Kompetenzen in der Pflegeausbildung verständlich machen

Lisa Gebhardt erläutert, wie die fünf Kompetenzbereiche der generalistischen Pflegeausbildung in Praxisanleitung, Unterricht und Prüfung greifbar werden.

Wie können Lehrende und Praxisanleitende die fünf Kompetenzbereiche der generalistischen Pflegeausbildung verständlich vermitteln und sicher in der Praxis anwenden? Darüber spricht Lisa Gebhardt im Interview. Sie ist Gesundheits- und Krankenpflegerin, Pflegewissenschaftlerin, Erwachsenenpädagogin, Praxisanleiterin und freiberufliche Dozentin im Gesundheitswesen.

Unsere Autorin erläutert, warum ein gemeinsames Verständnis von Kompetenz für eine gelingende Ausbildung wichtig ist. Zudem zeigt sie, wie konkrete Fallbeispiele dabei helfen können, Kompetenzen in der Praxisanleitung und in der praktischen Examensprüfung gezielt zu erkennen, zu beurteilen und nachvollziehbar zu bewerten.

Buchcover von Die 5 Kompetenzbereiche der Pflegeausbildung

Lisa Gebhardt
Die fünf Kompetenzbereiche der Pflegeausbildung
Das neue Handlungs- und Bewertungssystem verstehen und anwenden 

2026. 145 Seiten. Kart.
€ 32,–
ISBN 978-3-17-046834-4

Frau Gebhardt, Sie vereinen in Ihrer Arbeit die Perspektiven als Pflegefachperson, Pflegewissenschaftlerin, Erwachsenenpädagogin und Praxisanleiterin. Wie kamen Sie auf die Idee, aus dieser Erfahrung heraus ein Buch über Kompetenzen in der generalistischen Pflegeausbildung zu schreiben?

Portrait von Lisa Gebhardt

Die Idee, ein Buch zu den Kompetenzbereichen der generalistischen Pflegeausbildung zu schreiben, hatte ich bereits vor einigen Jahren. Zunächst beschäftigte ich mich mit einem anderen möglichen Buchthema, für das ich letztlich jedoch nicht mit ausreichender Überzeugung brannte.

Im Jahr 2024 kam mir die ursprüngliche Idee eines Abends wieder in den Sinn. Spontan schrieb ich um 23:30 Uhr eine E-Mail an den Verlag – und seitdem hat mich das Projekt nicht mehr losgelassen.

In den vergangenen Jahren habe ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Dozentin mehrfach wöchentlich an Akademien, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Schulen zu diesem Thema referiert. Dabei begegneten mir regelmäßig ähnliche Fragen vonseiten der Teilnehmenden, insbesondere der Wunsch nach einer Literatur, die die komplexen Kompetenzbereiche verständlich, strukturiert und praxisnah vermittelt.

Lange musste ich diesen Wunsch verneinen. Mit diesem Buch möchte ich nun genau diese Lücke schließen.

Im Zentrum Ihres Buches stehen die fünf Kompetenzbereiche der generalistischen Pflegeausbildung, die Sie als „Handlungssystem“ beschreiben. Können Sie unseren Leserinnen und Lesern erklären, was hinter diesem Begriff steckt – und warum dieser Ansatz für die Ausbildung heute so wichtig ist?

Der Begriff Handlungssystem beschreibt genau, was es ist. Ein System aus Fähigkeiten, Fertigkeiten, fachlichem Wissen, sozialen Kompetenzen, Erfahrungen und einer guten Prise Eigenmotivation der Auszubildenden, in dem wir Akteure ausbilden. Die Anlage 2 in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung umfasst zum ersten Mal in der deutschen Geschichte der Pflege die Kompetenzen einer Pflegefachkraft. Das ist eigentlich etwas sehr Erfreuliches im Hinblick auf die Professionalisierung des Pflegeberufes: Ausbildung ist mehrdimensional. Sie hat sich durch den Kompetenzbegriff nicht vereinfacht, sondern hat sich in mehrere Bereiche gegliedert, die wir Praxisanleitenden und Lehrenden in den drei Ausbildungsdritteln gezielt fördern sollen – Zusammen vereint an den verschiedenen Lernorten. Dadurch entsteht berufliche Handlungsfähigkeit bei den Auszubildenden – Es hapert nur leider an der realen Umsetzung. 

Zu Beginn des Buches nehmen Sie sich viel Raum, um den Begriff „Kompetenz“ zu klären. Wo begegnen Ihnen im Ausbildungsalltag die größten Missverständnisse rund um Kompetenzen – und wie möchten Sie mit Ihrem Buch dazu beitragen, diese zu überwinden?

Seit 2020 wird der Begriff Kompetenz überall im Bereich der Pflegeausbildung genutzt. Bei Praxisanleitenden, bei Lehrenden und bei Auszubildenden. Wenn ich die Teilnehmenden zu Beginn der Fortbildungen nach einer Definition gefragt habe, konnte dies fast nie entsprechend beantwortet werden. Mit der Einführung der generalistischen Pflegeausbildung wurden sehr viele Begriffe gezielt neu eingeführt. Leider ist nicht bei allen Akteuren angekommen, wie wichtig hier die Differenzierung für die Umsetzung innerhalb der Ausbildung ist. Das schwächt die Akzeptanz bei den umsetzenden Akteuren wie Praxisanleitenden. Deshalb nehme ich mir zur Klärung dieser Frage viel Zeit. Das fördert die Akzeptanz und das Verständnis für den Nutzen der fünf Kompetenzbereiche. Häufig werden sie bis dahin nur als zusätzlicher „Aufwand“ gesehen. 

