Theoretische Avantgarde trifft politische Debatte – der neue Band „Einführung in die Politische Theorie“

Wer sich fragt, was Bedingungen einer Demokratie sind, wie politische Institutionen für ihr erfolgreiches Funktionieren konzipiert sein müssen und vor welchen Konflikten aktuelle Debatten um Partizipation oder Repräsentation stehen, dem sei die Lektüre des Sammelbandes „Einführung die Politische Theorie“ ans Herz gelegt. Der Band vereinigt 21 Beiträge ausgewiesener Experten und wird von Prof. Dr. Gisela Riescher (Universität Freiburg), Dr. Beate Rosenzweig (Studienhaus Wiesneck) und Dr. Anna Meine (Universität Siegen) herausgegeben. Mit letzterer wurde das Interview geführt.

Neu!

Gisela Riescher/Beate Rosenzweig/Anna Meine (Hrsg.)
Einführung in die Politische Theorie
Grundlagen – Methoden – Debatten

2020. 388 Seiten, 2 Tab. Kart. € 29,–
ISBN 978-3-17-032803-7

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In welcher Hinsicht unterscheidet sich Ihr Buch von anderen Einführungsbüchern zum Thema „Politische Theorie“?

Dr. Anna Meine
Dr. Anna Meine

Wir haben uns entschieden, Debatten, die die politische Theorie gegenwärtig prägen, in den Fokus unserer Einführung zu stellen. Bei der Konzeption des Bandes haben wir uns gefragt: Welche Grundfragen stehen oft im Hintergrund aktueller Auseinandersetzungen? Welche Debatten muss man entsprechend einführend sichtbar machen und aufarbeiten, damit Studierende und politisch Interessierte noch besser verstehen, was politische Theorie ist und macht? Das Kapitel zu politischer Anthropologie und Subjekttheorie, widmet sich zum Beispiel der Frage, wie in der politischen Theorie das Individuum überhaupt erst verstanden wird. Die Methodenkapitel thematisieren, auf welcher Grundlage wir Kritik üben und wie Normen begründet werden können. Weitere Fragen waren, welche oft ideengeschichtlich verwurzelten Debatten Konzeptionen von Politik und Demokratie grundsätzlich prägen und wo politische Theorie Beiträge zur Bewältigung und Reflexion aktueller Herausforderungen leistet. Die Kapitel zu den paradigmatischen Debatten um Partizipation, Repräsentation und Deliberation sind so entstanden. Die Kapitel zu Digitalisierung, Demokratie in nicht-westlichen Kontexten, aber auch zum Verhältnis von Gerechtigkeit und Demokratie zeigen die bleibende Relevanz politiktheoretischer Arbeit. Auf diesem Weg kommen in unserem Sammelband ganz unterschiedliche politiktheoretische Perspektiven zu Wort. Es werden zentrale Beiträge, aber auch Konfliktlinien innerhalb der politischen Theorie deutlich und es eröffnen sich vielfältige Anknüpfungspunkte für die weiterführende Auseinandersetzung und Theoriearbeit. Mit dieser Herangehensweise ergänzt unser Buch die bestehende Einführungsliteratur.

Deutscher Bundestag in Berlin, Wiki Commons.
Deutscher Bundestag in Berlin, Wiki Commons.

Ein großer Teil des Buches widmet sich der Demokratie. Welche Bedeutung hat die Politische Theorie für die Demokratie?

