Interview zum Werk „Begleitung und Versorgung von Menschen mit Demenz nach Silviahemmet“ mit der Autorin Ursula Sottong

Die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema Demenz nimmt stetig zu. In verschiedenen Ländern, so auch in Deutschland, sind nationale Strategien entwickelt worden, die die Versorgungsqualität von Menschen mit Demenz verbessern und ihr Umfeld in den Fokus rücken sollen. Die Begleitung und Versorgung von Menschen mit Demenz erfordern neben fachlicher Kompetenz eine große Offenheit und Sensibilität und sind dadurch Gewähr für Lebensqualität und Selbstbestimmung bis zum Lebensende. Die schwedische Stiftung Silviahemmet hat bereits vor 25 Jahren höchstmögliche Lebensqualität für alle Beteiligten zu ihrem Anliegen gemacht, die Versorgung und Begleitung von Menschen mit Demenz und die Entlastung der Angehörigen auf der Grundlage von Palliative Care weiterentwickelt und erfolgreich in Schweden wie darüber hinaus – u. a. in Deutschland – etabliert. Dr. med. Ursula Sottong stellt das Konzept vor.

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Ursula Sottong
Begleitung und Versorgung von Menschen mit Demenz nach Silviahemmet
Wie Leben mit Demenz gelingen kann

2021. 197 Seiten, 27 Abb., 7 Tab. Kart. € 46,–
ISBN 978-3-17-039588-6

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Sie befassen sich seit fast 20 Jahren mit dem Konzept Silviahemmet und sind Silviahemmet Trainerin und Deutschlands erste zertifizierte Silvia Ärztin. Wie kamen Sie zu dem Thema?

Ursula Sottong
Ursula Sottong

Die Frage eines lebenswerten und selbstbestimmten Lebens im Alter trotz aller alters- und auch krankheitsbedingten Einschränkungen und v.a. das Thema Pflege haben mich schon früh beschäftigt. Was bedeutet Lebensqualität in dieser Phase – „4-ième age“ wie die Franzosen sagen? Wie kann das gelingen? Was braucht es an unterstützenden Systemen? Wie sollten die „Caregiver“, also die Versorger darauf vorbereitet werden? – Für mich war klar: die Begleitung und Versorgung von Menschen in dieser späten Lebensphase muss mehr sein als „satt und sauber“. Als ich dann Silviahemmet vor etwa 20 Jahren durch eine Kollegin kennenlernte, habe ich eine Antwort auf viele meiner Fragen erhalten.

Die Stiftung Silviahemmet wurde von Königin Silvia von Schweden ins Leben gerufen. Könnten Sie den Kerngedanken von Silviahemmet bitte kurz skizzieren? Warum lässt sich das Konzept auch im deutschsprachigen Raum anwenden?

Eine Demenz ist bis heute nicht heilbar, aber therapierbar. Silviahemmet setzt deshalb auf dem Palliative-Care-Ansatz mit seinen vier Säulen „Personenzentrierte Versorgung, Kommunikation und Begegnung, Teamarbeit und Unterstützung der Angehörigen“ auf. Ziel ist: selbstbestimmte Lebensweise und Lebensqualität bis zum letzten Atemzug. Damit sind in der Umsetzung ganz konkrete Handlungsoptionen verbunden, wie sie sich heute z. B. in der S3-Leitlinie Demenzen finden. Ein ressourcenorientiertes Arbeiten und der Blick auf die Person, nicht auf die Demenz.

Die mit der Demenz verbundenen Symptome sind vielfach eine Reaktion oder „Antwort“ auf Über- oder Unterforderung wie etwa Stress durch ständig wechselnde Bezugspersonen oder eine die Orientierung wenig unterstützende Umgebung. Wenn das verstanden und entsprechend berücksichtigt wird, dann erleichtert es den Menschen mit Demenz wie den sie versorgenden Personen das Leben im Alltag. Und das ist keine Frage der Nationalität. Das kann in Deutschland ebenso gut gelingen wie in Schweden – wie auch die Studien mittlerweile zeigen. Entscheidend ist der Blick auf den Menschen, was heute mit Haltung beschrieben wird, und eine entsprechende Schulung für alle an der Begleitung und Versorgung Beteiligten inklusive Angehörige.

Im Buch beschreiben Sie sowohl medizinisches Hintergrundwissen zu Demenz als auch das Konzept Silviahemmet, auch anhand von Best-Practice-Beispielen. Was würden Sie sich wünschen, dass der Leser nach der Lektüre des Werkes mitnimmt?

Vier Dinge:

  1. Eine gute Versorgung und Begleitung inklusive Lebensfreude und Lebensqualität kann trotz und mit Demenz gelingen.
  2. Return of Invest: Wer kompetent Zeit, die gefühlt allerorten Mangelware ist, und Geduld investiert, erhält ein Vielfaches davon zurück.
  3. Wer versteht, was die Ursachen typischer „Demenz-Symptome“ sind, hat das Handwerkszeug damit adäquat sowohl in der Situation wie auch präventiv zum Wohl aller Beteiligten umzugehen.

Die Best-Practice-Beispiele aus den verschiedenen Versorgungsbereichen zeigen, dass das Ganze keine Utopie ist, sondern konkret im Alltag gelingen kann.

Was denken Sie, worin besteht die Zukunft für das Konzept Silviahemmet bzw. warum ist dies auch ein Konzept für die Zukunft?

Die Zahlen zur Prävalenz der Demenz in Deutschland weltweit zeigen, dass die Versorgung und Begleitung von Menschen mit Demenz eine Aufgabe ist, die sich in den kommenden Jahren noch verstärkt stellen wird. Dafür braucht es bewährte, konkret umsetzbare und sich an den Bedürfnissen der Menschen orientierte Konzepte. Erwartungen wie „Leben bis zum Ende, dort wo man hingehört“, Teilhabe und Lebensfreude, Unterstützung und Entlastung der Angehörigen und Vieles mehr wollen erfüllt werden. Das kann – wie die Erfahrungen zeigen – mit Silviahemmet gelingen.