Ein Einblick in die Gedankenwelt erwachsener AutistInnen und Autisten
Ein Interview mit den Autorinnen von „Sichtbar werden – Erwachsene im Autismus-Spektrum“
Mit ihrem Buch rücken Ulla Graumann und Stephanie Meer-Walter erwachsene Menschen im Autismus-Spektrum ins Licht. Aus der Perspektive einer Psychotherapeutin und einer Autistin sprechen sie im Interview über Sichtbarkeit, Perspektivwechsel und ein besseres Verständnis.

Ulla Graumann/Stephanie Meer-Walter
Sichtbar werden - Erwachsene im Autismus-Spektrum
Innen- und Außenperspektiven zu Alltag, Familie, Beruf und Therapie
2026. 300 Seiten Kart.
€ 36,–
ISBN 978-3-17-047333-1
Liebe Frau Graumann, liebe Frau Meer-Walter, was bedeutet „Sichtbarkeit“ für Erwachsene im Autismus-Spektrum?

S. Meer-Walter: Sichtbarkeit insofern, dass die erwachsenen autistischen Menschen tatsächlich überhaupt erst einmal wahrgenommen werden. Es gibt sehr viel Literatur zu Autismus, die sich vor allem auf Kinder und Jugendliche sowie junge Menschen im Übergang in das Erwachsenensein konzentriert, aber kaum auf die mittlere Generation, die ein wenig im Schatten steht. Sie wird als die „verlorene Generation“ bezeichnet.
U. Graumann: Die meisten kommen zur Diagnostik, weil ihre Kinder diagnostiziert worden sind und auf einmal taucht bei ihnen selbst der Verdacht auf. Es kommt ihnen alles so bekannt vor. Sie überlegen lange, setzen sich damit auseinander, dass sie selbst autistisch sein könnten und suchen schließlich eine Diagnostik-Stelle, was sehr schwierig ist für autistische Erwachsene. Erwachsene haben viel mehr Zweifel. Sie sagen sich, dass sie doch bislang noch ganz gut durchs Leben gekommen sind, dass sie gar nicht in die Vorstellungen von Autismus passen. Wir möchten diese Zweifel und diese Auseinandersetzungen sichtbar machen und zeigen, wie vielfältig Autismus ist und dass der vermutete Anteil autistischer Menschen (bis zu 3 %) natürlich für alle Generationen gilt. Je älter die Menschen sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie schon einmal Berührungspunkte mit Autismus hatten.
Sichtbar zu werden ermöglicht den spät diagnostizierten AutistInnen, vielleicht erstmals in ihrem Leben eine Zugehörigkeit zu erleben, die sehr entlastend sein kann. In der Therapie sage ich ganz häufig: „Sie sagen zwar, das wäre ein komisches Verhalten, aber ich sage Ihnen, dass es ein völlig normales, autistisches Verhalten ist.“ Darauf folgt zunächst einmal Erstaunen und dann aber auch ganz viel Erleichterung. In der autistischen Gemeinschaft heißt es dann, dass ich meinen Stamm gefunden haben.
S. Meer-Walter: Also: Der Scheinwerfer wird bislang kaum auf die erwachsenen autistischen Menschen gerichtet. Wir richten ihn auf sie und lassen sie sichtbar werden.
Viele Darstellungen von Autismus konzentrieren sich auf die Kindheit. Inwiefern muss man bei Erwachsenen anders an dieses Thema herantreten – muss man das überhaupt?
S. Meer-Walter: Man muss schon allein deshalb anders an das Thema gehen, weil die Lebenssituationen und damit die Themen ganz andere sind.
U. Graumann: Erwachsene AutistInnen haben oft selbst ganz viele Zweifel, Zweifel, die ihnen eingeredet worden sind. So viele Vorwürfe, die sie in ihrem Leben bekommen haben, haben sie fest internalisiert. Sich anzustellen, ist bei den meisten die Überschrift ihres Lebens.
S. Meer-Walter: Wenn die Diagnose erst im Erwachsenenalter gestellt wird, haben die AutistInnen bereits fast ihr halbes Leben mit all den Schwierigkeiten und dem diffusen Gefühl, anders zu sein und ihr Leben nicht richtig hinzubekommen, gelebt. Das lange Suchen nach einer Antwort findet endlich einen Anhaltspunkt. Sie können nun ihr Leben rückblickend neu betrachten und einordnen. Die Traumatisierungen und Verletzungen, die sie erlitten haben, aber auch die Strategien und Stärken, die sie genutzt haben, können verstanden werden.
U. Graumann: Viele unterteilen ihr Leben in ein Leben vor und ein Leben nach der Diagnose. Für einige ist die Diagnose wie ein zweiter Geburtstag.

