Multimodale Schmerztherapie

Ein Praxislehrbuch

 

Warum die ganzheitliche Sicht auf den Menschen und das Schmerzerleben und die damit verbundenen langfristigen therapeutischen Effekte der multimodalen Schmerztherapie sowohl den Betroffenen als auch dem Gesundheitswesen Vorteile verschaffen, erläutern die Herausgeber des Werkes „Multimodale Schmerztherapie“ im Interview.

Portrait von Dr. med. Michael Schenk
Dr. med. Michael Schenk

Können Sie für die Leserinnen und Leser kurz den besonderen Ansatz der multimodalen Schmerztherapie skizzieren?

Michael Schenk: Bevor man über die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie spricht, ist es wichtig, sich über die Patientinnen und Patienten Gedanken zu machen, die diese Therapie benötigen. Chronisch andauernder, nicht adäquat behandelter Schmerz stellt leider für viele Patientinnen und Patienten den Normalzustand dar. Er kann häufig zu vielerlei gravierenden Einschränkungen mit Reduktion oder Verlust der Lebensqualität führen. Körperlich zu Einschränkungen bei Verringerung der Mobilität bei Reduktion oder Verlust der Bewegungsfähigkeit, sowie zu Schlafstörungen und auch zu internistischen Erkrankungen. Schwere psychische Störungen (meist sekundär) wie Depression, Panik- und Angststörungen sind mit chronischem Schmerz assoziiert. Soziale Störungen sind eine häufige Konsequenz hieraus, die sich durch lange Arbeitsunfähigkeiten, Frühberentungen, Arbeitsplatzverlust und Störungen sozialer Kontakte definieren. Bei solchen komplexen Schmerzerkrankung mit den beschriebenen bio-psycho-sozialen Anteilen birgt eine unimodale Therapie, welche die Komplexität des Schmerzgeschehens nicht erfasst und sich nur auf einen Aspekt des Schmerzgeschehens bezieht, das Risiko, durch ihre therapeutische Insuffizienz zu einer weiteren Chronifizierung beizutragen. In diesem Sinne bedarf eine Patientin oder ein Patient mit einem somatischen (körperlichen) Schmerz, die oder der auch unter erheblichen psychischen Komorbiditäten (egal, ob sie schon vorbestehen oder sich erst mit dem Schmerz entwickelt haben) und entsprechenden sozialen Konsequenzen leidet, einer Behandlung, welche sich gleichermaßen des somatischen als auch des psychosozialen Schmerzanteils annimmt. Die formelle Komplexprozedur OPS 8-918 greift die genannten Aspekte auf.
Die iMST hat den – recht hohen – praktischen und konzeptionellen Anspruch, die Schmerzen mit deren gravierenden Begleitproblemen simultan zu behandeln. Sie ist nie dichotom (Körper versus Psyche), sondern integrativ. Sie integriert Seele und Körper in das diagnostische und therapeutische Konzept. Sie lebt von dem Vorhandensein und der Professionalität und Hingabe der beteiligten ärztlichen, pflegerischen, therapeutischen und sozialen Berufsgruppen. Deren Tätigkeit orientiert sich, sehr fokussiert, am Erreichen eines gemeinsam mit den Patienten entwickelten Therapieziels und bedarf einer besonders intensiven und strukturierten Kommunikationsstruktur. Das Konzept der iMST bewirkt eine wesentlich größere Effizienz als es eine einfache Addition einzelner Therapiebausteine in zeitlicher Abfolge ermöglichen könnte. Aufgrund ihrer hohen Effizienz und Nachhaltigkeit ist sie der momentane Goldstandard bei der Behandlung schwerer chronifizierter Schmerzen.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Buch und wen wollen Sie damit ansprechen?

Michael Schenk: Wir möchten die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie (iMST) in ihrem komplexen Gesamtkontext und als wichtigen Teil unseres medizinischen Systems und unserer Gesellschaft darstellen. Dieser Kontext ist genauso komplex wie unser Leben und unsere Gesellschaft. Er besteht neben der Medizin aus sozialen, ökonomischen, organisatorischen, kulturellen und spirituellen Umgebungsfaktoren.
Es geht um unsere Patientinnen und Patienten, deren Bedürfnisse das Konzept der iMST entstehen ließ. Ansprechen möchten wir besonders die Menschen, die im Bereich der Medizin und der Patientenversorgung tätig sind, also sämtliche medizinische ärztliche Fachrichtungen, die Pflege, die Psychotherapie, die Physio- und Bewegungstherapie, die Ergotherapie, die Kunsttherapie und die Sozialarbeit. Mittelbar sind Krankenhausverwaltungen mit Medizin- und Finanzcontrolling und die Geschäftsführungen wichtige Ansprechpartner unseres Buchs. Erweitert man den Kreis, so wenden wir uns mit auch an Krankenkassen, Medizinische Dienste mit deren übergeordneten Gremien, Organe der ärztlichen Selbstverwaltung wie Ärztekammern und KV-en, aber auch an die Politik mit Vertretern der Exekutive und der Legislative.
Das Konzept der iMST ist progressiv und integrativ und wir wünschen uns, dass es auch in anderen Bereichen der Medizin und unserer Gesellschaft diskutiert und gegebenenfalls als Anregung dienen kann.

Portrait von PD Dr. med. Stefan Wirz
PD Dr. med. Stefan Wirz

Noch immer dominiert in vielen Bereichen ein dualistisches Krankheitsverständnis – was sind aus Ihrer Sicht die Folgen für die Patientinnen und Patienten sowie für das Gesundheitssystem?

