Vom Leben und Sterben im Alter

Wie wir das Lebensende gestalten können

 

Interview mit dem Autor Herrn Univ.-Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Dipl.-Psych. Andreas Kruse.

Das neue Buch von Prof. Kruse befasst sich mit Menschen, die an ihrem Lebensende stehen, und ihren persönlichen wie fachlichen Bezugspersonen, die sie auf diesem letzten Abschnitt begleiten. Es zeigt Haltungen und Bewältigungstechniken seitens schwerkranker oder sterbender Menschen wie auch Versorgungs-, Begleitungs- und Umweltbedingungen auf, die dazu beitragen, das Lebensende so gut wie möglich den eigenen Vorstellungen entsprechend gestalten zu können.

Portrait von Prof. Andreas Kruse
© Privat

Lieber Herr Kruse, was hat Sie dazu angeregt, dieses Buch zu schreiben?

Kolleginnen und Kollegen haben mich dazu angeregt, ein Buch über das Lebensende alter Menschen zu schreiben, in dem neben fachlichen auch ethische Gesichtspunkte aufgegriffen werden sollten – eine Anregung, die mich auch aus den unterschiedlichsten Bereichen der Praxis erreichte. Es wurde die Erwartung formuliert, die Verarbeitung und Bewältigung schwerer, zum Tode führender Erkrankungen aus der Perspektive der Altersforschung zu beschreiben und dabei die Verletzlichkeit wie auch Ressourcen bzw. Entwicklungspotenziale alter Menschen in den Blick zu nehmen. Zudem wollte ich die unterschiedlichen Formen der Demenz berücksichtigen:
Inwiefern ergeben sich hier spezifische fachliche und ethische Anforderungen an die palliative Versorgung? Es ist ja zu bedenken, dass Demenzsyndrome mehr und mehr das Krankheitsgeschehen am Lebensende bestimmen werden.

Wen möchten Sie mit Ihrem Buch besonders ansprechen?

Eigentlich alle Personen, die mit Fragen der Palliativversorgung befasst sind: wissenschaftlich wie auch praktisch. Und mir geht es darum, verschiedene Berufsgruppen anzusprechen. Aus diesem Grunde kommen auch Befunde, Überlegungen und Kommentare aus unterschiedlichen Disziplinen – neben der Psychologie möchte ich hier nennen Medizin, Pflege, Philosophie, Recht, Soziologie und Theologie zu – Wort. Die Leitdisziplin bildet dabei für mich die Psychologie. Doch habe ich mich auch darum bemüht, wichtige Beiträge der anderen Disziplinen wenigstens in Ansätzen zu berücksichtigen und zu Wort kommen zu lassen. Damit folge ich der Überzeugung der in der Palliativversorgung tätigen Personen, die Begleitung Schwerkranker und Sterbender grundsätzlich als ein mehrdimensionales und interdisziplinär konzipiertes Geschehen zu begreifen.

Die Gerontologie definiert sich als ein Feld, zu dem verschiedene Wissenschaften gleichberechtigt forschen und Erkenntnisse beisteuern. Sie selbst sind von Hause aus Psychologe: Worin besteht der besondere psychologische Blick auf das Thema Ihres Buches?

Ich unternehme den Versuch, einen möglichst differenzierten Einblick in das Erleben, Verhalten und Handeln Schwerkranker und Sterbender zu geben und dabei grundsätzlich zwei Fragen nachzugehen. Die erste Frage: In welcher Weise ist die innere Situation, sind Verarbeitung und Bewältigung der Belastungen durch Krankheits- und Symptomverläufe wie auch durch Lebenslage und Umweltbedingungen beeinflusst? Die zweite Frage: Wie können Schwerkranke und Sterbende darin unterstützt werden, ihr Lebensende bewusst zu gestalten? Mit der zweiten Frage sind hohe Anforderungen an die Psyche oder – in moderner Terminologie – an das Selbst verbunden. Gleichzeitig bietet sich aber gerade durch den Versuch, das Lebensende bewusst zu gestalten, also zum Beispiel bewusst Abschied zu nehmen und Nahestehenden in diesem Abschied etwas mit auf den Weg zu geben, eine Chance für ein gerundetes Leben. Und ich wähle ausdrücklich die Formulierung „Das Lebensende bewusst gestalten“, um damit eine wichtige Zielsetzung der Palliativversorgung aufzugreifen: Schwerkranke und Sterbende so zu unterstützen, dass sie leben können, bis sie sterben. Dies hat ja schon Frau Saunders, maßgebende Begründerin der Hospizbewegung, so überzeugend dargelegt … – Nur muss eines auch gesagt werden: Sie treffen immer wieder auf Menschen, für die die Artikulation des Ziels „Das Lebensende bewusst gestalten“ eine Provokation darstellt und die entsprechende Formen der Unterstützung und des Beistands als unrealistisch ablehnen. Aber auch diese Menschen dürfen wir nicht im Stich lassen; gleichzeitig ist jede Form des Paternalismus zu vermeiden: welche Gratwanderung!

In Ihrem Buch zitieren Sie aus Werken von Schriftstellern wie bspw. Ingeborg Bachmann, Robert Gernhardt uns Rose Ausländer: Welchen zusätzlichen Zugang zu den existenziellen Themen der humana conditio können Poetik und Kunst im Rahmen eines Buches beitragen, das primär auf den „handfesten“ Ergebnissen von Medizin, Pflege und Psychologie basiert?

