Angehörige zwischen Liebe, Last und Loyalität
Was Mitarbeitende in Gesundheitsberufen über die Gefühlswelt der Angehörigen wissen sollten
Im Gespräch mit Lioba Werth zu Ihrem neuen Buch „Psychologie des Angehörigen – Psychologisches Basiswissen für Gesundheitsberufe“ und dem professionellen Umgang mit den psychologischen Belastungen, welche An- und Zugehörige erleben.

Lioba Werth
Psychologie des Angehörigen
Psychologisches Basiswissen für Gesundheitsberufe
2026. kartoniert
ISBN 978-3-17-045502-3
Frau Werth, Ihr neues Werk richtet sich spezifisch an Menschen, welche in Gesundheitsberufen arbeiten und soll dabei unterstützen, die Gefühlswelt von An- und Zugehörigen besser zu verstehen. Warum war es Ihnen ein Anliegen diesen Berufsgruppen das emotionale Befinden von An- und Zugehörigen näherzubringen?

Weil Angehörige im Gesundheitswesen allgegenwärtig sind – aber psychologisch oft unsichtbar bleiben. Sie stehen am Bett, im Flur, im Hintergrund. Und tragen gleichzeitig Liebe, Verantwortung, Angst, Schuld und Erschöpfung in sich. Mein Anliegen war es, diese innere Gemengelage sichtbar zu machen. Nicht, um zusätzliche Aufgaben zu schaffen – sondern um Reibung zu reduzieren. Wer versteht, warum Menschen reagieren, wie sie reagieren, nimmt Dinge weniger persönlich, handelt klarer und bleibt innerlich souverän. Dieses Buch ist eine Einladung, den emotionalen Lärm leiser zu stellen – für alle Beteiligten.
Sie beschreiben, dass ein tiefergehendes psychologisches Verständnis unterstützen kann, dass PatientInnen, An- und Zugehörige sowie Personal an einem Strang ziehen. Welches Gefühl wird aus Ihrer Sicht am häufigsten übersehen und was können Konsequenzen daraus sein?
Das am häufigsten übersehene Gefühl ist Ohnmacht. Angehörige verlieren Kontrolle: über den Körper eines geliebten Menschen, über Entscheidungen, über den Verlauf. Ohnmacht tarnt sich gern als Ärger, Forderung, Misstrauen oder Besserwisserei. Wird sie nicht erkannt, eskaliert Kommunikation. Fronten verhärten sich. Fachkräfte fühlen sich angegriffen – Angehörige nicht ernst genommen. Wird Ohnmacht hingegen benannt und psychologisch „gehalten“, entsteht etwas Erstaunliches: Kooperation. Nicht, weil alles gut ist – sondern weil sich Menschen gesehen fühlen.
In Teil II des Buches geht es um Möglichkeiten, wie Fachkräfte pflegende An- und Zugehörige unterstützen können, sei es bei der Pflegeentscheidung, Entscheidungen im Alltag oder auch Selbstfürsorge und Regeneration. Dabei kommt die Frage auf: wann finden Fachkräfte, im sehr eng getakteten Arbeitsalltag, Zeit für diese emotionale Unterstützung?
Meine ehrliche Antwort: Sie finden sie nicht zusätzlich, sondern anders. Emotionale Unterstützung braucht nicht zwingend mehr Zeit – sondern eine andere Haltung. Ein Satz zur richtigen Zeit, ein klarer Rahmen, ein bewusst gesetztes Wort kann minutenlange Konflikte verhindern. Psychologisches Know-how ist kein Extra-Tool, sondern ein Effizienzfaktor. Wer emotional klug kommuniziert, spart Energie, Nerven und letztlich Zeit. Das Buch zeigt genau diese Mikro-Interventionen, die in den Alltag passen, ohne ihn weiter zu überfrachten. Es erfordert also eher ein Umdenken, eine etwas andere Haltung zum Menschen und dem eigenen Arbeitsverständnis bzw. eine diesbezügliche Vorgabe in der Führungskultur.
Zum Abschluss: was ist eine Strategie aus Ihrem Werk, welche Fachkräfte bereits direkt in der nächsten Schicht anwenden können, wenn Sie einer emotionsgeladenen Situation mit An- und Zugehörigen gegenüberstehen?
Erst spiegeln, dann strukturieren. Nie umgekehrt. Bevor Sie erklären, rechtfertigen oder Lösungen anbieten: benennen Sie das Gefühl, das im Raum steht. Kurz. Klar. Wertschätzend. Zum Beispiel: „Ich sehe, wie sehr Sie das gerade belastet.“ Erst danach folgen Information und Struktur. Das senkt nachweislich emotionale Spannung – und öffnet die Tür für sachliche Zusammenarbeit. Kleine Intervention, große Wirkung. Wenn wir nicht zuerst den Menschen sehen, d.h. nicht den Boden bereiten oder die Brücke bauen, dann brauchen wir auch nicht Infos säen, denn die Saat geht dann gar nicht auf.
Herzlichen Dank für das Gespräch und all die Mühen, die in dieses äußerst informative und praxisnahe Werk geflossen sind.