Wirtschaft am Scheideweg

Jeden Tag wird in den Medien über Wirtschaftskrisen, Handelskonflikte, Niedrigzinsen oder die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie berichtet. Für ein tieferes Verständnis reichen diese Meldungen aber meist nicht aus, zumindest geht es vielen Menschen so. Das hat weniger mit der Qualität der Berichterstattung als vielmehr mit der Komplexität des Wirtschaftsgeschehens zu tun. Gleichzeitig erscheint das Verständnis ökonomischer Zusammenhänge wichtiger denn je, schließlich müssen wir ständig eigene wirtschaftliche Entscheidungen treffen, sei es im privaten oder beruflichen Kontext. Wenn wir kompetent entscheiden wollen, ist ein gewisses Verständnis der zugrundeliegenden, ökonomischen Entwicklungen aber unerlässlich. Diese Intention steht am Anfang und bildet die konzeptionelle Grundlage der neuen Buchreihe „Volkswirtschaftslehre – praxisnah und verständlich“. Nachdem jüngst der erste Band mit dem Titel „Wirtschaft am Scheideweg. Corona, Brexit, Handelskriege und mehr“ erschienen ist, konnten wir ein kurzes Interview mit Professor Dr. Manuel Rupprecht, dem Herausgeber, führen.

Neu!

Manuel Rupprecht (Hrsg.)
Wirtschaft am Scheideweg
Corona, Brexit, Handelskriege und mehr

2020. 164 Seiten, 50 Abb., 13 Tab. Kart. € 29,–
ISBN 978-3-17-038866-6

Aus der Reihe „VWL – praxisnah und verständlich“

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Bei vielen, übrigens auch vielen Studierenden, würde die Aussage „VWL – praxisnah und verständlich“ zu ungläubigem Kopfschütteln führen. Bei Ihnen nicht, warum eigentlich?

Rupprecht: Lacht. Stimmt, die Volkswirtschaftslehre ist in den Augen vieler eine trockene, abstrakte und mitunter realitätsfremde Disziplin. Dass sie zur Erklärung des Wirtschaftsgeschehens häufig auf komplexe (mathematische) Modelle zurückgreift, macht die Sache auch nicht besser, im Gegenteil. Das muss zwar einerseits so sein, schließlich ist auch die Welt der Wirtschaft komplex; Modelle sind eine Möglichkeit, diese Komplexität beherrschbar zu machen. Manchmal geht dabei jedoch der Bezug zur Realität verloren. Flankierend kommt hinzu, dass sich Ökonomen in der Öffentlichkeit manchmal nur schwer verständlich äußern. Menschen ohne einschlägigen Hintergrund können ihren Aussagen nicht immer folgen. Es wundert daher nicht, dass viele mit der VWL eine realitätsfremde Sicht auf die Welt verbinden.

Tatsächlich berühren volkswirtschaftliche Entwicklungen aber das wirtschaftliche Leben eines jeden Einzelnen. Die Sicherheit des Arbeitsplatzes, der Lebensstandard im Alter oder die Zinsen auf dem Sparbuch: Alles hängt letztlich mit gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen zusammen. Die VWL ist also quasi immanent praxisnah. Es muss nur gelingen, diese Zusammenhänge so darzustellen, dass sie auch von Nicht-Experten als solche verstanden werden. Genau dazu möchte diese Reihe beitragen.

Prof. Dr. Manuel Rupprecht

Der Wirtschaft in Deutschland und vielen anderen Industrienationen steht eine ungewisse Zukunft bevor – worin sehen Sie im Moment die größten wirtschaftlichen Herausforderungen?

Rupprecht: Kurzfristig steht die Überwindung der pandemiebedingten Wirtschaftskrise ohne allzu große Blessuren gewiss an erster Stelle. Auf lange Sicht ist die Liste deutlich länger. Die notwendige Transformation in Richtung einer digitalen und nachhaltigen Wirtschaft muss deutlich stärker vorangetrieben und effizient gestaltet werden. Da gibt es meines Erachtens noch sehr viel zu tun. In dem Zusammenhang muss es zudem gelingen, das Produktivitätswachstum spürbar zu erhöhen. Andernfalls laufen wir Gefahr, unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren, die Tragfähigkeit unserer öffentlichen Finanzen zu gefährden und damit verbunden auch die sozialen Sicherungssysteme zu überfordern. Wie wichtig letztere sind, hat uns die Pandemie deutlich gezeigt.

