Von der Handschrift zum Buchdruck – Über die Leistungen und die Rahmenbedingungen deutscher Buchdrucker der ersten Stunde im französischsprachigen Raum

Für ihre Dissertation untersuchte Dr. Charlotte Katharina Kempf die Leistung und Bedeutung der deutschen Buchdrucker auf dem französischen Buchmarkt – ein Phänomen, das bisher in der buchhistorischen Forschung nur wenig Beachtung fand. Die Arbeit verknüpft biographische Aspekte der Drucker mit ökonomischen Fragestellungen und kulturellen Rahmenbedingungen. Sie gelangt so zu aussagekräftigen Erkenntnissen über den Medienwandel in der Inkunabelzeit als einem komplexen Innovationsprozess, an dessen Ende die Ablösung der Handschrift durch den Buchdruck steht.

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Charlotte Katharina Kempf
Materialität und Präsenz von Inkunabeln
Die deutschen Erstdrucker im französischsprachigen Raum bis 1500

2020. 583 Seiten, 17 Abb., 19 Tab. Kart. € 89,–
ISBN 978-3-17-037673-1

Aus der Reihe „Forum historische Forschung: Mittelalter

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Fichet, Guillermus: Rhetorica. Mit Beig. von Robertus Gaguinus. [Paris: Ulrich Gering, Martin Crantz und Michael Friburger, 1471]. 4° (GW 09870; ISTC if00147000; USTC 202922; FB 70536), handschriftliches Exemplar, Widmungsminiatur: Fichet überreicht Jolande von Frankreich ein Exemplar der Rhetorica; Cologny, Fondation Martin Bodmer, Cod. Bodmer 176, fol. 1r.

In Ihrer Dissertation nehmen Sie die erste Phase des Buchdrucks bis etwa 1500 ins Auge. Wie würden Sie diese Zeit des Übergangs von der Handschrift zum Buchdruck charakterisieren?

Diese Zeit des Übergangs zeichnet sich dadurch aus, dass im Medium des gedruckten Buches noch zahlreiche Elemente des Mediums der Handschrift präsent sind. Aufgrund dessen spricht man von einer Parallelität von Handschrift und gedrucktem Buch in den ersten Jahrzehnten nach der Erfindung des Buchdrucks. Dieser Übergang zeichnet sich beispielsweise durch die Vorbildrolle aus, die die Handschrift für gedruckte Bücher spielte (etwa bei der Schriftart oder bei der Auswahl der Texte) und die gedruckte Bücher zunächst nachzuahmen suchten. Außerdem wurden weiterhin Handschriften sowie Texte auf Grundlage von Drucken angefertigt. Zuletzt ist zu nennen, dass sich ab etwa 1480 neue paratextuelle Elemente innerhalb der gedruckten Texte (etwa dem Titelblatt) und neue Medien wie das Flugblatt oder die Flugschrift entwickelten, die keine medialen Vorläufer in der Handschrift hatten und als eigenständige Druckmedium entstanden.

Der Buchdruck genießt den Ruf zu den herausragenden Leistungen der Menschheit – etwa der Beherrschung des Feuers, der Entwicklung des Ackerbaus, der Erfindung des Rades, Ausgestaltung der Schrift – zu gehören, welche unser Leben maßgeblich veränderten. Inwieweit spiegelt sich dieser nachhaltige Wandel in Ihrem Untersuchungszeitraum wider?

Fichet, Guillermus: Rhetorica. Mit Beig. von Robertus Gaguinus. [Paris: Ulrich Gering, Martin Crantz und Michael Friburger, 1471]. 4° (GW 09870; ISTC if00147000; USTC 202922; FB 70536): gedrucktes Exemplar ohne Widmungsbrief, Beginn des Textes; Österreichische Nationalbibliothek, Wien: Ink 3.G.5.

