„Ich habe so viel zu sagen …“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Bunzel über die Frankfurter Brentano-Ausgabe

Prof. Dr. Wolfgang Bunzel, Koordinator der Frankfurter Brentano-Ausgabe und Leiter der Abteilung Romantik-Forschung im Freien Deutschen Hochstift
Quelle/Bild: Freies Deutsches Hochstift

Der romantische Dichter Clemens Brentano (1778-1842) war ein ungemein produktiver und vielseitiger Autor. Viele tausend Seiten hat er geschrieben, Gedichte, Dramen, Satiren, Märchen, religiöse Schriften, dazu natürlich Briefe – entsprechend umfangreich ist das Werk, das er hinterlassen hat. Ein Großteil seines dichterischen Nachlasses befindet sich im Besitz des Freien Deutschen Hochstifts, das in Frankfurt am Main beheimatet ist, und auch Goethes berühmtes Geburtshaus am Großen Hirschgraben betreut. Der fachlichen Erschließung, Kommentierung und Publikation dieser mitunter schwer lesbaren schriftlichen Überlieferung widmen sich erfahrene Editoren in Zusammenarbeit mit zahlreichen Germanisten des In- und Auslandes seit 5 Jahrzehnten. Die Edition der Historisch-Kritischen Ausgabe sämtlicher Werke und Briefe Clemens Brentanos, die seit 1975 im Verlag Kohlhammer publiziert wird, umfasst inzwischen 53 Bände, es wird noch gut 10 Jahre dauern, bis die Ausgabe komplettiert und abgeschlossen ist.

Anfang September 2020 konnte Band 4,1 „Gedichte 1826-1827. Text, Lesarten und Erläuterungen“ (ISBN 978-3-17-021590-0) publiziert werden, in dessen Mittelpunkt der umfangreiche Zyklus der „Sonntäglichen Evangelien“ nach den Evangelienperikopen der Sonn- und Festtage des Kirchenjahrs stehen wird, der hier zum großen Teil erstmals im Druck erscheint.

Wir nehmen dies zum Anlass, mit Prof. Dr. Wolfgang Bunzel ein kurzes Gespräch zu führen.

Neu!

Clemens Brentano
Gedichte 1826-1827
Text, Lesarten und Erläuterungen
Band 4.1

2020. 544 Seiten. Fester Einband. € 470,–
Serienpreis:€ 430,-
ISBN 978-3-17-021590-0

Clemens Brentano: Sämtliche Werke und Briefe

Band 4.1Gesamtwerk
Porträt des Dichters Clemens Brentano
Quelle/Bild: Freies Deutsches Hochstift

(1) Viele geisteswissenschaftliche Disziplinen sehen sich mit der Frage konfrontiert, welchen Nutzen sie stiften. Ein Editionsprojekt, das sich über viele Jahrzehnte „nur“ einem literarischen Thema widmet, hat es dabei sicher besonders sehr. Dennoch hier die Frage: Warum tun Sie das alles?

Zuerst einmal gilt es, die Schätze kultureller Überlieferung zu sichern und zu pflegen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, der wir dadurch nachkommen, dass wir zum ersten Mal in der Geschichte alle Schriften, die Clemens Brentano verfasst hat, zugänglich machen und erschließen. Brentano hatte zeitlebens ein gespanntes Verhältnis zur Öffentlichkeit und daher nur einen Bruchteil dessen publiziert, was er schrieb. Alles das, was zu Lebzeiten ungedruckt geblieben ist, legen wir in einer Gesamtausgabe vor, so dass man zum allerersten Mal sein gesamtes Werk kennenlernen kann. Ohne eine solche Pionierarbeit wäre das kulturelle Gedächtnis lückenhaft, und die Wissenschaft hätte keine gesicherte Basis für ihre Forschung.

Clemens Brentano:
Sämtliche Werke und Briefe
Quelle/Bild: W. Kohlhammer GmbH

(2) Sind die in den Bänden der Frankfurter Brentano-Ausgabe publizierten Ergebnisse der Editionsarbeit einzig und allein für die Wissenschaft von Interesse?

