„Ein erster wirksamer krankheitsmodifizierender Baustein“
Interview mit den Herausgebern von „Neue Therapien der Alzheimer-Krankheit“
Mit den Anti-Amyloid-Therapien beginnt eine neue Ära in der Behandlung der Alzheimer-Krankheit – verbunden mit großen Hoffnungen, aber auch vielen offenen Fragen. Im folgenden Interview erläutern die Herausgeber, wie sie diese Entwicklungen einschätzen und welche Orientierung ihr Band bietet.

Pantel/Teipel/Frölich (Hrsg.)
Neue Therapien der Alzheimer-Krankheit
Grundlagen und klinische Aspekte innovativer krankheitsmodifizierender Arzneimittel
2026. 246 Seiten mit 19 Abb. und 17 Tab. Kart.
€ 49,–
ISBN 978-3-17-045399-9
Die Entwicklung der Anti-Amyloid-Therapien gegen die Alzheimer-Krankheit mit neuen Wirkstoffen wie Lecanemab und Donanemab wurde nicht nur in der Fachwelt aufmerksam beobachtet. Wie ordnen Sie diese Entwicklung ein?

Wir sehen darin eine neue Ära der Behandlung, allerdings nicht im Sinne einer Heilung der Erkrankung. Nach rund drei Jahrzehnten, in denen medikamentöse Therapien im Wesentlichen nur Symptome über eine begrenzte Zeit beeinflussen konnten, ist es erstmals gelungen, gezielt in den zentralen Krankheitsprozess einzugreifen und das klinische Fortschreiten bei ausgewählten Patienten im frühen Stadium messbar zu verlangsamen. Lecanemab und Donanemab belegen damit, dass eine deutliche Reduktion von Amyloid mit einem klinischen Nutzen verbunden sein kann. Erste Langzeitdaten lassen hoffen, dass der klinische Nutzen mit Dauer der Behandlung zunimmt. Nach einigen Jahren Anwendungserfahrung wird sich dies mit größerer Sicherheit beurteilen lassen. Die krankheitsmodifizierenden Therapieansätze würden damit eine völlig neue Tür für Alzheimer-Patienten eröffnen: weg von einem unabwendbaren Schicksal und hin zu einem behandelbar chronischen Zustand, mit dem Betroffene leben können.
Gleichzeitig müssen die Erwartungen realistisch bleiben. Mit den jetzigen Möglichkeiten schreitet die Symptomatik – wenn auch deutlich abgebremst – trotz Behandlung weiter fort, und die Therapie kommt nur für eine sorgfältig ausgewählte Gruppe von Patienten infrage. Um diese Betroffenen zu identifizieren und die Risiken der Behandlung zu minimieren, bedarf es eines erheblichen diagnostischen und organisatorischen Aufwands sowie einer wirklichen Früherkennung. Mit der Behandlung sind relevante Risiken verbunden, insbesondere die s. g. Amyloid-assoziierten Bildgebungsauffälligkeiten, kurz ARIA. In der Summe führt uns das zu einem vorsichtigen, wissenschaftlich begründeten Optimismus: Wir haben einen ersten wirksamen krankheitsmodifizierenden Baustein, dessen Nutzen sich möglicherweise langfristig verstärkt und auf dem noch weitere und wirksamere Therapien aufbauen können.
Der Band bietet mit einem Buchteil über die praktische Anwendung der Anti-Amyloid-Therapien Praktikern eine wertvolle Hilfe in der klinischen Arbeit. Was war Ihnen bei der Zusammenstellung der Kapitel wichtig?
Uns war vor allem wichtig, die neuen Therapien aus der Perspektive des klinischen Alltags darzustellen. Zwischen einer positiven Zulassungsentscheidung und einer sicheren Anwendung der Behandlung liegt eine komplexe Versorgungskette: Die Diagnose muss klinisch und Biomarker-basiert gestellt werden, die Therapie zielt auf das frühe Krankheitsstadium, Kontraindikationen müssen ausgeschlossen und das individuelle Nutzen-Risiko-Profil bei der Therapieentscheidung muss gemeinsam mit den Betroffenen und ihren Angehörigen abgewogen werden. Dazu gehören unter anderem MRT-Diagnostik, Amyloid-Nachweis, ApoE-Genotypisierung, die Prüfung von Begleiterkrankungen und Medikation sowie eine verständliche Aufklärung über den individuellen Nutzen und Nebenwirkungsrisiken.
