Aus der Praxis: Sozialpädagogische Familienhilfe

Wie gelingt die sozial­pädago­gische Arbeit mit Familien? Wie können Fach­kräfte Eltern und Kindern auf Augen­höhe begegnen? Und: Welche Kompe­tenzen müssen Fach­kräfte dafür mit­bringen? Mit all diesen Fragen beschäf­tigt sich unser neues Lehrbuch „Sozial­pädago­gische Familien­hilfe“. Einen Eindruck davon vermit­teln die Autor*innen im Interview.
Umschlagabbildung des BuchesNeu!

Rätz/Biere/Reichmann u.a.
Sozialpädagogische Familienhilfe
Ein Lehr- und Praxisbuch

2021. 254 Seiten. Kart. € 34,–
ISBN 978-3-17-032735-1

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Was sind die Ziele der Sozialpädagogischen Familienhilfe?

Dr. Regina Rätz
Dr. Regina Rätz, Professorin für Soziale Arbeit mit Schwer­punkt Kinder- und Jugend­hilfe an der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH)

Die Sozial­pädago­gische Familien­hilfe ist eine Leistung der Kinder- und Jugend­hilfe. Sie richtet sich grund­sätzlich an alle Familien in Deutschland und unter­stützt bei Erziehungs­aufgaben, bei der Bewäl­tigung von Alltags­problemen, bei der Lösung von Kon­flikten und Krisen sowie im Kontakt mit Ämtern und Insti­tutionen. Sie setzt auf Lern- und Verände­rungs­prozesse, vor allem der Eltern. Es geht darum, das Familien­system zu stabili­sieren, die Handlungs­fähigkeit (wieder) herzu­stellen und den Zusammen­halt von Familien zu stärken – damit Kindern ihre Familien erhalten bleiben.

Sie verfolgen in Ihrem Buch zur Sozial­pädagogi­schen Familien­hilfe einen beteiligungs­orientierten dialogischen Ansatz. Wie können Familien­helfer*innen einem solchen Anspruch in der Praxis gerecht werden?

Axel Biere
Axel Biere, Diplom-Sozial­pädagoge, Lehr­beauf­tragter an der ASH

Dieser Arbeits­ansatz ist für den Erfolg einer Hilfe unab­dingbar. Es beginnt zunächst mit der Haltung der Fach­kräfte gegen­über sozialen Ungleich­heits- und Benach­teiligungs­struk­turen von Gesell­schaft, den Lebens­lagen und -verhält­nissen von Familien und nicht zuletzt zu sich selbst. Wichtig dabei ist die Sicht, dass alle Kinder, Jugend­liche und Eltern mit Rechten ausge­stattete Bürger*­innen und autonom handelnde Menschen sind. Es geht darum, in einen fachlich ver­sierten Kontakt mit ihnen zu treten, einen dialo­gischen Aus­tausch zu gestalten, in dem Neues gelernt und Wege aus Krisen und Sack­gassen gefunden werden können.

Was muss jeder und jede Familien­helfer*in mitbringen, um Familien gut unter­stützen zu können?

Dr. Ute Reichmann
Dr. Ute Reichmann, Erziehungs­wissen­schaft­lerin, Fachbereich Bildung, Sport und Kultur im Landkreis Göttingen

Neben der bereits erwähnten Haltung ist es wichtig, gemein­sam mit den Familien zu handeln und nicht einseitig für sie. Dafür muss in jeder Familie eine Struktur ge­schaf­fen werden, innerhalb derer sie sich beteiligen kann und die nach außen in die Gestaltung der sozialen Kontexte trägt. Es muss sich ombud­schaftlich für die Familien einge­setzt werden, gerade dann, wenn Fami­lien in insti­tutio­nellen Kontex­ten nicht ernst genommen oder sogar diskri­miniert werden. Familien ­lernen nicht durch gute Rat­schläge, sondern wenn sie Hand­lungs­fähigkeit (wieder) herstellen können.

Was möchten Sie Ihren Kolleg*innen, die mit Familien arbeiten, mit auf den Weg geben?

Dr. Hans Ullrich-Krause
Diplom-Sozial­pädagoge Dr. Hans Ullrich-Krause, langjähriger Leiter des Kinderhaus Berlin-Mark Brandenburg, Gastprofessor an der ASH

Familien­helfer*innen brauchen einen professionellen Blick und eine innere Bereit­schaft, um eine tragende Arbeits­beziehung einzugehen, um zuzuhören, nachzu­voll­ziehen, freund­lich und wert­schätzend zu sein, analytisch zu verstehen und Lösungen aus der Lebens­welt der Familie heraus zu entwickeln. Sie sollten neugierig bleiben, auch wenn sie schon sehr viel wissen. Sie sollten sich auf ihre sozial­päda­gogi­schen Aufgaben konzen­trieren und diese gegen­über Verwaltung, Politik und Medien artikulieren. Schließlich braucht es auch Lust und Freude an dieser Arbeit.

Sibylle Ramin
Sibylle Ramin, Erziehungs­wissen­schaft­lerin, Familienhelferin bei InterKÖrmet e.V. (Berlin), Lehrbeauftragte an der ASH