Arbeits- und Organisationspsychologie

Wie wird in Organisationen gearbeitet, welche Organisations- und Arbeitsformen führen zu positiven Ergebnissen und Wirkungen für Menschen und Organisationen?
Das neue Lehrbuch von Prof. Dr. Annette Kluge vermittelt die Theorien des Organisierens sowie die Bedingungen und Strategien der Veränderungen in und von Organisationen.

Im Interview gibt die Autorin einen Einblick in das Berufsfeld von Arbeits- und Organisations-Psycholog*innen und die Herausforderungen der Zukunft.

Portrait von Ulrich Egle
Annette Kluge (Foto: Damian Gorczany)

Zu Beginn eine ganz grundsätzliche Frage: Worum geht es in der Arbeits- und Organisationspsychologie (AO-Psychologie)? Wie grenzt sich diese von der Wirtschaftspsychologie ab?

Die AO-Psychologie betrachtet das Erleben und Verhalten von Personen im Kontext von Arbeit und Organisation. Wie erlebt eine Person ihre Arbeit und Tätigkeit? Was macht sie dabei zufrieden, was motiviert und demotiviert sie? Welche psycho-sozialen Funktionen hat Arbeit und wie sollten die sozialen Beziehungen zu Vorgesetzten und Kolleg*innen gestaltet sein, damit eine Person die eigene Arbeit als wichtig, gesundheitsförderlich, persönlichkeits- und kompetenzförderlich und zufriedenstellend erlebt?
Die Wirtschaftspsychologie hat sich seit einigen Jahren als Oberbegriff der AO-Psychologie sowie der Konsumenten-, Werbe- und Marktpsychologie etabliert. Die Wirtschaftspsychologie als Oberbegriff betrachtet den Menschen als Arbeitnehmer*in im Kontext von Organisationen, aber ebenso als Konsument*in, die z. B. ihre Konsumentscheidungen danach ausrichten, für wie sicher sie ihren Arbeitsplatz halten. Die Wirtschaftspsychologie thematisiert ebenso die Beziehungsgestaltung zwischen Unternehmen oder Organisationen. z. B. auf Branchenebene.

Wie kann ich mir das Berufsfeld von AO-Psycholog*innen vorstellen?

Das Berufsfeld findet sich klassischer Weise im Bereich Human Ressource Management, d. h. in der Personal- und Führungskräfteauswahl und -entwicklung (im Schwerpunkt Personal- und Organisationspsychologie) sowie in den Bereichen von Ergonomie, Arbeitsplatzgestaltung und Arbeitssicherheit (im Bereich Arbeitspsychologie) – mittlerweile ist auch die Beurteilung der psychischen Belastungen am Arbeitsplatz zwingend vorgeschrieben. Neu dazugekommen sind außerdem Felder des betrieblichen Gesundheitsmanagements.
AO-Psycholog*innen tragen dazu bei, die „menschliche Ressource“ in einer Organisation einerseits so einzusetzen, dass sie dazu beiträgt die Unternehmensziele zu erreichen aber gleichzeitig auch langfristig erhalten und gefördert wird.
Allein in Deutschland reden wir von ca. 40 Mio. Arbeitnehmer*innen, die im Durchschnitt jeden Tag 8 Stunden in einer Organisation verbringen. Sie leisten ihre Arbeit, um ihr Leben zu finanzieren, aber auch um sich kompetent zu fühlen und einen Wert für die Gesellschaft zu erbringen. Die AO-Psychologie tut ihr Bestes (im evidenzbasierten Sinne), um diese 8 Stunden für die Mitarbeiter*innen so persönlichkeits-, motivations- und kompetenzförderlich zu gestalten, wie es in einem fortschrittlichen Land wie Deutschland das Ziel sein sollte.

Welche psychologischen Themen sind in der AO-Psychologie besonders relevant?

Meiner Meinung nach ist das die Personalentwicklung und das Training. Für ebenso wichtig erachte ich – im übergeordneten Sinne – die Gestaltung von Interventionen, die Organisationen dabei unterstützen, sich kontinuierlich an eine sich permanent verändernde Umwelt anzupassen. Das fängt bei Anforderungen an die Produkte hinsichtlich der Nachhaltigkeit derer Produktion an, geht mit der Gestaltung von Arbeitsplätzen durch neue Technologien und der Berücksichtigung spezieller Bedürfnisse z. B. von älteren Arbeitsnehmer*innen weiter, und hört mit dem Umgang mit Reaktionen von Stakeholdern (Kunden, Naturschutzorganisationen etc.) über soziale Medien und neue Kommunikationskanäle noch nicht auf.