Auf internationaler Ebene ist es in meinen Augen wesentlich, die Globalisierung nicht einfach zurückzudrehen, auch wenn die Rufe danach immer lauter werden. Sie sollte stattdessen intelligent umgestaltet werden. Dazu gehört durchaus auch, nationale Belange stärker zu berücksichtigen, etwa wenn es um die Wahrung demokratisch legitimierter Interessen geht. Der Brexit ist ein bedauerlicher Beleg dafür, was geschieht, wenn es nicht gelingt, die Globalisierung adäquat politisch zu begleiten. Idealerweise erfolgt der Umbau international koordiniert. Der Systemwettbewerb zwischen den USA und China, der auch mit einem US-Präsidenten Biden weitergehen wird, ist für diesen Umbau jedoch eine große Bürde. Eben deswegen ist es zentral, dass die EU ihre eigenen Anstrengungen zugunsten einer handlungsfähigen und wettbewerbsfähigen Union intensiviert, um zwischen den Großmächten nicht zerrieben zu werden.

In letzter Zeit hat die Sichtbarkeit von Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Forschung in der Öffentlichkeit und als Partner der politischen Entscheidungsträger deutlich zugenommen – dagegen halten sich viele akademische Ökonomen auffällig zurück oder täuscht der Eindruck?

Nach meiner Wahrnehmung haben sich auch Ökonomen zuletzt immer wieder in die öffentliche Diskussion eingebracht, sei es in Form von Zeitungsbeiträgen, Talkshow-Teilnahmen oder Radiointerviews. Zu den wesentlichen Punkten, die dabei von vielen hervorgehoben wurde, zählte u.a. die Feststellung, dass zwischen der Pandemiebekämpfung einerseits und der Stabilisierung der Wirtschaft andererseits kein Zielkonflikt besteht. Das Gegenteil trifft zu. Warum genau und wie das gelingen kann, dazu haben sich immer wieder Kollegen geäußert. Angesichts der ungewöhnlich prominenten Rolle von Vertretern der Virologie etc. ist dies allerdings wohl nicht gleichermaßen durchgedrungen.

Zuletzt noch eine ganz aktuelle Frage: Wir blicken in die USA, dort hat die heiße Phase des Präsidentschaftswahlkampfes 2020 begonnen. Der Amtsinhaber beruft sich immer wieder auf seine wirtschaftlichen Erfolge – ist das berechtigt?

Rupprecht: Das geht schnell: Nein. Es ist zwar nicht so, dass Präsident Trump gar nichts zum wirtschaftlichen Erfolg der US-Wirtschaft beigetragen hat. Ich denke da bspw. an die große Steuerreform, die zum Jahreswechsel 2017/2018 beschlossen wurde und den Unternehmen (und vielen Haushalten) spürbare Steuersenkungen beschert hat. Auch in der Pandemie hat die US-Administration in wirtschaftspolitischer Hinsicht einiges dazu beigetragen, um die Folgen abzumildern. Auf der Sollseite stehen jedoch die – immer stärker sichtbaren – Folgen des Handelsstreits sowie die teils erratischen Politikveränderungen, die zu einer hohen Unsicherheit führen. Objektiv gesehen sind seine Erfolge also nicht so „großartig“ wie es der Amtsinhaber gerne darstellt.

Prof. Dr. Manuel Rupprecht ist seit 2016 Professor für Volkswirtschaftslehre, insb. Internationale Wirtschaftspolitik an der Fachhochschule Münster. Er studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten in Münster und Christchurch (Neuseeland). Nach der Promotion in Frankfurt folgte der Einstieg in die geldpolitische Abteilung der Deutschen Bundesbank, wo er seit 2011 den Bereich „gesamtwirtschaftliche Finanzierungs- und Vermögensrechnung“ leitete. In diesem Rahmen beriet er u. a. den Präsidenten der Bundesbank und wirkte an zahlreichen internationalen Gremien (EU, OECD etc.) mit. Zu seinen derzeitigen Forschungsgebieten gehören die aktuellen Herausforderungen in der internationalen Wirtschaftspolitik sowie die Folgen der Niedrigzinsen für die Ersparnisse privater Haushalte. Er ist zudem Lehrbeauftragter an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung.

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