Inklusion ist in Deutschland noch nicht angekommen
Ein Interview mit unserem Autor Prof. em. Dr. Ulrich Heimlich
Ist schon alles gesagt über Inklusion? Sind wir am Ziel einer selbstbestimmten gesellschaftlichen Teilhabe aller? Im Gegenteil: Inklusion ist noch nicht bei uns angekommen. Aussonderung von Menschen mit Behinderung, Benachteiligung von Frauen, Anfeindungen von Menschen mit Migrationshintergrund - all das ist Realität. Wir haben den Autor Prof. em. Dr. Ulrich Heimlich zu seinem neuen Buch "Inklusion leben!" interviewt.

Ulrich Heimlich
Inklusion leben!
Auf dem Weg zur inklusiven Gesellschaft
2025. 204 Seiten, kartoniert
€ 30,–
ISBN 978-3-17-045061-5
Sie haben sich Jahrzehnte lang nicht nur wissenschaftlich für mehr Inklusion in Deutschland eingesetzt. Ihr Resümee im Rückblick ist ernüchternd: „Inklusion ist in Deutschland noch nicht angekommen“. Stehen wir in Sachen Inklusion wirklich noch am Anfang?

In Deutschland gibt es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine lange Tradition der Sondereinrichtungen für Menschen mit Behinderung. Das ist ein einmaliger Weg im europäischen und internationalen Vergleich gewesen. Ein derart differenziertes System von Sondereinrichtungen wie Heilpädagogische Kindertagesstätten, Förderschulen, Werkstätten für behinderte Menschen und Wohnheimen hat kein anderes Land in dieser Weise entwickelt. Entsprechend schwer ist es nun, dieses vorhandene System umzugestalten. Die Beharrungstendenzen sind groß. Aber ganz besonders wichtig ist es, dass in der Mitte der Gesellschaft endlich die Erkenntnis ankommt, dass wir nicht das Beste für Menschen mit Behinderung tun, wenn wir sie in Sondereinrichtungen auf der grünen Wiese abschieben. Es mag sein, dass diese Einrichtungen hervorragend ausgestattet sind. Und sicher sind hier viele hoch engagierte und sehr gut qualifizierte Fachkräfte tätig. Was fehlt, ist allerdings die Begegnung mit Menschen ohne Behinderung. Das ist nach wie vor in vielen gesellschaftlichen Bereichen nicht selbstverständlich. Die Berichte der Monitoringstelle zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung stellen Deutschland nach wie vor in Sachen Inklusion ein schlechtes Zeugnis aus. Andere Länder wie die Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland oder Italien sind hier weit vorausgeeilt. Dort ist Inklusion im Alltag spürbar, wie ich bei meinen Reisen in diese Länder immer wieder festgestellt habe.
Sie verwenden den Begriff des „Inklusiven Moments“ für gelingende Inklusion. Sind solche Momente pädagogisch herbeizuführen, gar planbar?
Dahinter steht natürlich die Frage, inwieweit menschliche Begegnungen oder gar Pädagogik bzw. Bildung planbar ist. Sicher nur begrenzt. Ich habe aber festgestellt, dass inklusive Momente in unserem Alltag überall stattfinden und bewusst wahrgenommen werden sollten. Immer dann, wenn es uns gelingt, dass alle Beteiligten teilhaben und etwas beitragen können, dann entstehen inklusive Momente des Miteinanders. Im Bildungsbereich gilt es hier insbesondere an den Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen anzusetzen und dafür zu sorgen, dass ihre Fähigkeiten ernst genommen werden und eine Bedeutung in gemeinsamen Spiel- und Lernsituationen bekommen. Auf diesem Weg wird in der Regel deutlich, welche Vielfalt an Interessen, Bedürfnissen und Ressourcen jede und jeder Einzelne in die Gemeinschaft einbringt. Insofern entstehen inklusive Momente insbesondere in offenen Spiel- und Lernsituationen, die von Kindern und Jugendlichen mitgestaltet werden können. Vorzugsweise sollten wir also inklusive Momente mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam planen, so wie das im gemeinsamen Spiel oder beim Lernen in Projekten der Fall ist. Dazu gehört allerdings auch eine große Bereitschaft aller Beteiligten, sich auf offene Spiel- und Lernprozesse einzulassen und deren kreatives Potenzial erfahren zu wollen.
Ein anderer Begriff, den Sie in diesem Zusammenhang verwenden, ist der der „Inklusiven Haltung“. Worauf kommt es dabei an?