Mit welchen Herausforderungen sieht sich die AO-Psychologie aktuell und künftig konfrontiert?

Die großen Herausforderungen sind die Digitalisierung von Prozessen in Organisationen, neue Geschäftsmodelle durch die Nutzung von großen Datenmengen und der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI), die unsere Arbeitsplätze in spätestens ca. 5 bis 10 Jahren verändert hat. Damit verändert sich auch die Bedeutung von Arbeit für das Individuum und die Gesellschaft. Alle Erfahrungen, empirischen Ergebnisse, gesicherten Erkenntnisse und theoretischen Modelle zur Bedeutung und Gestaltung von Arbeit und Beziehungen in Organisationen werden weiterhin Gültigkeit haben. Die Herausforderung wird allerdings sein, diese gesicherten Erkenntnisse eben gerade in einer digitalisierten Hightech-Arbeitswelt umzusetzen und durchzusetzen.

In Ihrem neuen Lehrbuch behandeln Sie die zentralen Themen der AO-Psychologie. Nehmen wir bspw. die Unternehmenskommunikation: Warum ist dieser Aspekt für Unternehmen so wichtig und welchen Beitrag können AO-Psycholog*innen hier leisten?

Wenn ich in Organisationen früher tätig war und heute noch bin, war bzw. ist ein Hauptkritikpunkt, dass man sich nicht gut informiert fühlt. Fehlende Informationen haben maßgeblich Einfluss auf die Arbeits(un)zufriedenheit und natürlich auch auf die Qualität der Leistungen. Selbst in einer digitalen Welt, in der man meinen könnte, dass doch alle Informationen prinzipiell verfügbar sind, ist das natürlich nicht der Fall. Fehlende Informationen sind ein „Dauerbrenner-Thema“ in Organisationen. Die einen sagen: Wir informieren doch! Die andern sagen: Aber das, was uns wirklich interessiert, erfahren wir nicht!
Dabei gibt es ein Missverhältnis zwischen der Kommunikation mit Kunden (über Werbung, Marketing, Customer Relationship Management) und der Kommunikation mit den eigenen Mitarbeiter*innen. Die Anzahl von Personen im Marketing von Organisationen ist meistens deutlich höher als die Anzahl der Personen, die sich um die interne Kommunikation kümmert. Die interne Kommunikation wird nicht so ernst genommen (im Sinne von investierten Ressourcen) wie die Kommunikation mit Kunden und das ist ein großer Fehler. Hier können die Anwendung von organisationspsychologischen Theorien und Modellen der internen Kommunikation deutlich zur Arbeitszufriedenheit und gleichsam auch zur Wertschöpfung beitragen.

Studierende der Psychologie haben die Qual der Wahl, was die Auswahl an Vertiefungsfächern und Berufswegen angeht. Warum sollten Sie sich Ihrer Meinung nach für die AO-Psychologie entscheiden?

Wie ich bereits sagte, sind allein in Deutschland 40 Mio. Menschen erwerbstätig. Wir können durch die Anwendung des Wissens der AO-Psychologie damit das Arbeitsleben von 40 Mio. Menschen zum positiven beeinflussen oder erhalten. Wir wissen, wie sehr sich die Arbeitstätigkeit auch auf das Familienleben auswirkt, auf die Lebenszufriedenheit, die Gesundheit und das Wohlbefinden bis ins hohe Alter. Mit der menschzentrierten Gestaltung von Arbeit und Organisationen haben wir einen großen und sehr wirkungsvollen Hebel, das Leben von vielen Menschen positiv zu gestalten.

Vielen Dank für Ihre Zeit und Mühe!

In Kürze!

Annette Kluge
Arbeits- und Organisationspsychologie

Ca. 500 Seiten mit ca. 85 Abb. und ca. 23 Tab. Fester Einband
Ca. € 59,–
ISBN 978-3-17-026044-3
Aus der Reihe: Kohlhammer Standards Psychologie

Hier finden Sie ausführliche Informationen zum Buch!

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