Lehrbuch Klinische Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie

 

Prof. Dr. Julia Asbrand leitet die Spezialambulanz für Kinder, Jugendliche und Familien an der Humboldt-Universität zu Berlin. Prof. Dr. Julian Schmitz ist Leiter der Psycho­therapeutischen Hochschul­ambulanz für Kinder und Jugend­liche an der Universität Leipzig.
Im Interview erklären sie, warum es in den letzten Jahren zu einem starken Anstieg von Kindern und Jugend­lichen in psycho­therapeutischer Behandlung kam, wieso eine früh­zeitige Therapie so wichtig ist und wie sich das neue Psycho­therapeutengesetz auf den Kinder- und Jugend­bereich auswirkt.

Portrait von Prof. Julia Asbrand
Prof. Julia Asbrand

Die Zahl von Kindern und Jugendlichen in psychotherapeutischer Behandlung hat sich in den vergangenen elf Jahren mehr als verdoppelt. Wie ist das zu erklären?

Die Gründe für diesen starken Anstieg sind vielfältig. Einerseits werden psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen heute früher erkannt und somit auch behandelt. Auf der anderen Seite haben Belastungen für Kinder und Familien in den letzten Jahren stark zugenommen, zum Beispiel durch die COVID-19 Pandemie, Kriege und die Klimakrise. Empirische Daten zeigen klar, dass diese Themen für Kinder, Jugendliche und ihre Familien eine große Rolle spielen und sich Familien Sorgen machen und belastet sind. Insbesondere in sozial benachteiligten Gruppen steigen psychische Erkrankungen stark an.

Warum ist es so wichtig, dass Kinder und Jugendliche frühzeitig angemessene psychosoziale Unterstützung erhalten und wird die therapeutische Versorgungssituation in Deutschland dem aktuellen Bedarf gerecht?

Kindheit und Jugend sind vulnerable Entwicklungsphasen, in denen Kinder sich schon ganz regulär ständig anpassen müssen. Psychische Belastungen fallen hier auf fruchtbaren Boden und können zu einer nachhaltigen Störungen von sozioemotionalen und Bildungsbiografien führen. Studien zeigen, dass 2/3 aller psychischen Erkrankungen vor dem 24. Lebensjahr beginnen, etwa die Hälfte in Kindheit und Jugend. Dies zeigt, wie wichtig Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter für lebenslange gute psychische Gesundheit ist. Jedoch wird der Bedarf bei uns nicht ausreichend gedeckt. Bereits seit vielen Jahren bestehen sehr lange Wartezeiten für psychisch kranke Kinder und Jugendliche in Deutschland. In ländlichen Regionen liegen Wartezeiten meistens bei über einem Jahr oder länger. Die Folgen sind mehr chronifizierte und schwere psychische Erkrankungen, die sich schwieriger behandeln lassen, sowie neben erheblichem persönlichen Leiden auch massive wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen. Eine Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung besonders für Kinder und Jugendliche ist damit eine sehr wichtige Aufgabe.

Portrait von Prof. Julian Schmitz
Prof. Julian Schmitz

Im Herbst 2020 ist ein neues Psychotherapeutengesetz in Kraft getreten. Welche Änderungen in der Aus- und Weiterbildung von PsychologInnen und PsychotherapeutInnen im Kinder- und Jugendbereich hat dies zur Folge?

Die Reform des Psychotherapeutengesetzes und damit verbunden die Reform auch des Psychologiestudiums war ein wichtiger Schritt, um den Bereich der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen weiter zu stärken. So ist über die Approbationsordnung z. B. festgelegt, dass Kenntnisse über Erscheinungsbild, Diagnostik, Psychotherapie, multiprofessionelle Zusammenarbeit und berufsrechtliche Fragen auf dem Feld der Klinischen Kinder- und Jugendpsychologie zwingend erworben werden müssen. Als Folge der Reform findet an vielen universitären Standorten erfreulicherweise nun ein erheblicher Ausbau der Lehre und klinischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen statt oder dieser Schwerpunkt wird gänzlich neu etabliert.

Julia Asbrand/Julian Schmitz (Hrsg.)
Lehrbuch Klinische Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie

2023. 628 Seiten mit 38 Abb. und 52 Tab. Kart.
€ 69,–
ISBN 978-3-17-040354-3
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