Die differenzierte psychologische Analyse, die ja zunächst einmal auf der Kunst der Beschreibung gründet, lässt sich durch die Hinzuziehung lyrischer Beispiele befruchten. Die psychologische Analyse versucht ja, möglichst objektiv und differenziert Verlaufs- und Entwicklungsprozesse von Erleben, Verhalten und Handeln wie auch von Persönlichkeit abzubilden. Die sensible sprachliche Darstellung der Lyrik kann uns Hinweise auf Phänomene geben, die sich der möglichst objektiv analysierenden und beschreibenden Psychologie vielleicht entziehen. Zudem ist Lyrik in der Lage, psychologisches Geschehen in besonderer Weise zu veranschaulichen, nach vollziehbar zu machen, zur Klarheit zu bringen.

Hat die aktuelle Pandemie Ihren Blick auf das Thema eventuell verändert, und falls ja, in welcher Weise?

Das Buch war schon sehr weit gediehen, als die Pandemie ausbrach; und doch war es mir wichtig, einen „ernsten Nachtrag“ zu verfassen, mit dem ich eine Hommage an die von der Pandemie betroffenen Menschen verfassen wollte – an die Schwerkranken und Verstorbenen, an die Angehörigen, an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der medizinisch-pflegerischen Versorgungssysteme.

Was ist Ihr Eindruck als Wissenschaftler, der sich über viele Jahre intensiv mit den Themen Leben und Sterben im Alter forschend und lehrend auseinandergesetzt hat:
Welche wichtigen Erkenntnisse lassen sich beispielhaft benennen, die die Perspektive auf den „letzten Lebensabschnitt“ in dieser Zeit verändert haben?

Ich möchte hier nur zwei kurze Antworten geben, in der viele Aspekte, die in dem Buch entfaltet werden, zusammengefasst sind.
Erstens: Die wechselseitige Verschränktheit von Verletzlichkeit und seelischer Entwicklung (Reifung). In der inneren Auseinandersetzung mit eigener Verletzlichkeit können Entwicklungsmöglichkeiten liegen, und dies gilt auch für das Lebensende.
Zweitens: Das Wechselspiel zwischen Selbst- und Weltgestaltung: Inwieweit gelingt die bewusste Gestaltung von Selbst und Welt auch am Lebensende? Inwieweit durchdringen sich diese beiden Bereiche? Und wie lässt sich dieser Prozess durch eine anspruchsvolle und ansprechende Palliativkultur fördern?

Wie verhalten sich aus Ihrer Sicht im Allgemeinen Gesellschaft und Politik zu Leben und Sterben im Alter? Wo sähen Sie für diejenigen, die in unserem Staat Verantwortung tragen sowie für jeden einzelnen als dessen Bürger ggf. Möglichkeiten anzusetzen, um sich diesem Thema zukünftig in angemessener Form noch stärker als bislang zu nähern?

Die Mitverantwortung von Gesellschaft und Politik für eine fachlich und ethisch ansprechende und anspruchsvolle Begleitung Schwerkranker und Sterbender wird in öffentlichen (und eben auch in politischen) Diskussionen betont. Doch bin ich davon überzeugt, dass in die Palliativversorgung noch deutlich höhere personelle und finanzielle Mittel investiert werden müssen. Die Begleitung Schwerkranker und Sterbender darf nicht als ein „Randgebiet“ von Medizin, Pflege und anderen Disziplinen verstanden werden; es ist vielmehr ein sehr bedeutendes Gebiet, denn hier stehen die Linderung zahlreicher Symptome sowie die psychologische und existenzielle Begleitung im Zentrum; diese erfordern ihrerseits hohe personelle Ressourcen und Kompetenz. – Auch sollte die individuelle Auseinandersetzung mit diesem Thema rechtzeitig beginnen, nicht erst zum Zeitpunkt der Diagnosestellung. Wir finden mittlerweile zahlreiche Kulturangebote, die auf eine Förderung der rechtzeitig begonnenen, individuellen Auseinandersetzung zielen – da herrscht wahrlich kein Mangel. Aber solche Angebote müssen auch aufgegriffen werden.

Im Laufe dieses Jahres gehen Sie, Herr Kruse, als Direktor des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg in den Ruhestand: Was wünschen Sie Ihrem Fach für die Zukunft, das Sie in den letzten 25 Jahren so maßgeblich mitgeprägt haben?

Ich wünsche mir wissenschaftliche Impulse, die die gesellschaftliche wie auch politische Diskussionen zu befruchten vermögen: zum Beispiel Impulse zu einem fachlich, ethisch und kulturell tiefergreifenden Umgang mit Verletzlichkeit und seelischen Kräften des Alters. Über die seelischen Kräfte des Alters in ihrer Bedeutung für Gesellschaft und Kultur wissen wir noch nicht genug. In diesem Zusammenhang ist auch die Sensibilität für kulturelle Unterschiede in der Deutung von Alter und im Umgang mit Alter zu erwähnen. Zudem erscheint mir der Beitrag der Wissenschaft zur einer anspruchsvollen und ansprechenden Kultur der Schwerkranken und Sterbenden sehr wichtig.

Noch eine abschließende Frage: Gibt es etwas, das Sie dem Leser Ihres Buches besonders mitgeben möchten?

Einen wissenschaftlichen, ethischen und persönlichen Anstoß zu einer memento mori-Kultur.

Lieber Herr Professor Kruse, vielen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch!

Neu!

Andreas Kruse
Vom Leben und Sterben im Alter
Wie wir das Lebensende gestalten können

2021. 336 Seiten. Kart.
€ 29,–
ISBN 978-3-17-040586-8

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