Mit spitzer Feder für die Freiheit
Patrick Peters über Joseph Görres
Patrick Peters macht den Publizisten und Wissenschaftler Joseph Görres anlässlich seines 250. Geburtstags wieder sichtbar. Er zeichnet das lebendige Porträt eines Denkers, der sich der Willkür widersetzte, für seine Überzeugungen einstand und die intellektuellen Strömungen seiner Epoche maßgeblich prägte. Seine Ideen wirken bis heute fort – nicht zuletzt durch die Görres-Gesellschaft, die seit 1876 das wissenschaftliche Erbe im katholischen Deutschland bewahrt.

Patrick Peters
Joseph Görres
Mit spitzer Feder für die Freiheit
2025. 186 Seiten, kartoniert
26,- €
ISBN 978-3-17-045724-9
Was hat Sie persönlich dazu motiviert, gerade jetzt – anlässlich von Görres’ 250. Geburtstag – eine moderne Biografie über ihn zu schreiben?

Tatsächlich habe ich den 250. Geburtstag Joseph Görres’ und den 150. Gründungstag der Görres-Gesellschaft zum hauptsächlichen Anlass genommen. Der Wunsch, mich mit Görres publizistisch auseinanderzusetzen, bestand ohnehin schon länger, da passten diese beiden Jubiläen sehr gut ins Konzept. Es ist meiner Meinung nach dringend notwendig, dem wichtigsten katholischen Publizisten des 19. Jahrhunderts, dem Begründer des politischen Katholizismus in Deutschland, dem Gründer der bedeutenden Zeitschrift Rheinischer Merkur und einem der führenden Universalgelehrten der Goethezeit erhöhte Aufmerksamkeit zu verschaffen; ich hoffe, dass ich mit der Biografie ein wenig dazu beitragen kann.
Ihr Porträt zeichnet Görres als „Stimme des Widerstands“ und leidenschaftlichen Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit. Welche Aspekte seines Lebens empfinden Sie heute als besonders relevant – und warum?
Joseph Görres hat gezeigt, dass man seine Haltung auch gegen Widerstände wahren kann und sich nicht dem Zeitgeist anpassen muss, um in der Welt zu bestehen. Er ist immer seinem Gewissen gefolgt und seiner festen Haltung für Freiheit und Gerechtigkeit, auch wenn er dadurch Nachteile erfahren hat und sogar ins Exil musste, um nicht verhaftet zu werden. Görres hat es sich nie bequem gemacht und lebte nach dem Motto: „viel Feind’, viel Ehr’“. Man würde dies heute wohl als zivilen Ungehorsam bezeichnen, auch wenn Görres Pöbel- und Krawalldemonstrationen und unsere intellektuell unreflektierte und häufig persönlich werdende Anti-Haltung gegen alles, was nicht ins eigene Weltbild passt, absolut abgelehnt hätte. Wir können Joseph Görres heute als Beispiel für eine konsequente innere und äußere Haltung, für einen hohen Bildungsanspruch und den Mut brauchen, sich auch von restriktiven Umfeldern nicht vom Recht auf freie Meinungsäußerung und einen liberalen Gesellschafts- und Lebensentwurf abhalten zu lassen.
Görres war gleichzeitig Publizist, Wissenschaftler und politischer Aktivist. Wie haben Sie diesen facettenreichen Politik-Intellektuellen in Ihrer Darstellung strukturiert, ohne ihn zu überfrachten?
Gerade räumlich beschränkte Darstellungen leben von Auslassungen. Ich habe versucht, auf allzu Persönliches und Alltäglich-Dokumentarisches zu verzichten und mich auf die wesentlichen Eckpfeiler seines umfassenden Schaffens zu konzentrieren, aber immer im historischen und kulturellen Kontext. Dieser ist für mich sehr wichtig, um Joseph Görres sinnvoll einzuordnen und seine Haltung und Ideen verständlich zu machen, da er oftmals auf aktuelle Ereignisse reagiert hat, durch und durch ein Mann seiner Zeit war und Entwicklungen sehr scharf beobachtet und aufnahm, auch wenn er durch sein Auftreten schon vor mehr als 200 Jahren etwas aus der Zeit gefallen zu sein schien.
Sie schreiben, seine Ideen wirken bis heute fort – nicht zuletzt durch die Görres‑Gesellschaft. Wie sehen Sie seine Wirkung auf die aktuelle Debatte in Forschung und Gesellschaft?
Da muss man etwas einschränken. Görres’ Ideen, Ideale und Forderungen – Freiheit, soziale Gerechtigkeit, konfessionelles Selbstbewusstsein, klare politische und publizistische Haltung, Einsatz für Schwache, lebenslanges Lernen – wirken zwar bis heute fort. Aber der Name „Görres“ entfaltet kaum noch eine direkt Debattenwirkung in Forschung und Gesellschaft, denn viele von Görres’ Errungenschaften und Aktivitäten sind schlicht Teil allgemeiner Gewissheiten und sozialer Spielregeln geworden, sei es die Hilfe zur Selbsthilfe im karitativen Bereich oder auch die Selbstbestimmung von Individuen, Familien und Gemeinschaften, auch als Subsidiarität bekannt. Das ist natürlich eine gigantische Errungenschaft, wird aber kaum noch Görres’ Wirken zugeordnet. Die Görres-Gesellschaft versteht sich in diesem Zusammenhang als eine Plattform, die die aktuellen wissenschaftlichen Debatten in ihrer gesellschaftlichen Vielfalt aufgreift und sich im Spannungsfeld von säkularer Welt, wissenschaftlichem Fortschritt und christlicher Tradition aktiv und profiliert daran beteiligt. Daher befasst sie sich im Kontext einer sich stark wandelnden und zunehmend säkularisierten Welt mit den Ergebnissen aktueller Forschungen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft. Das geschieht natürlich im Geiste des Namensgebers, also mit Blick auf liberale, katholische und menschenzugewandte Grundhaltung mit dem klaren Fokus auf das christliche Menschenbild und die christliche Ethik.
Ihr Text verzichtet auf historische Verklärung und bleibt essayistisch-kompakt. Welche stilistischen oder inhaltlichen Entscheidungen waren für Sie entscheidend, um diese Balance herzustellen?
Es ging mir nicht um ein glorifiziertes Gemälde oder eine anheimelnde, freundschaftliche Nähe und Vertrautheit suggerierende ‚Fan-Biographie‘ von Joseph Görres, sondern um einen prägnanten, lesbaren und verständlichen Band über Leben, Werk und Wirkung. Der essayistisch-kompakte Ansatz, der Görres’ Schaffen in der historischen Entwicklung seiner disruptiven Zeit betrachtet, war daher naheliegend, um einen sinnvollen Überblick zu schaffen, der Raum zur weiteren Beschäftigung gibt. Man kann Joseph Görres ohnehin nicht ‚auserzählen‘, weil er ein unfassbar umfangreiches und nicht immer allzu gut lesbares Werk hinterlassen hat, sekundiert durch ein sehr großes Briefcorpus. „Joseph Görres – Mit spitzer Feder für die Freiheit“ soll also Einstieg, Überblick und Türöffner zugleich sein, verbunden mit der Hoffnung, Joseph Görres neue Geltung zu verschaffen und eine zusätzliche Beschäftigung mit ihm anzuregen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview mit Prof. Dr. Patrick Peters führte Simon Bihr aus dem Lektorat Geschichte.