„Körpertherapie für Kinder im Autismus-Spektrum“
Ein Interview mit Mira König

Mira König
Körpertherapie für Kinder im Autismus-Spektrum
Entspannung und Resilienz fördern - Ein Praxisbuch für Eltern und Therapeuten
2026. 136 Seiten. Kart.
€ 25,–
ISBN 978-3-17-046078-2
Liebe Frau König, mit „Körpertherapie für Kinder im Autismus-Spektrum“ ist nun Ihr erstes Buch erschienen. Was hat Sie zum Schreiben bewegt?

In den letzten Jahren ist mein Interesse am und die Auseinandersetzung mit dem Autismus-Spektrum stetig gewachsen. Ich habe mich immer wieder gefragt, was es „körpertherapeutisch“ gibt, wie man den Menschen im Spektrum Hilfe bezüglich ihrer Themen mit ihrer Umwelt bieten kann. In Gesprächen mit Kollegen und auch Therapeuten anderer Berufsgruppen wurde mir stets Interesse für mein Anliegen entgegengebracht, jedoch mangelnde Erfahrung oder Wissen bekundet. Da es aus psychosozialer Sicht einiges gibt, was man unterstützend anwenden oder trainieren kann, wollte ich einen körperlichen Gegenpart bieten, um in Momenten, wo vielleicht das ganze „Verhaltenstherapeutische“ zu viel wird, Möglichkeiten zu bieten, gezielt mit schlichten Übungen auf der Körperebene anzusetzen.
Die Kinder sind mir besonders wichtig, da sie noch sehr vulnerabel in ihrer Entwicklung sind und mir hier frühe Unterstützung und vor allem auch Aufklärung vom Umfeld sehr am Herzen liegen. Selbstverständlich können die Übungen von allen Altersgruppen, oder eben gerne in Interaktion, angewandt werden.
Der Untertitel Ihres Buches lautet: „Entspannung und Resilienz fördern – Ein Praxisbuch für Eltern und Therapeuten“. Inwiefern profitieren insbesondere Eltern von den Inhalten in Ihrem Buch?
Zum einen können Eltern Muster ihrer Kinder wiederfinden und vielleicht auch eine passende Erklärung oder bestenfalls Lösung der Symptomatik/des Verhaltens auf körperlicher Ebene finden. Und das Wiedererkennen und Nicht-alleine-Sein mit einer Thematik kann schon unwahrscheinlich entspannen und bestärken.
Und zum anderen können Eltern, die schon bewusst im Spektrum mit ihren Kindern angekommen sind, bestärkende Übungen erhalten. Vor allem auch für sich selbst Zuspruch, Wertschätzung und Anerkennung finden, für das, was ist und was sie alles leisten. Ebenso wie die eine oder andere Entspannungsübung, die sich hoffentlich dennoch in den meist straffen Alltag integrieren lässt.
In dem Rückentext Ihres Buches steht Folgendes: „Kinder im Autismus-Spektrum zeigen häufig motorische und sensorische Besonderheiten, die ihre Selbstständigkeit und soziale Interaktion beeinträchtigen können.“ Um welche Besonderheiten geht es hier? Welche Fähigkeiten können konkret verbessert werden?
Im Hintergrund geht es wesentlich um das Verständnis der möglichen andersartigen Abläufe im Körper eines Menschen im Autismus-Spektrum. Und wenn ich meinen Blickwinkel als Außenstehender verändern und den Bedürfnissen anpassen kann, ist dem Kind/Menschen schon viel geholfen.
Nehmen wir als Beispiel einen Start in den Tag. Je nach Art des Weckens kann der Wecker zu laut oder schrill, das Tages- oder Lampenlicht zu hell sein und ein Aufstehen erschweren. Vermutlich kann das Kind dies anfangs nicht genügend zum Ausdruck bringen und reagiert mit sogenanntem „Verweigern“. Bin ich mir dieser sensorischen Einflüsse bewusst, kann ich in den Austausch darüber gehen und sie entsprechend den Bedürfnissen und Erfordernissen anpassen. Wissen wir besser Bescheid über die sensorischen Besonderheiten, kann verständlich werden, weswegen Zähneputzen, Haare kämmen und Kleidung anziehen manchmal kaum zu ertragen sein kann. Ebenso wie duschen und eincremen.
Werde ich mir dessen bewusst, kann ich einiges im Ablauf verändern, anpassen, aber auch gezielt trainieren. Das ist mir ein ganz wichtiger Punkt. Es geht mit der Erkenntnis nicht um Vermeidung, sondern um Aufklärung und ein bewusstes Auseinandersetzen mit der Thematik. Dann kann ich zum Beispiel das Berührt-Werden mit gezielten festen, angekündigten Griffen trainieren oder den Wasserstrahl der Dusche möglichst angenehm, was voraussichtlich eher fest sein wird, einstellen. Ganz wichtig ist auch die passende Temperatur. All das gehört zum Körperbewusstsein und kann mit den Wahrnehmungsübungen gezielt angebahnt werden.
Weiter geht es beim Anziehen. Warum hat das Kind vielleicht so Mühe? Lassen wir das oben beschriebene Thema der Sensorik weg, kommen die motorischen Fähigkeiten wie Koordination und Balance ins Spiel. Hat das Kind Mühe, die Arme und Beine zu koordinieren und zieht sich deswegen nicht oder sehr langsam an? Kann es vielleicht die Balance im Einbeinstand nicht wie Gleichaltrige halten, um Schuhe oder Socken schneller anzuziehen?
