der transdiagnostische Ansatz von ACT schien mir hier hilfreich zu sein und ich freue mich sehr, dass in unserem Buch Mitarbeitende unterschiedlicher Berufsgruppen, insbesondere möchte ich die Krankenpflegerinnen und Ergo- und Kunsttherapeutinnen nennen, ihre Erfahrungen mit ACT in eigenen Kapiteln beigesteuert haben.

Haben Sie selbst in der Arbeit an diesem Buch etwas Neues, vielleicht sogar Überraschendes für sich und Ihre Arbeit dazugelernt?

NRS: Während der Arbeit an diesem Buch war es wirklich besonders beeindruckend, wie viel Wissen, wertvolle Erfahrungen, Expertise, Engagement, Leidenschaft und hilfreiche Perspektiven in den Menschen und Klinikteams stecken, die zu diesem Buch beigetragen haben. Und dass es äußerst befriedigend sein kann, dies zusammenzutragen und festzuhalten, daraus für die eigene Arbeit zu lernen und sich darüber zu freuen, diese reichen Einsichten und Anregungen an Kolleginnen und Kollegen weitergeben zu können, die mit der ACT in Kliniksettings arbeiten oder arbeiten möchten.

RB: Im Austausch mit den vielen Autoren wurden mir viele Aspekte der klinischen Tätigkeit ganz neu bewusst. So war es sehr erhellend, bei der Arbeit an den Kapiteln den Blickwinkel auf die Psychotherapiemethode ACT aus der Perspektive von nicht-psychologischen und nicht-ärztlichen Therapeut*innen heraus einnehmen zu können. Mein Verständnis für eine wirkliche multi-professionelle Zusammenarbeit hat sich noch einmal deutlich erhöht.

AD: Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Vertreterinnen vieler nichtakademischer Berufsgruppen sehr schnell bereit waren, über ihre Erfahrungen zu schreiben und hoffe, dass sie damit noch viele mehr anregen können, ihrem Beispiel zu folgen und die Möglichkeit eigener Beiträge in ihren multiprofessionellen Teams aktiv wahrzunehmen.

Vielen Dank für Ihre Zeit und Mühe!

Neu!

Romanczuk-Seiferth/Burian/Diefenbacher (Hrsg.)
ACT in Klinik und Tagesklinik
Arbeiten mit der Akzeptanz- und Commitment-Therapie in multiprofessionellen Teams

2021. 383 Seiten mit 41 Abb. und 6 Tab. Kart.
€ 69,–
ISBN 978-3-17-035641-2

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