Kommunikation kann Leben retten

Rolf Dubb“Katharina SchmidGeorg Johannes Roth

Interview mit den Co-Herausgebern der Werke „Fallbuch Rettungsdienst“ und „Angehörigenbegleitung und Krisenintervention in der Notaufnahme“ Rolf Dubb, Dr. Katharina Schmid und Georg Johannes Roth

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2021. 151 Seiten, 7 Abb., 5 Tab. Kart. € 29,–
ISBN 978-3-17-039278-6

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Ca. 140 Seiten. Kart. Ca. € 24,–
ISBN 978-3-17-039282-3

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Frau Dr. Schmid, Herr Dubb, Sie beide sind jeweils im Rahmen der Herausgeberschaft an gleich zwei Werken beteiligt, die wir in diesem Herbst veröffentlichen werden. Was hat Sie dazu verleitet, die Themen „Fallbuch Rettungsdienst“ und „Angehörigenbegleitung und Krisenintervention in der Notaufnahme“ zusammen mit Ihren Kolleginnen und Kollegen im Rahmen von Fachbüchern anzugehen?

Rolf Dubb: Die Arbeit im Rettungsdienst und die Versorgung der Patienten in der Notaufnahme ist eng verzahnt. Behandlungen, die durch den Rettungsdienst begonnen werden, müssen im Kontext der stationären Aufnahme durch die Notaufnahme fortgeführt und möglicherweise mit den klinischen Möglichkeiten erweitert werden. Diese Werke sollen sektorenübergreifend die enge Zusammenarbeit von Klinik und Präklinik darstellen. Sich um die Angehörigen zu kümmern, ist sowohl präklinisch als auch klinisch notwendig.

Katharina Schmid: Durch meine Arbeit sowohl in der Präklinik als auch in der Klinik wird mir das Thema Kommunikation an Schnittstellen immer wichtiger – eine gute Kommunikation ist ein ganz wichtiges Element zur sicheren Versorgung von Patienten, eine gute Kommunikation ist jedoch auch sehr wichtig gegenüber den Angehörigen unserer Patienten. Aus meinem Alltag ist mir bewusst, dass eine gute Kommunikation an Schnittstellen insbesondere in Notfallsituationen sehr schwer ist. Mit diesen Büchern wollen wir versuchen, ein Problembewusstsein für das Thema Schnittstellenkommunikation zu schaffen und Lösungsstrategien für deren gutes Gelingen aufzeigen. Wir haben in beiden Büchern deshalb viele alltägliche Fallbeispiele dargestellt und von diesen ausgehend Fragenstellungen und Lösungen abgeleitet.

Herr Roth, Sie sind Mitherausgeber des Werkes „Angehörigenbegleitung und Krisenintervention in der Notaufnahme“, was wollen Sie vermitteln?

Georg Roth: Bei dem Werk war es uns wichtig, eine ganz praktische Hilfestellung und Tipps für Kolleginnen und Kollegen in der Notaufnahme mit auf den Weg zu geben – und das interprofessionell. Vom alltäglichen Fall bis hin zur Angehörigenanwesenheit bei Reanimation sind unterschiedliche Fallbeispiele mit dabei, um in möglichst allen Kommunikationssituationen professionell agieren zu können. Das Fallbuch eignet sich perfekt für die Weiterbildung Notfallpflege und bietet einen umfassenden Rahmen im theoretischen Erlernen der Kommunikations- und Krisenkompetenz in der Notaufnahme. Hierbei spielt das Verknüpfen mit bekannten und neuen Situationen bei Lesern eine bedeutsame Rolle. Ganz getreu dem Motto: Von Profis für Profis!

Angehörige des Rettungsdienstes stehen auf ihren Einsätzen vielfältigen Situationen gegenüber und wissen selten genau, was sie erwartet. Welche Kompetenzen kann man Mitarbeitern im Rettungsdienst dennoch über ein Fallbuch vermitteln?

Rolf Dubb: Über das Fallbuch Rettungsdienst können klinische Einschätzungen die rettungsdienstliche Beurteilung ergänzen und möglicherweise unterstützen. Die vielfältigen Erfahrungen, wie sich bestimmte Behandlungsalgorithmen im klinischen Verlauf entwickeln, tragen zu einer verbesserten qualitativen Versorgung der kritisch kranken Patienten bei.

