Posttraumatische Belastungsstörungen verstehen
Interview mit Sabrina Henning
Liebe Frau Henning, mit welcher Intention haben Sie diesen Ratgeber über Posttraumatische Belastungsstörungen geschrieben?

Sabrina Henning
Posttraumatische Belastungsstörungen verstehen
Ein Ratgeber für Betroffene und Helfende
2025. 138 Seiten
Reihe: Rat + Hilfe
ISBN 978-3-17-045548-1
Meine zentrale Intention war es, Menschen mit traumatischen Erfahrungen und deren Begleitpersonen eine verständliche, einfühlsame und fachlich fundierte Orientierung zu geben. Posttraumatische Belastungsstörungen sind komplex – für Betroffene oft schwer greifbar und für das Umfeld nicht immer nachvollziehbar. Ich wollte mit diesem Buch Brücken bauen: zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und Alltagssprache, zwischen Betroffenen und Helfenden, zwischen Erleben und Verstehen. Es geht darum, Trauma nicht nur zu erkennen, sondern ihm mit Mitgefühl, Wissen und Handlungsmöglichkeiten zu begegnen. Darüber hinaus ist mir sehr wichtig, dass Betroffene informierte Entscheidungen treffen können. Sei es in Bezug auf die Behandlungsform oder Medikamente oder im Umgang mit ihren Symptomen. Dies ist ein wichtiger Schritt heraus aus der Hilflosigkeit und Ohnmacht, die sie in ihrem Leben bereits erlebt haben. Ich vertrete grundsätzlich den Standpunkt, dass Betroffene Expert:innen werden sollten für ihre eigene Erkrankung.
Im Untertitel nennen Sie „Betroffene und Helfende“ als Zielgruppe Ihres Buches. Inwiefern können diese von der Lektüre profitieren?
Betroffene finden in meinem Buch eine Art Landkarte für das eigene Erleben. Viele Menschen spüren, dass „etwas nicht stimmt“, können ihre Symptome aber nicht richtig einordnen. Das Buch bietet Informationen, die helfen, sich selbst besser zu verstehen und erste Schritte zur Stabilisierung zu gehen – ohne Druck, aber mit viel Ermutigung.
Für Helfende – ob im privaten oder professionellen Kontext – ist es oft eine Herausforderung, angemessen zu reagieren. Das Buch vermittelt ihnen Wissen, aber auch Haltung: Wie kann ich unterstützend da sein, ohne zu überfordern? Wo sind meine Grenzen? Das sind die Fragen, die mir häufig von Eltern, aber auch von Kolleg:innen gestellt werden. Mit der eigenen Handlungssicherheit bieten wir den Betroffenen einen Rahmen, der Orientierung und Verlässlichkeit bietet und das ist fundamental in der Arbeit mit Menschen mit Traumaerfahrungen. Es geht nicht darum, Therapeut:in zu werden, sondern ein sicherer, präsenter Mensch im Leben von Betroffenen.

Sie sind unter anderem als DBT-Therapeutin und Traumapädagogin tätig, sind START NOW-Ausbilderin und traumasensible Yogalehrerin. Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrem beruflichen Umfeld und wie haben diese die Arbeit an dem Ratgeber beeinflusst?
Ich arbeite täglich mit Menschen, die sich in verschiedensten Phasen ihrer Verarbeitung befinden – von akuter Überforderung bis hin zur Integration ihrer Erfahrungen. Diese Arbeit hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Menschen nicht nur theoretisches Wissen zu vermitteln, sondern sie auch emotional zu erreichen.
Methoden wie die traumasensible Körperarbeit, Elemente aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) oder START NOW helfen mir, sehr praxisnah zu arbeiten – und genau das wollte ich auch im Buch umsetzen. Mein Ziel war, dass sich Lesende gesehen fühlen und konkrete Impulse mitnehmen können, die sie im Alltag anwenden können – ob es um Selbstregulation, Psychoedukation oder achtsame Begleitung geht. Ich erlebe oft, wie Menschen aus Überforderung oder Unwissen heraus die falschen Dinge aus den richtigen Gründen tun und damit Betroffenen Situationen manchmal sogar erschweren: Das Herstellen von Körperkontakt bei Dissoziationen zum Beispiel. Das machen Menschen, wenn sie das Gefühl haben eine Person „nicht erreichen“ zu können und wissen oft nicht, dass eine leichte Berührung an der Schulter die Symptome meistens nur verschlimmert. Ich habe versucht, die Inhalte so zu wählen, dass möglichst viele Fragen, die mir häufiger begegnen, aufgegriffen werden. Oft sind es Kleinigkeiten und manchmal ist es kontraintuitiv, daher ist es so wichtig, dass auch Helfende diesen Ratgeber lesen.
Wenn Sie den Lesern und Leserinnen Ihres Buches abschließend noch etwas mitgeben könnten, was würden Sie Ihnen sagen wollen?
Ich würde Ihnen sagen: Sie sind nicht allein. Heilung ist kein gerader Weg, sondern ein Prozess mit Höhen und Tiefen. Seien Sie geduldig mit sich.
Und: Es ist mutig, sich Unterstützung zu holen. Ob durch Menschen, die zuhören, durch therapeutische Begleitung oder durch kleine Schritte der Selbstfürsorge – jedes Stück Bewusstheit ist ein Schritt in Richtung eines sinnerfüllten Lebens. Und auch wenn es sich oft nicht so anfühlt: Es gibt Wege zurück ins Leben. Und den Helfenden würde ich sagen, dass Unsicherheit völlig nachvollziehbar und normal ist. Wir dürfen Fragen stellen und dazulernen. Niemand muss das einfach können. Auch nicht, wenn man einem helfenden Beruf angehört. Manchmal fühlt sich die Arbeit mit Betroffenen sehr schwierig an und man hat Angst etwas falsch zu machen. Lassen Sie sich von diesem Gefühl nicht abhalten! Es wird weniger Raum einnehmen, umso mehr Sie sich trauen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Sabrina Henning ist Erzieherin, Traumapädagogin sowie DBT- und DBT-A-Therapeutin für Sozial- und Pflegeberufe am Katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift Hamburg.