Amalie von Stubenrauch – Bühnenstar und Geliebte des Königs

Amalie von Stubenrauch (1805-1876) war eine bemerkenswerte Frau: Als gefeierter Bühnenstar bildete sie den Mittelpunkt ihres gern besuchten Salons und war mit vielen bis heute berühmten Künstlern befreundet. In Erinnerung blieb sie jedoch vor allem aufgrund ihrer über 30 Jahre währenden Liaison mit König Wilhelm I. von Württemberg. Cornelia Oelwein verbindet die verschiedenen Lebensbereiche der Amalie von Stubenrauch zu einem facettenreichen Porträt dieser beeindruckenden Frau und gewährt Einblicke in diesem Interview

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Cornelia Oelwein
Amalie von Stubenrauch (1805-1876)
Bühnenstar und Geliebte des Königs

2020. 308 Seiten, 8 Abb. Kart. € 34,–
ISBN 978-3-17-037745-5

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Sehr geehrte Frau Oelwein, Amalie von Stubenrauch war im 19. Jahrhundert ein weithin bekannter und geliebter Bühnenstar. Heute kennt man sie kaum noch. Wie erklären Sie dieses kollektive Vergessen?

Amalie von Stubenrauch
Amalie von Stubenrauch, Miniatur von Emanuel Thomas Peter, 1830

Es ist das Schicksal vieler einst großer Schauspielerinnen und Schauspieler, dass ihr Ruhm langsam verblasst – damals wie heute. Amalie von Stubenrauch war jedoch zu ihrer Zeit nicht nur als Diva bekannt, sondern polarisierte als Geliebte, ich möchte fast sagen als langjährige Partnerin König Wilhelms I. von Württemberg. Bereits zu ihren Lebzeiten versuchten ihre Feinde sie in Misskredit und langsam in Vergessenheit zu bringen. Es geht sogar soweit, dass König Karl von Württemberg, der Sohn und Nachfolger König Wilhelms, nach dem Tod Amalies den Redakteuren mit Nachdruck ans Herz legte, keine Nachrufe in den Zeitungen zu veröffentlichen. Und die meisten hielten sich daran. Aus diesem Grund wurde sie nach ihrem Tod höchstens noch in einschlägigen Theaterblättern gewürdigt.

Was war das Geheimnis ihres beruflichen Erfolges?

Ich glaube, es war gar kein so großes Geheimnis. Es waren vor allem ihr schauspielerisches Talent und ihre Bühnenpräsenz. Wir haben ja keine Videos oder ähnliches. Wir müssen uns auf die Aussagen der Zeitgenossen verlassen. Und in der unendlichen Fülle von Aufführungsbesprechungen ist immer wieder zu finden: Sie war sehr variabel in ihrem Spiel, konnte die jeweilige Stimmung gut herüberbringen, sprach sehr klar und verständlich, ohne Dialekt. Auch ihr gutes Aussehen und ihre Ausstrahlung wurden stets gerühmt – und nicht zuletzt ihr guter Geschmack in Fragen der Garderobe. Man muss nämlich wissen, dass Schauspielerinnen zu ihrer Zeit die Kostüme auf eigene Kosten anschaffen mussten.

Lithographie
Das Königliche Hoftheater in Stuttgart, gelegen an der Stelle des heutigen Gebäudes des Württembergischen Kunstvereins. Lithographie um 1830

Neben ihrer beruflichen Unabhängigkeit, ihren Erfolgen erregte vor allem Amalies ‚Liaison’ zu König Wilhelm I. von Württemberg die Gemüter der Zeitgenossen. Wie muss man sich diese Beziehung vorstellen, die immerhin über 30 Jahre bis zum Tod des Königs hielt?

Sie gab dem König ein Gefühl von „normalem“ Leben, das er hinter den Mauern des Schlosses vermisste. Sie interessierte sich für seine Sorgen und Nöte, war gebildet genug, sich mit ihm darüber zu unterhalten, gab dem nicht als besonders einfachen Charakter beschriebenen Monarchen menschliche Wärme. Und vor allem: Sie beging nicht den Fehler, ihn für eigene Interessen einzuspannen oder sich in die Politik einzumischen. Mit einer Ausnahme vielleicht: In Theaterfragen lässt sich ihr Einfluss nicht verleugnen. Doch in dieser Hinsicht konnte sich Wilhelm I. stets auf ihr Wissen, ihr untrügliches Gespür und ihre guten Kontakte in der Welt der Künstler verlassen.

Sie sagen: Kontakte in der Welt der Künstler? Wie muss man sich diese vorstellen?

Amalie pflegte in ihrem stattlichen Haus in Stuttgart einen sogenannten Salon. Es ist von vielen Großstädten bekannt, dass gebildete Damen in ihre Wohnungen zu Gesprächen einluden. Vertreter aus Gesellschaft, Politik und Kunst besuchten diese erlesenen Zirkel, in die man nur durch persönliche Einladung oder Einführung durch andere Gäste Eingang finden konnte. Bei Amalie verkehrten naturgemäß viele Theaterleute, aber auch zahlreiche andere Persönlichkeiten des kulturellen Lebens – Musiker, Maler, Bildhauer, Architekten und vor allem Literaten. Zum Beispiel Wilhelm Hauff, Eduard Mörike, Nikolaus Lenau oder Friedrich Wilhelm Hackländer – um nur einige Namen zu nennen.

Lithographie
Huldigung König Wilhelms I. anlässlich seines 25. Thronjubiäums vor dem Haus Amalie von Stubenrauchs in der Friedrichstraße 8 / Ecke Kronenstraße am 27. September 1842, Ölgemälde von Franz Seraph Stirnbrand.

Amalie war offensichtlich eine in jeder Hinsicht unabhängige Frau, die ihr Leben in einer von Männern dominierten Welt nicht an den Konventionen ausrichtete. War Amalie eine emanzipierte Frau lange bevor es die Emanzipation als Ideal gab?

Cornelia Oelwein
Cornelia Oelwein

Lassen Sie mich zweigeteilt auf diese Frage antworten: Amalie sah sich sicher nicht als Vorkämpferin für Frauenrechte. Und zu keiner Zeit übertrat sie bewusst die Grenzen der Konventionen. Doch führte sie ein für ihre Zeit außergewöhnlich selbst bestimmtes, finanziell unabhängiges Leben. Das wurde ihr nicht zuletzt durch das stattliche Vermögen, das sie als Bühnenstar erwirtschaftete, ermöglicht. Sie hatte ihren eigenen Lebensweg gefunden, war selbstbewusst, brauchte keinen Alibi-Ehemann, agierte unabhängig – und in dieser Hinsicht kann man sie mit Sicherheit als emanzipierte Frau bezeichnen.

Das Interview mit Frau Dr. Cornelia Oelwein führte Herr Dr. Peter Kritzinger aus dem Verlagsbereich Geschichte/ Politik/ Gesell­schaft.

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