Wer ist der Mensch hinter der Diagnose?
Ein Interview mit Autor und Übersetzer von „Dignity in Care – Würdebewahrende Sorgekultur“
Im folgenden Interview sprechen wir mit dem Autor Dr. Harvey Max Chochinov über „Dignity in Care – Würdebewahrende Sorgekultur“ und seinen Ansatz einer würdebewahrenden Haltung in der Gesundheitsversorgung. Der Autor erläutert zentrale Konzepte wie die „ABCDs der Sorgekultur“, während der Übersetzer Dr. Roland Martin Hanke Einblicke in die sprachlichen Besonderheiten und Herausforderungen der deutschen Fassung gibt.

Harvey Max Chochinov
Dignity in Care - Würdebewahrende Sorgekultur
Die menschliche Seite der Gesundheitsversorgung
2026. 184 Seiten, Kart.
€ 36,–
ISBN 978-3-17-046442-1
Herr Dr. Chochinov, Ihr Buch stellt die Frage in den Mittelpunkt „Wer ist der Mensch hinter der Diagnose?“ – welche Erfahrungen aus Ihrer klinischen Arbeit haben Sie am stärksten dafür sensibilisiert, Patienten nicht als „Fälle“, sondern als Menschen mit Empfindungen wahrzunehmen?

Dr. Chochinov: Ich denke, dass jede klinische Begegnung aufs Neue bestätigt, wie wichtig es ist, Patienten als Menschen zu behandeln. Niemand möchte auf die Verkörperung seiner Erkrankung reduziert werden und seine Persönlichkeit auf jene Krankheit oder gesundheitliche Beeinträchtigung beschränkt sehen, derentwegen er medizinische Hilfe in Anspruch nimmt. Wir wissen, dass das eigentliche Wesen des Leidens in der Medizin darin besteht, zu erleben, dass das eigene Mensch-Sein und die Integrität der eigenen Person bedroht sind.
Ich habe über diese Zusammenhänge eingehend geschrieben und zahlreiche Beispiele veröffentlicht, die das zerstörerische Potenzial verdeutlichen, das entsteht, wenn Patienten nicht als ganze Menschen wahrgenommen werden. In JAMA Neurology (2022;79:1099) berichtete ich über meine Schwester Ellen und darüber, wie es einem Intensivmediziner nicht gelang, über ihre Zerebralparese hinauszusehen. Er beurteilte den Wert ihres Lebens anhand körperlicher Funktionsmerkmale und erkannte dabei nicht, wer sie als Mensch war: eine geliebte Schwester, Tante, Tochter, Freundin und engagierte Fürsprecherin für die Belange von Menschen mit Behinderungen.
Sie beschreiben die „ABCDs der Sorgekultur“ als Kernkompetenzen einer würdebewahrenden Haltung in der Gesundheitsversorgung. Worin besteht der Mehrwert Ihres Ansatzes gegenüber einer rein Diagnose-orientierten Versorgung?
Dr. Chochinov: Ich halte es nicht für optional, die menschliche Seite der Medizin einzubeziehen – und auch nicht für das, was manche als „Nettigkeiten der Medizin“ bezeichnen würden. Wenn es uns nicht gelingt, eine würdebewahrende Sorgekultur auszuüben, fühlen sich Patienten und ihre Angehörigen emotional angegriffen; sie werden misstrauischer und es steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Behandlungsziele nicht mehr übereinstimmen.
Wir wissen zudem, dass Ärzte und andere Gesundheitsfachpersonen, die sich von der menschlichen Seite der Medizin abkoppeln und ihre Tätigkeit zunehmend transaktional verstehen, einem erhöhten Risiko für berufliches Burn-out ausgesetzt sind und deutlich häufiger Ziel von Patientenbeschwerden oder sogar Klagen werden. Transaktionale Medizin und die menschliche Seite der Medizin dürfen kein „Entweder-Oder“ sein. Sie müssen Seite an Seite zum Tragen kommen, um menschliches Leiden zu lindern. Nur so ist gewährleistet, dass Menschen die Versorgung erhalten, die sie wirklich wollen und verdienen – und zugleich diejenigen im Gesundheitswesen gestärkt werden, die mehr sein wollen als bloße „Mechaniker am menschlichen Körper“.
Ihr Buch versteht sich als Ermunterung und zugleich als Aufruf zum Perspektivwechsel: Zuwendung, Freundlichkeit und Mitgefühl seien nicht „Nice-to-have“, sondern grundlegend für den Erfolg der Arbeit mit Menschen im palliativen Kontext. Wo sehen Sie die größten Hürden im aktuellen Gesundheitswesen für eine solche würdebewahrende Sorgekultur?
Dr. Chochinov: Die Veränderung der Kultur des Gesundheitswesens ist weder einfach noch geschieht sie von heute auf morgen. Würdebewahrende Sorgekultur zu leben, erfordert vielmehr die bewusste Haltung, dass dieser Ansatz jede einzelne klinische Begegnung prägt und auf dem Weg eines Patienten durch das Gesundheitswesen bleibende Spuren hinterlässt. Dies gilt unabhängig davon, wie kurz oder lang eine solche Begegnung dauert.
Diese Haltung im klinischen Alltag konsequent vorzuleben, schafft zugleich ein entscheidendes Vorbild für Studierende und Auszubildende. Sie lernen nicht nur durch Unterricht, sondern vor allem durch das Verhalten derjenigen, die sie anleiten.
Eine Kultur der Sorge kann sich nur entwickeln, wenn auch die Zusammenarbeit unter Kollegen von derselben Haltung geprägt ist. Es ist kaum möglich, eine würdebewahrende Sorgekultur dauerhaft aufrechtzuerhalten, wenn man sich selbst nicht wahrgenommen, wertgeschätzt oder respektiert fühlt.
Schließlich müssen auch das Arbeitsumfeld und diejenigen, die dessen Kultur prägen, diesen Ansatz der Gesundheitsversorgung anerkennen, fördern und wertschätzen. Jeder Angehörige eines Gesundheitsberufs und jede Einrichtung des Gesundheitswesens ist gut beraten, sich folgendes Credo zu eigen zu machen:
“Patients won’t care what you know, until they know that you care”
Herr Dr. Hanke, Sie haben das Werk als Palliativmediziner ins Deutsche übertragen. Welche besonderen Herausforderungen ergaben sich bei der Übertragung zentraler Konzepte wie „Dignity“ und „Care“ in eine deutsche Fachsprache, in der Begriffe wie „Würde“, „Zuwendung“ oder „Sorge“ sehr unterschiedlich konnotiert sein können?
Dr. Hanke: Im öffentlichen und juristischen Diskurs wird in Deutschland unter „Menschenwürde“ überwiegend ein immaterielles, unantastbares und rechtlich zu schützendes Prinzip verstanden. Harvey Max Chochinov ergänzt diese Perspektive um die klinische, praktische und im Alltag erfahrbare Dimension der Würde. Er fragt gezielt danach, wie Würde im konkreten zwischenmenschlichen Handeln erlebt, bestätigt, bewahrt oder verletzt wird.
Ebenso ist „Care“ im Verständnis Chochinovs weit mehr als „Pflege“, „Fürsorge“ oder ein bloßes „Sich-Kümmern“. Für ihn bezeichnet „Care“ eine umfassende, achtsame menschliche Zuwendung in verantwortlicher Hinwendung zum anderen. „Care“ ist ein Haltungsphänomen und damit eine Lebenseinstellung – eine Kultur der Sorge, die „Sorgekultur“.
Sowohl im Original als auch in der deutschen Ausgabe stehen Sprache, Haltung und der „richtige Umgangston“ im Mittelpunkt. Wo würden Sie als Übersetzer sagen, dass sich bereits auch in den deutschsprachigen Ländern eine eigene „Würdebewahrende Sorgekultur“ abzeichnet? Gibt es Beispiele aus Fallgeschichten oder Formulierungen, an denen gut sichtbar wird, wie sich der internationale Ansatz mit Erfahrungen aus der hiesigen Palliativ- und Hospizarbeit verbindet?