Der Buchdruck ermöglichte erstmalig, einen Text in einem technischen Prozess zu produzieren und zu reproduzieren. Das war etwas vollkommen Neues. Auf diese Weise war es möglich, einen Text schneller, in identischer Form und in höheren Auflagen herzustellen. Diese Erfindung hat die Schriftkultur nachhaltig ‚revolutioniert‘, denn auch wenn einzelne Bereiche weiterhin dem Medium der Handschrift vorbehalten blieben, wurde das gedruckte Buch zum kulturelle Leitmedium. Dieser Prozess wurde im 15. Jahrhundert angestoßen. Bemerkenswert ist nun, dass diese Erfindung – abgesehen von kleineren Modifikationen – bis ins 19. Jahrhundert unverändert blieb. Die Tragweite der Erfindung war bereits den Zeitgenossen bewusst, da sich im 15. Jahrhundert kontroverse Diskussionen zu diesem Medienwandel beobachten lassen, die von großer Begeisterung bis hin zur Ablehnung reichten. Auch diese Bandbreite und Intensität lassen sich ausschließlich für die ersten Jahrzehnte nach Erfindung des Buchdrucks konstatieren, danach hatte sich der Buchdruck durchgesetzt.

Sie beschränken Ihre Studie auf deutsche Erstdrucker auf französischsprachigen Raum. Wie kommt es zu dieser Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes?

Die Arbeit widmet sich zehn Buchdruckern in elf Städten. Keiner der untersuchten Erstdrucker war über die Jahrhundertgrenze hinaus noch tätig. Auch wenn die Präsenz deutscher (Erst-)Drucker mit dem Jahr 1500 nicht endgültig endete, markiert dieses Jahr doch einen Abschluss der ersten Druckergeneration. Aus diesem Grund fokussiert sich die Untersuchung auf deutsche Erstdrucker im 15. Jahrhundert.

Sie betrachten in systematischer Weise die Verbreitung von Inkunabeln. Welche Erkenntnisse lassen sich daraus ableiten?

Im Rückblick scheint der Siegeszug des Buchdrucks selbstverständlich und unaufhaltsam zu sein. Studiert man aber die zeitgenössischen Quellen, dann wird deutlich, dass dies keineswegs so war: die Verbreitung gedruckter Bücher war vielfach von Diskontinuität, Unsicherheit und Zufällen geprägt. Es bilden sich in Frankreich mit Paris und Lyon zwei dominierende Zentren des Buchdrucks heraus – eine Entwicklung, die es so in Deutschland nicht gibt.

Es fällt auf, dass die Erstdrucker häufig bewegte Leben führten. Viele zogen wiederholt um, die meisten mussten ihre Betriebe bankrott melden, etliche flohen vor Gläubigern alle waren jedoch ungemein wendig und erfinderisch. Inwieweit ist der Buchdruck für diese Eigentümlichkeiten verantwortlich?

Politische Karte des Königreichs Frankreich Mitte des 15. Jahrhunderts, Illustration von Peter Palm
Politische Karte des Königreichs Frankreich Mitte des 15. Jahrhunderts, Illustration von Peter Palm

Diese bewegten Lebenswege gehen weniger auf den Buchdruck an sich zurück, sondern vielmehr auf die strukturellen Bedingungen. Es gab keine Buchpreisbindung, keine Autorenrechte, kein Copyright, keine übergeordnete Institution für Buchdrucker (also etwa eine Zunft), kein finanzielles „Sicherheitssystem“, keine geographischen oder sonstigen Beschränkungen für den Aufbau einer Druckerei oder den Druck einzelner Texte (die Vergabe von Privilegien sowie Zensurmaßnahmen entstanden in größerer Form erst im 16. Jahrhundert). Gleichzeitig kristallisierten sich die Konsequenzen des Buchdrucks für die Distribution – etwa in dem Sinne, dass sich Buchhandelsnetzwerke, Absatzmärkte und ein Vertriebssystem zu entwickeln begannen – erst allmählich heraus. Zuletzt ist zu nennen, dass das Drucken von Texten sehr viel Kapital erforderte: die Presse(n) und die Materialien (Lettern, Druckerballen, Papier etc.) mussten gekauft, Texte besorgt und Drucker bezahlt werden. Bis jedoch diese Investitionen wieder eingelöst wurden, konnte sehr viel Zeit vergehen – manchmal stellte sich allerdings heraus, dass sich die Texte nicht (gut) verkauften und nicht den erhofften Erlös einspielten. Aus diesem Grund kam es immer wieder zum Bankrott einzelner Druckereien. Viele Drucker zogen aber auch deshalb umher, weil sie sich von Auftrag zu Auftrag hangelten und dann jeweils zu ihrem neuen Auftraggeber zogen.

Vielen Dank für Ihre Zeit und Mühen.

Das Interview führte Dr. Peter Kritzinger aus dem Lek­torat des Bereichs Geschichte/ Politik/ Gesell­schaft.

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