COVID-19 und seine psychischen Auswirkungen

Dr. Charles Benoy im Gespräch über sein neues Herausgeberwerk

Ihr Werk stellt verschiedene Aspekte unserer Lebenssituation mit der COVID-19-Krise dar und beleuchtet unterschiedliche betroffene Personengruppen. Welche sind das?

Portrait von Charles Benoy
Charles Benoy

Das Leben aller Menschen ist in der COVID-19-Krise durch die breitflächigen Maßnahmen beeinträchtigt und alle Menschen müssen ausgeprägte Anpassungs­leistungen erbringen. Es gibt jedoch Personengruppen und Lebenssituationen, die ganz besonders von den Kontakt­einschränkungs­maßnahmen betroffen sind. Dies sind z. B. Menschen, die im medizinischen Dienst arbeiten, Infizierte oder Angehörige von Infizierten, Pflegende, Familien und deren Kinder, Menschen mit psychischen (Vor-)Erkrankungen, Menschen, die im Homeoffice arbeiten müssen, und viele andere. In unserem Sammelwerk gehen wir auf diese Personengruppen ein und wollen anhand der Beschreibung der unterschiedlichen Lebenskontexte darlegen, wie die COVID-19-Maßnahmen unser Leben verändern und sich auf unsere Psyche auswirken können.

Welche psychischen Störungen könnten in diesen Zeiten zunehmen oder haben zugenommen?

Wir wissen aktuell noch nicht im Detail, welche genauen Auswirkungen die COVID-19-Krise und die damit einhergehenden Maßnahmen auf die Anzahl an psychischen Störungen haben werden. Was wir aus Studien jedoch bereits wissen ist, dass psychische Symptome deutlich zugenommen haben, was wohl zu einer anhaltenden höheren Anzahl an psychischen Störungen wie beispielsweise Depressionen, Angststörungen oder posttraumatischen Syndromen führen wird. Auch anhaltende Infektions- oder hypochondrische Ängste werden wohl zunehmen.

Viele Kontaktbeschränkungsmaßnahmen werden derzeit (im Mai 2020) gelockert – wie ist hierzu Ihre Einschätzung aus psychologischer Sicht?

Aus psychologischer Sicht sind die Lockerungen der Kontakt­beschränkungs­maßnahmen zu begrüßen. Die Zunahme an Freiheit wirkt sich mit Sicherheit positiv auf die menschliche Psyche aus und wird wohl von vielen als deutliche Erleichterung erlebt. Hier sollte man sich jedoch nicht zu voreiligen verfrühten Lockerungen hinreißen lassen. Eine erneute Verschärfung der Maßnahmen würde wohl mit einer deutlichen Zunahme der psychischen Belastung einhergehen und bei einem beträchtlichen Anteil der Menschen Unterdrückungs- und Repressionsgefühle auslösen.

Die längerfristigen Folgen der Corona-Krise sind noch weitgehend ungewiss. Auf welcher Basis können Sie und die Autoren des Buchs Ihre Einschätzungen abgeben?

Ja, die aktuelle Situation ist nie dagewesen und unbeschrieben. Es gibt jedoch einige Untersuchungen aus vergleichbaren Situationen wie beispielsweise vorhergehenden Epidemien oder anderen Lebenskontexten, in denen Menschen in Isolation oder Quarantäne leben mussten. Auf diese Studien können wir zurückgreifen und fundierte Einschätzungen darüber ableiten, welche kurz- und langfristigen Folgen die Krise auf unsere Psyche haben wird und mit welchen Maßnahmen diesen entgegengewirkt werden kann.

Mit welchen psychischen Langzeitfolgen werden wir voraussichtlich leben müssen – wie ist Ihre Prognose?

Wir werden mittel- und langfristig mit einer Zunahme von psychischen Störungen auskommen müssen. Zudem wird sich das soziale Interaktionsverhalten der Menschen längerfristig deutlich verändern, was wiederum bei einem Teil der Menschen zu anhaltendem Stresserleben führen wird. Wie ausgeprägt diese Langzeitfolgen sein werden, ist vor allem davon abhängig, wie lange wir mit den Kontakt­einschränkungs­maßnahmen leben müssen und wie wir diese bewältigen können.

Vielen Dank für Ihre Zeit und Mühe!

Neu!

Charles Benoy (Hrsg.)
COVID-19
Ein Virus nimmt Einfluss auf unsere Psyche

Einschätzungen und Maßnahmen aus psychologischer Perspektive

2020. 132 Seiten. Kart.
€ 24,–
ISBN 978-3-17-039396-7

Hier finden Sie ausführliche Informationen zum Buch!

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