Dr. Hanke: Unabhängig vom würdeorientierten Ansatz Harvey Max Chochinovs haben sich in Deutschland innerhalb der Hospiz- und Palliativversorgung bereits früh Schulungskonzepte entwickelt, die neben der fachlich-medizinischen Versorgung in gleichem Maße die Haltung der Behandelnden gegenüber den Patienten betonen. In den multiprofessionellen Ausbildungen begegnen sich Ärzte, Pflegekräfte, Ehrenamtliche, Seelsorger, Physiotherapeuten und Psychotherapeuten auf Augenhöhe. Diese gemeinsame Haltung prägt die deutsche Hospiz- und Palliativkultur. In der Übersetzung war es mir deshalb wichtig, diese Haltung sprachlich sichtbar werden zu lassen und Chochinovs Verständnis von Care in eine Sprache zu übertragen, die diesem gewachsenen Verständnis einer würdebewahrenden Sorgekultur entspricht. Wie wichtig die Sinnbestätigung eines gelebten Lebens für das Gelingen eines würdevollen Sterbens ist, zeigt ein Beispiel aus meiner Praxis: Eine schwerkranke, leidende Landfrau beteiligte sich nicht an der Anamnese und Aufnahme in die ambulante Palliativversorgung. Nach gut 90 Minuten war diese beendet, und ich wollte die Wohnung bereits verlassen, als ich mich noch einmal umdrehte und sie fragte: „Sie haben als junge Frau doch sicherlich eine ganze Reihe von Wünschen und Hoffnungen für Ihr Leben gehabt. Hat Ihnen jemals jemand dafür gedankt, dass Sie diese aufgegeben haben, um Ihre Kinder großzuziehen und Ihre Familie und den Hof zu versorgen?“ Die Kinder und Schwiegerkinder erschraken. Die Patientin jedoch lächelte, sprach mich an, reichte mir zum Abschied die Hand und sagte: „Danke!“ Am nächsten Morgen war sie friedlich und leidfrei verstorben.
Vielen Dank für das Gespräch mit Ihnen beiden.
Dann bleibt uns nur noch, zum Abschluss die zentrale „Message“ des Buches zu zitieren:
Patients are people with feelings that matter.
Patienten sind Menschen mit Empfindungen – und das zählt.
Die Antworten von Harvey Max Chochinov wurden aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.
Dr. Harvey Max Chochinov ist Distinguished Professor for Psychiatry an der University of Manitoba, Kanada, und Begründer der Würdezentrierten Therapie. Er hat damit internationale Standards für die Begleitung von Menschen am Lebensende und die Haltung von Ärzten und Pflegenden gesetzt.
Deutsche Übersetzung von Dr. med. Roland Martin Hanke, Palliativmediziner, Autor und Referent für Hospiz- und Palliativthemen.