Dann kommt beim Essen wieder Sensorik der Speisen und Getränke sowie koordinative Anforderungen mit Besteck hinzu. Später dann auf dem Weg zum Kindergarten oder zur Schule all die vielen Lärmeindrücke der Umwelt und die motorischen Fähigkeiten beim Gehen, Stoppen, Starten, das Gerangel mit Mitschülern im Eingangsbereich. All diese Themen erschweren oder zumindest erfüllen dem Kind schon den Morgen, bevor es überhaupt losgeht mit weiterem Inhalt und Anforderungen. Ganz zu schweigen von Pausen- oder Sportsituationen, die dem Kind Mühe und vielleicht auch Angst bereiten.
Habe ich dafür Verständnis und kann entsprechend auf das Kind eingehen, gelingt vieles leichter. Die Übungen lassen sich gezielt einzeln aussuchen und sind in die übergeordneten Kapitel Wahrnehmung, Koordination, Balance, Grenzen (setzen), Stressregulation und Entspannung gegliedert. Gut bebildert und mit knappen prägnanten Erklärungen laden sie zu einfacher Durchführung ein. Die Teilhabe am Alltag, so natürlich, bestärkt und selbständig wie möglich, ist das übergeordnete Ziel.
Da Sie als Physiotherapeutin und Heilpraktikerin arbeiten, kommen Sie oft mit Kindern im Autismus-Spektrum zusammen. Welche Vorurteile und Klischees begegnen Ihnen dabei häufig?
Oh, da gibt es leider immer noch so einige. Oft werden immer noch die Eltern für das Verhalten der Kinder zur Verantwortung gezogen. Auch wird noch häufig davon ausgegangen, dass der Umgang mit Menschen im Spektrum Aufwand und Anstrengung bereitet. Ebenfalls ein klassischer Satz: „Das Kind kann ja die Hand reichen oder Augenkontakt herstellen, es kann ja gar nicht autistisch sein.“ Dass dies ein Jahr lang von der Kindergärtnerin antrainiert wurde und das Kind selbstverständlich bemüht ist, den Anforderungen nachzukommen, wird dabei vergessen.
Ebenso das menschliche Bestreben, einer Gesellschaft anzugehören und möglichst mit ihr mithalten zu können, auch wenn es viel Energie kostet, wird oft nicht bemerkt.
Am 02. April ist der internationale Welt-Autismus-Tag. Was bedeutet dieser Tag für Sie?
Ich freue mich, dass es einen Tag gibt, um den Menschen im Spektrum bewusst Aufmerksamkeit zu schenken. Und ich wünsche mir, dass mit Tagen wie solchen das Verständnis und das Wissen ums Spektrum in der Gesellschaft stetig wachsen kann. Und vor allem auch Wege gefunden werden, die den Menschen im Spektrum dies näherbringen und ihnen Wertschätzung und Anerkennung entgegenbringen.
Welche Themen beschäftigen Menschen im Autismus-Spektrum und ihre Angehörigen aktuell am stärksten, worin bestehen zurzeit die größten Herausforderungen für sie?
Für alle Menschen im Spektrum antworten zu können, wäre vermessen. Wie heißt es so treffend: „Kennst du einen Menschen mit Autismus, kennst du einen Menschen mit Autismus“. Übrigens ist dies nicht nur hier angebracht, sondern für alle Menschen. Ich halte nichts von Pauschalisierungen und möchte auf jeden Menschen individuell und offen zugehen.
Dennoch, wenn ich zusammenfassend etwas finden soll, würde ich wieder das Umfeld nehmen. Meist hat nicht ein einzelner Mensch, zumindest in diesem Kontext, das Thema, sondern es sind die gesellschaftlichen Anforderungen, Erwartungen und Normen, die aus einer Andersartigkeit ein Thema oder gar Problem machen.
In der Zusammenarbeit mit Kindern fällt mir das Schulumfeld ein. Nicht bei allen, jedoch bei vielen, gibt es hier Themen mit unpassenden Anforderungen und Missverständnissen.
Wiederum wünsche ich mir Offenheit im gegenseitigen Aufeinanderzugehen.
Und natürlich ein anderes großes Thema, auf das dann wiederum viele Themen folgen, ist die Sichtbarkeit bzw. das Unwissen und die Unsichtbarkeit der Hintergründe, die dann gewisse Verhaltensweisen zur Folge haben. Das betrifft vermutlich viele Personen im Spektrum und auch alle Altersgruppen. Zum Glück befinden wir uns jetzt in einer Zeit, wo an dieser besseren Sichtbarkeit gearbeitet wird. Auch da soll dieses Buch einen Beitrag leisten.
Wenn Sie den Eltern und Therapeuten, an die sich dieses Buch richtet, zum Schluss noch etwas mitgeben könnten, was würden Sie ihnen sagen?
Offenheit, Zugewandtheit und auch Mut, neue Wege zu gehen, sind wichtige und bereichernde Eigenschaften, die ich den begleitenden Personen von Kindern im Spektrum wünsche.
Vielen Dank für das Gespräch.
Da ich im Buch bewusst auf eine Danksagung verzichtet habe, obwohl ich all den Menschen, die mich auf dem Weg des Buches begleitet haben, sehr dankbar bin, möchte ich diese Gelegenheit hier für das Verlagsteam nutzen. Ein ganz herzliches Dankeschön für die tolle, wertschätzende und unkomplizierte Zusammenarbeit. Das Werk mit Ihnen zu erstellen, hat mir viel Freude bereitet.
Mira König, Physiotherapeutin und Heilpraktikerin.