Ebenso wichtig war uns, die Durchführung nicht isoliert als Infusionstherapie zu betrachten. Erforderlich sind standardisierte Abläufe für Monitoring, wiederholte MRT-Kontrollen, das Erkennen und Management von ARIA und Infusionsreaktionen sowie verlässliche Notfallwege. Deshalb haben wir Beiträge zu Blut- und Liquor-Biomarkern, Amyloid-PET, Bildgebung, Genetik und praktischer Therapieorganisation eng miteinander verzahnt. Aber auch die Möglichkeiten der praktischen Anwendung und Abrechnung im ambulanten fachärztlichen Setting werden beleuchtet. Der Band soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern eine Orientierung dafür geben, wie interdisziplinäre Teams die Behandlung qualitätsgesichert, transparent und patientenzentriert umsetzen können.

Die Spannungsfelder zwischen individuellem Nutzen, Risiken, Kosten und vorhandenen Strukturen beherrschen die öffentliche Wahrnehmung zum Großteil. Sie werden auch im Band mehrfach diskutiert und eingeordnet. Wie sehen hier die verschiedenen, auch gegensätzlichen Perspektiven der Fachwelt aus?
Die Kontroverse entsteht zum Teil daraus, dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis unterschiedlich bewertet wird. Viele klinische Experten betonen, dass eine statistisch signifikante Verzögerung des Fortschreitens für Betroffene bedeutsam sein kann, auch wenn – wie bei jeder medizinischen Behandlung – manche Patienten besser und andere weniger gut ansprechen: Gewonnene Zeit mit erhaltener Selbstständigkeit, Kommunikationsfähigkeit und Teilhabe kann einen hohen persönlichen Wert haben. Insbesondere Versorgungsmediziner, aber auch klinische Fachvertreter, weisen darauf hin, dass der durchschnittliche Effekt begrenzt ist und Risiken sowie Belastungen und Aufwand der Behandlung erheblich sein können. Grundsätzlich gibt es immer noch eine große Unkenntnis bei vielen Ärzten und in der Öffentlichkeit darüber, dass die Alzheimer-Krankheit schon viele Jahre im Gehirn abläuft, bevor sich erste, sehr diskrete Symptome entwickeln. Die bislang angewendeten diagnostischen Systeme konnten diese langzeitige Dimension der Erkrankung nicht richtig erfassen, das geht erst mit der Biomarker-Diagnostik, die noch nicht in der praktischen Breite der Medizin angekommen ist. Die neuen Erkenntnisse sind noch nicht vollständig von der Versorgungsmedizin aufgenommen worden. Die aktuellen medizinischen Leitlinien formulieren aber klar und eindeutig die notwendigen Schritte zu einer frühen Biomarker-basierten Diagnostik. Dabei ist es wichtig, die möglichen psychischen und sozialen Belastungen von Frühdiagnostik und genetischer Testung oft gegenüber dem Nutzen der Behandlung abzuwägen. Eine informierte Entscheidung setzt daher eine transparente Darstellung von Nutzen, Unsicherheiten, Alternativen und unter Beachtung des Rechts auf Nichtwissen voraus.
Auf gesundheitssystemischer Ebene verschärft sich das Spannungsfeld. Diagnostik, Arzneimittel, Infusionen und Monitoring verursachen hohe Kosten und beanspruchen die knappen Kapazitäten in Gedächtnisambulanzen, Radiologie und spezialisierten Praxen. Modellrechnungen bewerten die Therapien unter heutigen Bedingungen häufig nicht als kosteneffektiv, während Betroffene und viele Kliniker den individuellen Zeitgewinn anders gewichten. Diese Differenz zeigt sich aktuell besonders deutlich in Deutschland: Der G-BA sah z. B. im Februar 2026 für Lecanemab und im April 2026 für Donanemab keinen Zusatznutzen, obwohl führende Fachgesellschaften, darunter die DGPPN, die DGN und die geriatrischen Fachgesellschaften die dieser Einschätzung zugrunde liegende Bewertung methodisch und klinisch kritisierten und einen relevanten Zusatznutzen feststellten. Die Debatte ist deshalb nicht einfach ein Gegensatz von Wissenschaft und Ökonomie. Sie ist eine legitime, aber schwierige Auseinandersetzung darüber, welche Endpunkte als klinisch bedeutsam gelten, wie begrenzte Ressourcen verteilt werden und wie ein gerechter Zugang organisiert werden kann.
Im letzten Teil des Bandes geht es um einen Blick in die Zukunft der krankheitsmodifizierenden Alzheimer-Therapien. Welche Entwicklungen sehen Sie persönlich mittel- und langfristig? Was könnten die nächsten Meilensteine sein?
