Schematherapie

Ein Leitfaden für die Praxis

 

Die Schematherapie ist ein Standardverfahren in der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen und eine der wichtigsten Entwicklungen der Verhaltenstherapie der letzten 20 Jahre. Die besondere Stärke der Schematherapie ist ihre besondere Form der Beziehungsgestaltung.
Matias Valente gibt in unserem Interview einen Einblick in seine Arbeit und die Entstehung seines jüngst erschienenen Praxisleitfadens.

Portrait von Matias Valente
Dr. sc. hum. Matias Valente

Können Sie bitte für jene Leserinnen und Leser, die noch nicht mit der Schematherapie vertraut sind, deren Ansatz kurz skizzieren?

Das Landschaftsbild der modernen Verhaltenstherapie ist in den letzten 20 Jahren sehr „bunt“ geworden, was wirklich sehr zu begrüßen ist. Im Kontext der Methoden der sogenannten „3. Welle“ findet man v.a. Behandlungskonzepte und Techniken, die Achtsamkeit, Akzeptanz und einen besseren Umgang mit Emotionen fokussiert trainieren, um von dort aus Verhaltensänderung einzuleiten. Solche Behandlungsprogramme sind wirklich gut und hoch effektiv, man erlebt aber häufig große Schwierigkeiten, wenn man sie bei Patienten mit Persönlichkeitsstörungen effizient anzuwenden versucht. Und da kommt die Schematherapie mit ihrer besonderen Form der Beziehungsgestaltung ins Spiel! Denn bevor man effektive Techniken anwenden kann, muss man symbolisch eine Art „Beziehungstür“ öffnen, um diese Patientengruppe zu erreichen. Und das ist eine deutliche Stärke der Schematherapie: Eine empirisch gut untersuchte Methode zur Behandlung von Persönlichkeitsstörungen, die zahlreiche erlebnisorientierte Techniken im Kontext einer effektiven Beziehungsgestaltung integrativ einsetzt.

Als ein zentrales Element der Schematherapie wird im Buch oft von unterschiedlichen „Modi“, mit denen gearbeitet werden soll, gesprochen – was ist damit gemeint?

Schemata sind „Erlebnismuster“. Neurobiologisch betrachtet nichts anders als der Versuch unseres Nervensystems, aus den Lebenserfahrungen Regeln zu abstrahieren, mit denen wir das unmittelbar Erlebte besser einordnen, uns dadurch orientieren und möglichst effektiv reagieren können. Metaphorisch sind Schemata eine Art „Navigationssystem“, wenn Sie möchten. Modi hingegen sind unmittelbar aktivierte Zustände: Meine Gefühle, meine Gedanken und mein „Fahrstil“ während der Fahrt, um bei der Metapher zu bleiben. Bei den sogenannten „Kindmodi“ stehen Gefühle, bei „kritischen Modi“ (dysfunktionale) Gedanken und bei „Bewältigungsmodi“ von außen sichtbare Handlungen im Vordergrund.

In Ihrem Buch stellen Sie – neben den theoretischen und technischen Grundlagen – die praktische Umsetzung der Schematherapie in ausführlichen „Schritt für Schritt“-Übungsanleitungen vor: Worin liegen für Sie die größten Herausforderungen in der praktischen Arbeit?

Ich würde zwei Schwierigkeiten herausstellen. Zum einen die Entscheidung für den „richtigen Fokus“ in einer Sitzung. Denn Übungen sind nichts anderes als „Werkzeuge“, also Mittel zu einem bestimmten Zweck. Die Wahl des passenden Werkzeugs ist zwar wichtig, aber die Wahl des Arbeitsthemas viel entscheidender.
Die andere wichtige Schwierigkeit ist zweifelsohne der Umgang mit eigenen emotionalen Reaktionen während der Arbeit mit Patientinnen und Patienten mit Persönlichkeitsstörungen. Denn wir sind in der Therapeutenrolle unmittelbare Interaktionspartner und arbeiten mit und in dieser Beziehung.

Sie sprechen in Ihrem Buch mit Begeisterung von der Schematherapie und ihrem quasi „eklektischen“ Behandlungskonzept – ist sie somit eine Antwort auf die noch immer häufig betonte Rivalität der Psychotherapie-Schulen?

Definitiv! Diese Rivalität und „Bandenbildung“ ist wirklich eine Besonderheit der Geschichte der Psychotherapie – um nicht gleich über eine „Macke“ zu reden. Klinische Studien belegen die Wirksamkeit von Methoden und Techniken, niemals von zugrundeliegenden Theorien. Und Rivalitäten finden häufig auf einer theoretischen Ebene statt. Empirisch belegte Techniken lassen sich jedoch in der Regel sinnvoll und effektiv kombinieren – man muss jedoch eine entsprechende integrative Haltung einnehmen und ggf. theoretische „Dogmata“ ablegen.

In den letzten Jahren sind zahlreiche gute Bücher zur Schematherapie erschienen: Was können Leserinnen und Leser aus Ihrem Werk lernen, was sie derart an anderer Stelle bislang nicht finden konnten?

Genau das, was ich in anderen Werken – einschließlich meinen bisherigen – vermisst habe: Eine wirklich ausführliche Beschreibung des praktischen Vorgehens mit dem Charakter einer „Navigationshilfe“. Im Buch findet man eine klare Behandlungsstruktur: von der Diagnostik bis zur Rückfallprophylaxe, ebenfalls sehr viele Abbildungen und v.a. wirklich sehr praktisch orientierte Übungsanleitungen mit „Schritt-für-Schritt“ Beschreibungen. Kolleginnen und Kollegen können in diesem Buch gezielt nach bestimmten Techniken für den Umgang mit spezifischen Situationen suchen und es als „Nachschlagewerk“ verwenden.

Haben Sie selbst in der Arbeit an diesem Buch etwas Neues, vielleicht sogar Überraschendes für sich und Ihre Arbeit dazugelernt?

Ja! Monate lang protokollierte ich die Anwendung aller möglichen Techniken während meiner Arbeit in der Praxis und beobachtete mich bei der Anwendung unterschiedlichster Übungen und Interventionen, ebenfalls meine Kolleginnen und Kollegen in Supervision. Das ist immer ein sehr spannender Prozess, denn man beobachtet sich selbst und seine Arbeit aus einem völlig anderen Blickwinkel als sonst. Und man stellt durchaus fest, dass man Übungen und Techniken nach wiederkehrenden Mustern durchführt. Gleichzeitig aber ergibt sich die Möglichkeit, Techniken zu optimieren und während des Schreibprozesses in leicht veränderten Formen zu „erproben“. Das Schreiben eines Buches ist immer eine sehr produktive Zeit und ein Lernprozess!

Vielen Dank für Ihre Zeit und Mühe!

Neu!

Matias Valente
Schematherapie
Ein Leitfaden für die Praxis

2021. 287 Seiten mit 30 Abb. und 11 Tab. Kart.
€ 39,–
ISBN 978-3-17-038740-9

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