Katharina Schmid: Wichtig ist mir, dass im Buch dargestellt wird, dass es an den vielfältigen Schnittstellen von der Präklinik in die Klinik (Leitstelle – Rettungsdiensteinsatz – Klinik) zu Kommunikationsproblemen und damit evtl. auch zu Problemen in Bezug auf die Patientensicherheit kommen kann. Im Rahmen der Arbeit an diesem Buch wurde mir selbst noch einmal bewusst, dass Leitstellendisponenten oft anders denken und denken müssen als die am Notfallort Arbeitenden und diese denken wiederum anders als das Team, das den Patienten in der Klinik weiter betreut. Dies alles ist gut so, jedoch müssen alle Personen diese Tatsache kennen und es sollten Kommunikationsregeln entwickelt werden, um hier eine sicher Patientenversorgung gewährleisten zu können.

Welchen Herausforderungen stehen Mitarbeiter der Notaufnahme entgegen, wenn es darum geht Angehörige zu betreuen und wie können Angehörige zu einer bestmöglichen Versorgung des Patienten beitragen?

Rolf Dubb: Mitarbeiter in Notaufnahmen müssen sehr rasch erkennen, welcher Patient mit einer hohen Behandlungspriorität versorgt werden muss. Fehlentscheidungen können hier Menschenleben kosten. Darüber hinaus sind sowohl die Patienten als auch die Angehörigen in einer absoluten Ausnahmesituation. Die Mitarbeiter der Notaufnahme müssen nun einerseits dem kritisch erkrankten Patienten schnellstmöglich die erforderliche Therapie zukommen lassen, aber andererseits auch die Angehörigen in dieser bedrohlichen Situation auffangen und beruhigen, ihnen quasi Sicherheit geben. Angehörige können dadurch am besten beitragen, indem sie sich eng mit den Pflegekräften und Ärzten der Notaufnahme abstimmen und deren Anweisungen umsetzen.

Katharina Schmid: In meiner täglichen Erfahrung kommt die Kommunikation zu den Angehörigen deutlich zu kurz, insbesondere in Notfallsituationen, wie diese in der Notaufnahme oft vorhanden sind. Das Thema Kommunikation mit Angehörigen kommt aus meiner Erfahrung auch schon in der Ausbildung zu kurz, in der täglichen Arbeit gibt es zu diesem Thema kaum Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Mit diesem Buch wollen wir ein Bewusstsein für die Wichtigkeit der Kommunikation zu Angehörigen schaffen und Ideen geben, wie diese gut gestaltet werden kann.

Georg Roth: Mitarbeitende in Notaufnahmen leisten tagtäglich Enormes und stehen im Spannungsfeld zwischen den Anforderungen und Erwartungen von Seiten der PatientInnen, der Angehörigen und den Rahmenbedingungen. Seit Bekanntwerden der Personal- und Belastungssituationen in Notaufnahmen ist auch das mediale Interesse an diesen Schlüssel-Abteilungen von Kliniken gestiegen. Auch die fortschreitende Professionalisierung in Notaufnahmen bringt eine zunehmende Qualifizierungs- und Kompetenzdiskussion mit sich. So soll die Notaufnahme die Visitenkarte einer Klinik bleiben und Mitarbeitende sich fortlaufend weiterbilden. Aus der Perspektive der innerklinischen und präklinischen Krisenintervention betrachtet, leistet das Werk „Angehörigenbegleitung und Krisenintervention in der Notaufnahme“ einen wichtigen Beitrag zur Kompetenzerweiterung in puncto professionelle Kommunikation, auch in herausfordernden Situationen. Die Kriseninterventionsarbeit orientiert sich nahe am Ereignis und leistet psychische Erste Hilfe im Akutfall. In schwierigen Momenten fehlen oft die richtigen Worte und die Rahmenbedingungen, personell und räumlich, behindern eine adäquate Begleitung der Angehörigen. Orientiert an diesen Herausforderungen werden im Fallbuch realistische Tipps und Empfehlungen aus der Praxis für die Praxis gegeben und wertvolle Hilfestellungen aufgezeigt.

Das Thema Angehörigenbetreuung hat sich mit der Coronapandemie doch gewandelt? Sind die Angehörigen denn für die Mitarbeiter in Notaufnahmen überhaupt noch sichtbar?

Rolf Dubb: Angehörige oder besser Bezugspersonen sind auch in Zeiten von COVID-19 immer präsent. Entweder persönlich vor Ort oder telefonisch. Bezugspersonen werden sich immer um das Wohlergehen ihrer „Liebsten“ kümmern und um deren bestmögliche Versorgung Sorge tragen, und das ist auch gut so.