Mittelfristig erwarten wir zunächst eine Weiterentwicklung der Anti-Amyloid-Therapien selbst; z. B. gibt es in den USA inzwischen bereits eine Anwendung über subkutane Injektionen, welche die Infusionen überflüssig macht. Das macht die Anwendung viel einfacher. Neue Antikörpergenerationen könnten schneller wirken, besser verträglich sein und patientenfreundlicher appliziert werden. Hierfür zeigen sich erste Belege bei Technologien, die den Transport über die Blut-Hirn-Schranke verbessern. Andere Therapieansätze zielen auf die Nicht-Amyloid-Anteile der Pathophysiologie, so dass Kombinationstherapien am Horizont erscheinen. Parallel werden aus dem Blut bestimmbare Biomarker die Diagnostik und Verlaufskontrolle vereinfachen und dazu beitragen, geeignete Patienten früher und mit weniger Aufwand zu identifizieren.
Langfristig wird die Behandlung der Alzheimer-Krankheit eine Kombinationstherapie benötigen. Amyloid ist vermutlich ein notwendiger früher Treiber, aber Tau-Pathologie, Neuroinflammation, vaskuläre Veränderungen und weitere Co-Pathologien beeinflussen den klinischen Verlauf wesentlich. Zukünftige Therapien könnten daher Anti-Amyloid-Wirkstoffe mit Tau-, Entzündungs- oder anderen zielgerichteten Ansätzen verbinden. Der nächste, entscheidende Meilenstein wäre der Nachweis, dass eine Behandlung noch vor objektivierbaren Symptomen den Krankheitsbeginn verzögern oder verhindern kann. Präventionsstudien mit Lecanemab und Donanemab prüfen genau diese Möglichkeit. Der langfristige Horizont ist eine Biomarker-geleitete, individualisierte Präzisionstherapie zum frühestmöglichen Zeitpunkt, die für viele Patienten den Übergang von tolerierbaren Symptomen zur manifesten Demenz verhindern würde.
Zum Abschluss die Frage: Wie, hoffen Sie, werden Behandelnde, Einrichtungen und Entscheidungstragende mit den Chancen und Grenzen dieser neuen Ära der Therapie der Alzheimer-Krankheit umgehen?

Wir hoffen auf einen positiven Umgang mit dieser Innovation, unter Beachtung der Grenzen der Evidenz. Behandelnde sollten weder aus überzogener Hoffnung ungeeignete Patienten therapieren noch aus grundsätzlicher Skepsis den richtigen Kandidaten diese sinnvolle Option vorenthalten. Entscheidend sind ein gutes Verständnis des Erkenntnisfortschritts, eine sorgfältige Indikationsstellung, eine gemeinsame Entscheidungsfindung, eine realistische Kommunikation und ein konsequentes Sicherheitsmonitoring. Die Präferenzen der Betroffenen müssen dabei ebenso ernst genommen werden wie medizinische Risiken; ein statistisch durchschnittlicher Effekt kann individuell sehr unterschiedlich bewertet werden.
Einrichtungen sollten die Therapie nicht als isolierte Einzelleistung, sondern als koordinierten Versorgungspfad organisieren. Dafür braucht es regionale Netzwerke, klare Zuständigkeiten, qualifizierte Teams, ausreichende MRT- und Infusionskapazitäten, Register sowie eine systematische Erfassung von Wirksamkeit und Sicherheit im Versorgungsalltag. Entscheidungstragende wiederum sollten Erstattung, Qualitätssicherung und Kapazitätsaufbau gemeinsam denken. Zugangsbarrieren dürfen nicht dazu führen, dass eine zugelassene Therapie faktisch nur wenigen Selbstzahlenden offensteht. Zugleich muss verhindert werden, dass Ressourcen ungezielt gebunden werden. Unser Wunsch ist deshalb ein lernendes Versorgungssystem: kontrolliert einführen, Daten transparent auswerten, Standards fortlaufend anpassen und die Perspektiven von Betroffenen und Angehörigen konsequent einbeziehen. So können neue Chancen sinnvoll und korrekt genutzt werden.
Vielen Dank für das Gespräch mit Ihnen.
Prof. Dr. med. Johannes Pantel ist Professor für Altersmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt und Leiter des gleichnamigen Arbeitsbereichs.
Prof. Dr. med. Stefan Teipel ist Arbeitsgruppenleiter am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, Rostock/Greifswald, und leitet die klinische Demenzforschung an der Universitätsmedizin Rostock.
Prof. Dr. med. Lutz Frölich ist Professor für Gerontopsychiatrie an der Universität Heidelberg und leitete die gleichnamige Abteilung am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.