Politische Theorie beschäftigt sich mit einer Vielzahl von Themen – darunter ist Demokratie zunächst einmal eines. Politische Theoretiker*innen streiten sich genauso vehement über effektive und legitime, gute und gerechte Institutionen und Praktiken von Demokratie wie über Interpretationen von Macht und Herrschaft, Gerechtigkeit oder Verständnisse von Politik und vielfältige andere Themen und Fragestellungen. Zugleich stehen viele politiktheoretische Debatten implizit, auch wenn sie Demokratie nicht explizit zum Gegenstand haben, in einem demokratischen Horizont. Demokratische Normen und Praktiken, Institutionen und Herrschaftsformen bilden häufig den Kontext innerhalb dessen bzw. die Folie gegenüber der sich viele politiktheoretische Debatten entfalten. Beides sind Gründe, warum wir Demokratie bei der Konzeption unseres Einführungsbandes zu einem zentralen Thema gemacht haben.
Politische Theorie trägt zu unserem Verständnis, aber auch zu unserer kritischen Auseinandersetzung mit existierenden Demokratien und Demokratieverständnissen bei. Sie bereichert die wissenschaftliche und politische Debatte – ohne, und das ist mir wichtig, die demokratischen Prozesse und Institutionen zu ersetzen oder vorwegzunehmen, die demokratische Willensbildung und Entscheidung ausmachen. Ziel ist ja nicht eine Form von Philosophenherrschaft, sondern dass Bürger*innen als Freie und Gleiche miteinander diskutieren, streiten und entscheiden.

Bei dem Buch handelt es sich um einen Sammelband mit 21 Beiträgen. Wem würden Sie die Lektüre des Buches empfehlen?

Einerseits richtet sich das Buch an Studierende – sowohl als Grundlage für ein- wie weiterführende Lehrveranstaltungen als auch als Nachschlagwerk, das Einführungstexte zu unterschiedlichen Themen und Debatten bietet. Letzteres zeigt aber auch schon, warum der Kreis der Adressat*innen nicht auf Studierende beschränkt ist. Demokratie und Protest, Sicherheit, Digitalisierung und Globalisierung, Formen von Partizipation, Privatheit und Öffentlichkeit – das sind eben auch Themen der politischen Debatte. Entsprechend hoffe ich, dass die Einführung auch in der breiteren Öffentlichkeit ankommt, und würde sie allen empfehlen, die sich für diese grundlegenden Themen, die unsere politische Gegenwart prägen, interessieren.

Ihr eigener Beitrag befasst sich mit der Frage „Wozu dient politische Theorie?“ Wie würden Sie diese Frage bündig beantworten?

Eine knappe und allgemeine Antwort ist wohl: Politische Theorie trägt zur grundbegrifflichen, ideengeschichtlichen und theoretischen Erfassung, Reflexion und Kritik der Politik bzw. des Politischen bei. Dies hat vielfältige Facetten. Es umfasst die ideengeschichtliche Aufarbeitung und Einordnung zentraler Begriffe, Argumentationsmuster und Theorien, die Reflexion der Grundbegriffe, z. B. von Herrschaft, Legitimität, Freiheit oder Macht, Gerechtigkeit und Demokratie, die wir sowohl in der politischen Debatte als auch in der Politikwissenschaft insgesamt oft wie selbstverständlich nutzen, sowie die Entwicklung, Prüfung und Diskussion von Theorien.

Ich finde Bernd Ladwigs Aussage, dass Theorien auf die Beantwortung von Warum-Fragen zielen, sehr hilfreich – muss man sich dann doch vor Augen führen, dass wir es in der politischen Theorie wie in der Politikwissenschaft insgesamt mit ganz unterschiedlichen Warum-Fragen zu tun haben. Dazu gehören Fragen nach Ursache und Wirkung. Dazu gehören aber auch Fragen, warum bzw. unter welchen Bedingungen Praktiken, Institutionen und Normen für die Beteiligten Sinn machen bzw. überzeugen – oder eben nicht. Schließlich gehören dazu auch die Fragen, warum etwas so sein sollte, wie es ist – oder warum und ob es nicht anders bzw. besser sein könnte und sollte. Bei der Auseinandersetzung mit diesen Fragen sind politische Theoretiker*innen einerseits Beobachter*innen. Andererseits bringen sie indirekt und regelmäßig auch explizit als Teilnehmer*innen ihre Perspektive in die politische Debatte ein.

Vielen Dank für Ihre Zeit und Mühen.

Das Interview führte Charlotte Kempf aus dem Lek­torat des Bereichs Geschichte/ Politik/ Gesell­schaft.

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