Stefan Wirz: Die Trennung von Körper und Geist/Seele wurde zu Beginn der sogenannten Neuzeit von Descartes als mechanistisches Modell entworfen, welches bis in die Moderne die Behandlung von Patienten prägt: so werden die komplexen Zusammenhänge bei der Entstehung einer Schmerzkrankheit häufig nicht erkannt. Dem bio-psycho-sozialem Modell chronifizierter Schmerzen widerspricht ein dualistisches Verständnis von Schmerzen als entweder rein „somatisch“ oder rein „psychisch“ verursacht grundlegend. Die Folge einer solchen monokausalen Sichtweise sieht man leider immer noch viel zu häufig in der Praxis: so werden chronifizierten Schmerzpatienten häufig nur unimodale Schmerztherapieverfahren angeboten, wie Spritzentechniken oder Medikamenteneinstellungen, ohne ein Gesamtkonzept zu verfolgen. Dadurch können Chronifizierungsprozesse unterhalten und verstärkt werden.

Im Gegensatz dazu steht die multimodale Schmerztherapie mit den verschiedenen an der Therapie beteiligten Fachdisziplinen für eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen und das Schmerzerleben: Sehen Sie diesen Ansatz durch aktuelle Sparmaßnahmen und die Belastungen in Zeiten der Corona-Pandemie akut in Gefahr?

Stefan Wirz: Die Multimodale Schmerztherapie erscheint in ihrer ganzheitlichen Ausrichtung auf den ersten Blick aufwändig und teuer, trägt aber in Wirklichkeit zu einer langfristigen Kosteneinsparung bei, da wissenschaftlich belegt ein nachhaltiger therapeutischer Effekt erzielt wird. Der Medizinische Dienst der Kassen prüft mit Vorliebe Fälle der Multimodalen Schmerztherapie in einer Prüfquote bis zu 50 % aller Belegungen. Man kann gut nachvollziehen, dass sich dies kontraproduktiv auswirkt und die Patientenversorgung gefährdet.
Was die Pandemieauswirkungen betrifft, war besonders in den ersten Wellen ein Rückgang der Aufnahmen zu verzeichnen, da viele Patienten Angst vor einer Infektion im stationären Rahmen zeigten. Nach Implementierung von funktionierenden Hygienekonzepten und der Impfung kommen glücklicherweise wieder zunehmend mehr Patienten zur Multimodalen Schmerzbehandlung. Immer häufiger sehen wir seit Beginn der Pandemie die Folgen aufgeschobener Behandlungen mit einer Zunahme des Chronifizierungsgrades, vergleichbar den Zahlen fortgeschrittener Erkrankungsstadien in anderen Fachbereichen wie der Onkologie, Kardiologie oder Augenheilkunde. Der Arbeitskreis Tumorschmerz erhebt derzeit in einem Survey die Einschränkungen der Versorgung von Patienten mit Tumorschmerzen und Palliativpatienten.

Portrait von Dr. med. Kristin Kieselbach
Dr. med. Kristin Kieselbach

Haben Sie selbst im Kontext der Arbeit an dem Band Neues oder Überraschendes gelernt?

Kristin Kieselbach: Einerseits habe ich in meiner Aufgabe als Autorin einmal mehr festgestellt, mit der multimodalen Schmerztherapie die absolut richtige Vorgehensweise für die Behandlung einer so komplexen Krankheitsentität wie derjenigen der chronischen Schmerzerkrankungen gewählt zu haben. Andererseits war der intensive Kontakt mit über 50 hochqualifizierten Autorinnen und Autoren, die sich alle um dieses spannende Thema intensiv Gedanken gemacht haben, ein ganz fantastisches Erlebnis. So hat auch die Gestaltung des Buches selbst und nicht nur die darin ausgeführte Therapie tatsächlich einen interprofessionellen Geist geatmet! Und schließlich hat mich letztlich die Vielfalt der verschiedenen Blickwinkel, die in unserem Buch zusammengeführt wurden, nicht nur überrascht, sondern auch sehr beeindruckt. Das Wissen und die umfassende Expertise, die in diesem Werk zusammengetragen wurden – da bin ich sicher – werden jede Leserin und jeden Leser begeistern.

Noch eine letzte Frage: Was möchten Sie Ihren Leserinnen und Lesern mitgeben, bevor sie das Buch zum ersten Mal aufschlagen?

Kristin Kieselbach: All diejenigen, die bereits mit der Behandlung chronischer Schmerzerkrankungen befasst sind – gleichgültig aus welchem Blickwinkel – dürfen auf ein großes Repertoire an Erfahrungen und praxisorientierten Hinweisen gespannt sein. Sicherlich sind viele Anregungen für die tägliche Arbeit zu finden, möglicherweise auch, um diese ganz individuell einzusetzen. Das Buch ist sowohl für Fachkundige als auch für Interessierte ohne Fachkenntnis geeignet. Lassen Sie sich beeindrucken von den vielen Facetten der multimodale Schmerztherapie und deren erfolgreichen Behandlungsoptionen über viele Fachbereiche hinweg.

Vielen Dank für Ihre Zeit und Mühe!

Neu!

Kieselbach/Wirz/Schenk (Hrsg.)
Multimodale Schmerztherapie
Ein Praxislehrbuch

2022. 538 Seiten mit 73 Abb. und 45 Tab. Kart.
€ 99,–
ISBN 978-3-17-034653-6

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