Katharina Schmid: Es stimmt die Angehörigen sind in der Coronapandemie in der Klink fast nicht mehr sichtbar, welche Folgen dies für die Patienten und für die Angehörigen haben kann wird die Zukunft noch zeigen. Klar ist jedoch schon, es war und ist falsch Angehörige aus dem Auge zu verlieren und sich nicht um sie zu kümmern, dies schadet den Angehörigen, schlussendlich aber auch den Patienten. Auch und besonders hier erscheint es mir notwendig, ein Bewusstsein zu schaffen, wie wichtig es ist, sich gut und professionell um die Angehörigen zu kümmern.

Georg Roth: In der Tat haben sich in Corona-Zeiten die Arbeit und Kommunikation mit Angehörigen verändert. In weiten Teilen ist diese aufgrund der Kontakt- und Distanzregeln auf ein Minimum beschränkt bzw. zum Teil auch ganz eingestellt worden. Die Auswirkungen sind derzeit noch nicht absehbar und es fehlen schlichtweg Daten zu vielen derzeitig stattfindenden Kommunikations- und Begleitungsprozessen. Sicher ist, dass es eine Zeit nach Corona geben wird und die Aus-, Fort- und Weiterbildungen im Bereich der Notaufnahmen laufen weiter – analog und digital. Was jedoch unberührt davon ist, ist der Wunsch nach sinnstiftender Kommunikation und Begleitung von Angehörigen – schon vor, während und nach der Coronapandemie. Gerade in diesen schwierigen Umständen, in denen sich das Gesundheitswesen während der Coronapandemie befindet, ist klar geworden, dass der Bedarf an Angeboten im Bereich Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen für Mitarbeitende in Notaufnahmen gestiegen ist. Wichtig sind hierbei niederschwellige Angebote zu nennen, die einen wichtigen Beitrag zur Resilienzsteigerung leisten. Auch das Werk „Angehörigenbegleitung und Krisenintervention in der Notaufnahme“ hat sich diesem wichtigen Thema angenommen und greift diese Aspekte mit auf.

Haben sich die Herausforderungen in Notaufnahmen durch die Coronapandemie noch einmal intensiviert, sind vielleicht sogar neue Abläufe entstanden?

Rolf Dubb: Die Sicherheit steht an erster Stelle. Dies betrifft die Sicherheit vor einer Ansteckung durch konsequente Umsetzung eines immer aktuell angepassten Hygienekonzeptes, aber auch die Sicherheit, dass der Patient in jeder Situation, zu jeder Zeit, die bestmögliche Versorgen angeboten bekommt.

Katharina Schmid: Ja es sind neue Abläufe entstanden – Im Rettungsdienst musste eine Corona-Abfrage etabliert werden, beginnend bei der Leitstelle – die erhobenen Informationen müssen ohne Informationsverluste an das Team der am Notfallort Arbeitenden und dann an das Team der Klinikmitarbeiter weitergegeben werden. Angehörige müssen informiert und letztendlich auch betreut werden, denn Angehörige sind von der Corona-Infektion auch betroffen. Sie müssen sich zumindest mit der Frage beschäftigen, ob auch sie infiziert sind und welche Konsequenz dies für sie hat. Durch viele einzuhaltenden Schutzmaßnahmen wie Schutzmasken und Abstandsgebote wird die Kommunikation an sämtlichen Schnittstellen noch schwieriger. Schwerhörige Patienten zum Beispiel und deren Angehörigen haben oft Probleme der Kommunikation überhaupt folgen zu können – in der Präklinik und in der Klinik ist der Stresslevel so hoch, dass vielleicht einfach nicht mehr ein so großer Fokus auf gute Übergaben gelegt wird und dadurch kann es zu Informationsverlusten an Schnittstellen kommen.

Georg Roth: Ergänzend lässt sich sagen, dass Mitarbeitende in Notaufnahmen und Rettungsdienst oft über sich hinausgewachsen sind und ganz individuelle und vertretbare Kommunikations- und Begleitungsangebote gemacht haben. Die Entscheidung zu fällen, Angehörige nicht in die Klinik zu lassen und vielleicht in schwierigen Momenten nicht dabei sein zu können, wenig Zeit zu haben für ein Angehörigengespräch, in Pandemie-Zeiten – noch weniger als vorher eh schon – passende räumliche Gegebenheiten anzubieten – all das ist kräfteraubend, zehrend, nicht befriedigend und widerspricht dem beruflichen Ethos einer professionellen und würdigen Patientenversorgung. Diese Situationen haben auch gezeigt, was Mitarbeitende gerade in Notaufnahmen im Stande sind zu leisten und das immer mit der Prämisse: Wie auch immer, wir wollen Patientinnen, Patienten und Angehörige professionell versorgen – medizinisch, pflegerisch, kommunikativ und psychosozial.

Haben Sie vielen Dank!

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