Nein, überhaupt nicht. Die einzelnen Bände der Ausgabe enthalten ja zunächst immer den Text der jeweiligen Werke – z.T. in mehreren, voneinander abweichenden Fassungen – und sind daher Lese-Bücher im direkten Wortsinn. In einem zweiten Teil werden dann alle Abweichungen von der endgültigen Textgestalt verzeichnet, so dass man die Entstehung jedes einzelnen Werkes nachvollziehen und beispielsweise Vorstufen bzw. Entwürfe kennenlernen kann. Ein Kommentarteil schließlich bietet Verständnishilfen und liefert all jene Informationen, die wir benötigen, um die – manchmal ja voraussetzungsreichen – Texte erfassen zu können. Die beiden letztgenannten Abschnitte sind gewissermaßen der Service-Teil jedes Bandes. Viele preiswerte Einzelausgaben stützen sich auf die mit Sorgfalt aufbereiteten Texte der historisch-kritischen Edition, aber nur die Frankfurter Brentano-Ausgabe bietet die Chance, wirklich alles von diesem Schriftsteller kennenzulernen.

Lureley, 2. Fassung, Zu Bacharach am Rheine
Lureley, 2. Fassung, Zu Bacharach am Rheine
Quelle/Bild: Freies Deutsches Hochstift

(3) Worin liegen eigentlich der fachliche Reiz und worin die Schwierigkeiten bei der Arbeit an der Brentano-Ausgabe?

Ein besonderer Reiz liegt im Heben unbekannter Schätze. So konnte die Frankfurter Brentano-Ausgabe vor einigen Jahren eine gereimte Satire auf Napoleon, von der niemand ahnte, wer der Verfasser ist, zweifelsfrei Brentano zuschreiben. Diese Schrift war natürlich immer schon ein Brentano-Werk, doch wusste das bloß niemand. Ähnlich faszinierend ist die Präsentation bislang ungedruckt gebliebener Manuskripte. Auch hier haben wir es mit Neuland zu tun und entdecken Bereiche, die vorher unzugänglich waren. Das ist übrigens der Hauptgrund, weshalb die Frankfurter Brentano-Ausgabe mehr Bände umfassen wird als ursprünglich geplant. Was wir tun, ist work in progress, d.h. man muss sich immer auf unvorhergesehene Überrschaungen einstellen.

(4) Noch ist diese philologische Großedition nicht abgeschlossen, doch eine Frage interessiert schon heute: Hat die Frankfurter Brentano-Ausgabe neue Erkenntnisse zutage gefördert? Hat sie zu einer alternativen oder gar neuen Bewertung des Werks von Clemens Brentano beigetragen?

Frontispiz. Gockel, Hinkel und Gakeleia.
Quelle/Bild: Freies Deutsches Hochstift

Wir wissen heute nicht nur sehr viel mehr über den Schriftsteller Clemens Brentano, sondern können ihn auch wesentlich genauer verorten. Er war wirklich ein literarisches Universaltalent, das alle Arten von Texten ausprobiert hat. Wie intensiv sich Brentano etwa um das Theater bemüht hat, wird erst jetzt sichtbar. Zugleich war ihm der Dialog mit der bildenden Kunst lebenslang ein Anliegen. Er wollte, dass seine Texte von Abbildungen begleitet werden, und hat viele Illustrationen sogar selbst entworfen. Nach bzw. neben Goethe und vor Heine war er jener Dichter, der die Ausdrucksmöglichkeiten der deutschen Sprache am intensivsten zu nutzen wusste und der ein einzigartiges Gefühl für die Musikalität von Literatur hatte. Wir sollten den Sprachkünstler und Wortakrobaten Brentano unbedingt neu entdecken.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch und weiterhin frohes Schaffen!

Das Interview führte Dr. Uwe Fliegauf, Lektorat.

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