Mit Autismus
den Alltag meistern

Praktische Hilfen für Kinder und Jugendliche im Autismus-Spektrum

 

Im Gepräch mit Dr. med. Thomas Girsberger

Portrait von Christian G. Bien
Dr. med. Thomas Girsberger

Ihr erfolgreiches Buch „Die vielen Farben des Autismus“ erscheint nun bereits in 6. Auflage. Worin sehen Sie die größten Unterschiede zu Ihrem Werk „Mit Autismus den Alltag meistern“, das nun in die 2. Auflage geht? Wer profitiert von diesem ganz besonders?

„Die vielen Farben des Autismus“ ist ein Grundlagen-Werk, es behandelt alle Aspekte des Themas Autismus wie Spektrum, Ursachen, Diagnose, Therapie und Beratung. Es ist vor allem ein theoretisches Buch.
Im Gegensatz dazu ist „Mit Autismus den Alltag meistern“ ein Buch für die Praxis, für den Alltag, für den familiären Alltag in erster Linie. Ich vergleiche es deshalb mit einem Kochbuch. Es hat einen kurzen allgemeinen Teil als Einführung, dann folgt eine Fülle von „Rezepten“. Für alle erdenklichen Alltagssituationen und -probleme gibt es Handlungsanleitungen, wenn immer möglich auf einer einzigen Seite dargestellt. Die hauptsächlichen Ansprechpartner sind dabei die Eltern des autistischen Kindes. Sie profitieren in erster Linie von diesem Buch. Und damit ist auch angesprochen, dass es die Eltern sind, welche auf die positive Entwicklung des Kindes am meisten Einfluss nehmen können, mehr als alle anderen möglichen Bezugspersonen inkl. Fachleute.

Das Buch bietet konkrete Hilfestellungen für alle erdenklichen Situationen und Probleme, mit denen Familien mit Kindern oder Jugendlichen aus dem Autismus-Spektrum konfrontiert werden. Wie kann sich der Leser diese Hilfestellungen vorstellen?

Es gibt verschiedene Kategorien von Hilfestellungen: Rezepte, Gebrauchsanweisungen, Werkzeuge, Ãœbungen und Gesetze.
Rezepte sind Handlungsanleitungen für die Kinder und Jugendlichen selbst. Rezepte werden ausgedruckt und irgendwo sichtbar deponiert. Man könnte sie mit einer Anleitung vergleichen, welche z. B. in Hotels an der Wand hängt und erklärt, wie man bei Feuer den Notausgang findet.
Gebrauchsanweisungen richten sich an die Eltern oder andere Bezugspersonen. Sie geben ein kurzes Konzept ab, wie das betroffene Kind in einer bestimmten Situation angeleitet werden kann.
Werkzeuge haben „Hardware“-Charakter, ein Beispiel dazu ist der TimeTimer, eine Art Uhr, welche auf einfache/analoge Weise den Ablauf der Zeit darstellt, wie eine Eier-Uhr.
Übungen richten sich wiederum an die Betroffenen selbst, es sind in erster Linie Entspannungs-Übungen zum Abbau von Stress. Eines der wichtigsten Ziele von Autismus-Betroffenen ist es, den Umgang mit Stress zu lernen und diesen zu reduzieren. Es ist eine lebenslange Aufgabe, im Übrigen nicht nur für Menschen mit Autismus.
Gesetze sind Vereinbarungen zwischen Eltern und Kind und regeln ein bestimmtes Thema, ganz analog zu den Gesetzen in einem Rechtsstaat, nur sind diese hier kindsgerecht formuliert und allenfalls auch illustriert. Darin sind zusätzlich zu bestimmten Regeln gleichzeitig auch Anreize definiert, wenn diese Regeln eingehalten werden, und Konsequenzen, wenn sie grob missachtet werden. Ziel ist es schlussendlich, die Gesetze in einem „Familiengesetzbuch“ zu sammeln. Dies gibt dem Kind Halt und Orientierung.

Gibt es Alltagssituationen, die für Kinder und Jugendliche aus dem Autismus-Spektrum besonders herausfordernd sind?

Ich möchte dazu zwei Arten von Situationen hervorheben:
Erstens sind das alle neue und unerwartete Situationen. Da geht es vor allem darum, vorzubeugen und das betreffende Kind vorzubereiten, denn wir Erwachsenen können ja vieles voraussehen. Aber das Kind kann durchaus auch lernen, auf solche Situationen mit der Zeit gelassener zu reagieren.
Und zweitens sind alle Situationen sehr herausfordernd, in denen es um einen zwischenmenschlichen Konflikt und die damit ausgelösten Emotionen geht. Auch hier können wiederum beide Seiten dazulernen. Einerseits und vor allem natürlich die Eltern, aber andererseits auch die Betroffenen selbst. Zwei Kapitel des Buches heißen daher auch „Umgang mit Konflikt- und Stresssituationen“ und „Umgang mit Emotionen“.

Autismus - bei Kohlhammer

Neben fachlichen Hintergrundinformationen bildet die umfangreiche Sammlung von Rezepten, Gebrauchsanweisungen, Werkzeugen, Übungen und Gesetzen den Schwerpunkt des Buchs. Haben Sie für den Leser einen Tipp für die Nutzung des Buches, gibt es etwas zu beachten?

Ich rate dem Leser in erster Linie, all diese Anregungen und Vorlagen zu individualisieren, das heißt auf die eigenen Bedürfnisse und die eigene Situation anzupassen. Aus diesem Grund sind ja auch etliche der Vorlagen zum Download verfügbar und können am eigenen Computer verändert werden. Ich würde auch raten, bei diesem Prozess das Kind bzw. Jugendlichen altersgerecht mit einzubeziehen.

Noch eine letzte Frage: Was möchten Sie dem Leser mitgeben, bevor er Ihr Buch aufschlägt und liest?

Ich möchte allen Lesern die Botschaft mitgeben, mit den vielen noch vorhandenen Vorurteilen und Klischees bezüglich Autismus aufzuräumen. Wir sprechen von Autismus-Spektrum, weil dieses Spektrum sehr vielfältig ist. Wer einen Menschen mit Autismus kennt, kennt genau einen Menschen mit dieser Diagnose, welcher sich von allen anderen im Spektrum unterscheidet.

Vielen Dank für Ihre Zeit und Mühe!

Lesen Sie auch das Interview mit unserem Autor zu seinem Werk „Die vielen Farben des Autismus“

Thomas Girsberger
Mit Autismus den Alltag meistern
Praktische Hilfen für Kinder und Jugendliche im Autismus-Spektrum

2. Auflage 2023
172 Seiten mit 50 Abb. Kart.
€ 31,–
ISBN 978-3-17-043568-1

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