Es wird in der Entwicklung von inklusiven Projekten – sei es im Bildungsbereich oder im Arbeits- und Wohnbereich – viel von der inklusiven Haltung gesprochen, die notwendig sei, damit Inklusion gelingt. Das ist zweifellos eine der wichtigsten Ressourcen für die Gestaltung von inklusiven Prozessen des Miteinanders. Allerdings sollten wir nicht den Fehler begehen, die inklusive Haltung als einzige Ressource für die Inklusion misszuverstehen, nach dem Motto: Sie benötigen keine zusätzlichen Ressourcen in inklusiven Kindertageseinrichtungen bzw. Schulen, sondern nur die richtige inklusive Haltung. Das wäre sicher der Gipfel des Zynismus. Inklusion benötigt in allen Bereichen gute Rahmenbedingungen mit Blick auf die personelle Unterstützung und die jeweilige Ausstattung der Umgebung. Aber ohne die innere Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, sich für Kinder und Jugendliche bzw. Mitmenschen wirklich zu interessieren, wird Inklusion auch nicht gelingen. Dazu gehören eine aktive Aufmerksamkeit für den Anderen und die Bereitschaft, sich auf persönliche Begegnungen einzulassen. Letztlich bedeutet eine inklusive Haltung auch die Bereitschaft, sich mit anderen befreunden zu können. Und diese inklusive Haltung muss noch mehr nach außen hin gezeigt werden, letztlich in unserem Alltag, in der Nachbarschaft, aber auch in Bildungsinstitutionen und allen gesellschaftlichen Bereichen gelebt werden.
Ihr neues Buch „Inklusion leben!“ heißt im Untertitel „Auf dem Weg zur inklusiven Gesellschaft“. Verbirgt sich dahinter nicht auch die Utopie eines besseren Zusammenlebens? Aber lassen sich Utopien bei den gegebenen Verhältnissen überhaupt realisieren?
Eine aktuelle FORSA-Umfrage hat es erneut bestätigt: Die Bereitschaft zur Entwicklung inklusiver Angebote in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen ist gestiegen. Das Problem beginnt bei der konkreten Umsetzung. Insofern leben wir in Sachen Inklusion sicher seit geraumer Zeit mit dem Dilemma eines hohen Anspruches an den Gemeinsinn in der Gesellschaft auf der einen Seite und den immer wieder unzureichenden Ausgangsbedingungen auf der anderen Seite. Besonders im pädagogischen Bereich zählt es zu den Basiskompetenzen von Fachkräften, die Lücke zwischen den eigenen Idealen und der „schmuddeligen Erziehungswirklichkeit“ auszuhalten und zu gestalten. Was aber wären wir ohne Zielsetzungen in Bezug auf die drängenden Entwicklungsaufgaben einer Gesellschaft im Sinne von konkreten Utopien, also Vorstellungen, die noch keinen Ort gefunden haben? Wir wären orientierungslos. Auch unser Grundgesetz, das mittlerweile 76 Jahre alt geworden ist, enthält in den ersten 19 Artikeln solche Zielvorstellungen. Art. 3, Abs. 3 lautet seit 1994: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Es hat sich sehr schnell herausgestellt, dass damit keineswegs ein Rechtsanspruch auf Inklusion einhergeht. Vielmehr gilt dieses Grundrecht nur, solange die Haushaltsmittel reichen, was zu vielen kritischen Nachfragen in Bezug auf die Geltung von Grundrechten insgesamt geführt hat. Auch die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen beschreibt eine noch nicht verwirklichte Vorstellung des freundlichen Zusammenlebens von Menschen mit und ohne Behinderung. Es gilt jedenfalls Wege aufzuzeigen, die zum Ziel einer inklusiven Gesellschaft führen. Letztlich ist damit nichts anderes als eine demokratische Gesellschaft gemeint. Demokratie erschöpft sich aber nicht nur im Kreuz auf einem Wahlschein, das alle paar Jahre einmal gemacht wird, oder im Schutz der demokratischen Institutionen wie Parlamenten, Verfassungsgerichten usf. gegen rechtspopulistische Einflussnahmen. Demokratie als Lebensform ist eine bestimmte Kultur des Umgangs der Menschen miteinander. Das muss jeden Tag gelebt werden, wenn wir dem Anspruch einer demokratischen Gesellschaft gerecht werden wollen. Deshalb bemühe ich mich auch in meinem Alltag, Inklusion zu leben. Ich singe in einem inklusiven Chor der Lebenshilfe e. V. und ich arbeite seit Kurzem in einem inklusiven Bistro. Hier wird Inklusion tagtäglich in der Begegnung erfahrbar.