Ihr Buch verbindet die Innen- und Außenperspektive auf die Autismus-Spektrum-Störung. Wie kann diese besondere Art der Betrachtung helfen?
U. Graumann: Unsere je neurotypische und autistische Innen- und Außenperspektive miteinander zu verbinden, ist für uns der entscheidende Teil unseres Buches. Wir schreiben weder ausschließlich aus der neurotypischen Perspektive über autistische Menschen noch ausschließlich aus der autistischen Innenperspektive, sondern verzahnen sie miteinander und können dann gut sehen, welche Wirkungen das auf die jeweils andere Seite hat.
S. Meer-Walter: Erst dadurch wird es möglich, die Lebensrealität autistischer Menschen wirklich zu verstehen. Das „Knirschen“, wenn die autistische und neurotypische Welt aufeinandertreffen, kann eingeordnet werden. Gerade auch die autistische Außensicht auf die neurotypische Welt und der Abgleich mit der neurotypischen Innensicht lässt vieles verständlicher werden.
U. Graumann: Unsere Zusammenarbeit hatte auf beiden Seiten etwas Versöhnendes, hat ein gemeinsames und gegenseitiges Verständnis wachsen lassen.
Was sollen LeserInnen nach der Lektüre anders sehen oder anders tun – sei es im persönlichen Umgang, im familiären Zusammenleben, am Arbeitsplatz oder in der therapeutischen Begleitung?
U. Graumann: Erstens hoffen wir, dass der Blick autistischer Erwachsener auf sich selbst anders wird, freundlicher, gnädiger, differenzierter und erlaubender: „So bin ich also!“ Was bedeutet das nun für mich und was muss ich für mich und in meinem Leben ändern, damit es zu mir passt? Ja, und dann eben danach handeln und mir das Biotop schaffen, wo ich genauso, wie ich bin, hineinpasse, wo meine Stärken geschätzt werden. Dass mein Lebensalltag nicht mehr durch die große Erschöpfung bestimmt wird.
S. Meer-Walter: Auf Seiten der neurotypischen LeserInnen – PartnerInnen, Familienangehörige, FreundInnen, TherapeutInnen, KollegInnen usw. – erhoffen wir uns, dass sie mehr Verständnis für autistisches Verhalten entwickeln und viele Dinge anders einordnen können.
Wir wünschen uns, dass neurotypische und autistische Menschen sich gegenseitig besser verstehen, so dass sie sich beide gesehen fühlen und gemeinsam schauen können, wie ihre jeweiligen Bedürfnisse berücksichtigt werden können, wodurch das Miteinander einfach harmonischer und weniger konfliktbehaftet wird.
U. Graumann: Im Grunde erhoffen wir uns, dass die LeserInnen das erfahren, was wir im Rahmen der gemeinsamen Arbeit erlebt haben. Dass sie sich ermutigt fühlen, jeweils von sich und ihrem inneren Erleben zu erzählen, um Verständnis zu ermöglichen und anders mit Situationen umgehen zu können.
Vielen Dank für das Gespräch mit Ihnen beiden.
Dipl.-Psych. Ulla Graumann, Psychologische Psychotherapeutin, ist Inhaberin des Psychologischen Beratungszentrums Iserlohn inkl. Autismus-Ambulanz, Ausbilderin und Referentin.
Stephanie Meer-Walter, ehem. Lehrerin, Schulleiterin und Fachberaterin, ist nach ihrer Asperger-Diagnose mit 47 Jahren als Autorin und Referentin zum Thema Autismus tätig.