Sie arbeiten mit zahlreichen Beispielen aus der stationären Akutpflege, der stationären Langzeitpflege und der ambulanten Pflege. Warum war es Ihnen wichtig, alle drei Settings einzubeziehen – und was lernen Lehrende und Praxisanleitende aus dieser Vielfalt der Praxis?

Es ist deshalb wichtig, weil all diese Settings in der generalistischen Ausbildung stattfinden und alle Praxisanleitenden und Lehrende die gleichen Problematiken haben. Häufig wird die „wissenschaftliche“ Formulierung der Kompetenzen als größtes Verständnisproblem genannt. Deshalb war es mir wichtig, möglichst allen Akteuren mindestens ein Beispiel aus ihrem Kontext geben zu können. Das gilt auch für den pädiatrischen und psychiatrischen Bereich. Ebenfalls war es mir wichtig, einen Kommentar in einfacher Sprache zu integrieren, da wir auch viele ausbildende Personen mit sprachlichem Unterstützungspotenzial haben. 

Die fünf Kompetenzbereiche aus der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung werden in Ihrem Buch einzeln erklärt und mit konkreten Situationen verknüpft. Gibt es einen Kompetenzbereich, der in der Praxis besonders herausfordernd ist – und wie unterstützen Sie Leserinnen und Leser dabei, diesen besser zu verstehen und zu prüfen?

Tatsächlich sind dies zwei Kompetenzbereiche. Diese werden auch am häufigsten in meinen Fortbildungen von Praxisanleitenden und Lehrenden hinterfragt. Es handelt sich hierbei um die Kompetenzbereiche IV und V. Diese sollen vor allem im Reflexionsgespräch geprüft und hinterfragt werden. Das ist eine „nicht praktisch greifbare“ Aufgabe, welche ein besonderes, kommunikatives Geschick von den ausbildenden Personen fordert. Die richtige und sauber formulierte Frage für den Gegenstand zu finden, welchen man abfragen möchte, fällt nicht jeder Person leicht. 

Ein Herzstück Ihres Buches ist das Fallbeispiel einer praktischen Examensprüfung, in der alle fünf Kompetenzen sichtbar werden. Wie kann dieses Beispiel Lehrenden, Praxisanleitenden und Auszubildenden helfen, die praktische Prüfung besser zu planen, zu begleiten und zu reflektieren?

Die praktische Examensprüfung ist die „Königsdisziplin“. Hier können die ausbildenden Personen alle Kompetenzen aus den fünf Kompetenzbereichen bei den Auszubildenden beurteilen und bewerten. Nach allen drei Ausbildungsdritteln sollen diese von den Auszubildenden im Praktischen und Theoretischen beherrscht werden. Im Gegensatz zur geplanten, strukturierten Anleitung, in der meist nur Teilkompetenzen behandelt werden können oder sollen, je nach Ausbildungsdrittel. Das Fallbeispiel zeigt, dass jede Tätigkeit, die neutral von der prüfenden Person notiert wird, in die fünf Kompetenzbereiche eingestuft und beurteilt werden kann. Als Honorarprüferin habe ich mehrere Praxisanleitende begleitet, die sich sichtlich schwergetan haben, direkt bei der praktischen Prüfung Tätigkeiten in das Handlungssystem einzustufen. Das trainiere ich gezielt in meinen Fortbildungen mit den Teilnehmenden. Vor der Übung habe ich den Teilnehmenden versprochen, dass sie das System danach verstanden haben und einzelne Tätigkeiten einstufen können – Bisher konnte ich mein Versprechen immer halten. 

Zu den Fallbeispielen stellen Sie ausführliche Lösungsteile mit Begründungen bereit. Wie können solche kommentierten Lösungen dazu beitragen, dass Schule und Praxiseinrichtung gemeinsame Maßstäbe entwickeln – etwa bei der Frage, was eine „kompetente“ Ausführung wirklich ausmacht?

Wir dürfen nicht vergessen, dass ein Fallbeispiel nur ein Fallbeispiel ist. Es ist leider nicht möglich, diesen komplexen Sachverhalt mit allen Interessierten in der Praxis direkt bei der Prüfung umzusetzen. Das wäre toll aber leider nicht machbar. Der Lösungsvorschlag zum Fallbeispiel gibt eine Richtung vor, an der sich die Prüfenden orientieren und mit ihren Lösungen abgleichen können. Es sind, je nach Perspektive der Praxisanleitenden und Lehrenden oft mehrere Lösungsansätze denkbar. Sie müssen nur erklärbar sein und Sinn ergeben. Das erkläre ich auch so bei den Übungen und Abgleichungen mit meinen Teilnehmenden. Oftmals haben Lehrende und Praxisanleitende unterschiedliches Fachwissen, unterschiedliche Maßstäbe und verschiedene Perspektiven, aus denen sie beurteilen. Das ist auch gut so. Dementsprechend werden viele Aspekte in der Beurteilung und Bewertung miteinbezogen, um ein ganzheitlich, stimmiges Ergebnis zu bekommen. Wenn aber eine prüfende Person zu stark von der Note der anderen prüfenden Person abweicht – warum auch immer – hat dies meist mit deren Fachwissen oder persönlichen Maßstäben zu tun. Eine gewisse Differenz darf sein – jedoch keine Willkür bei der Bewertung. Durch die fünf Kompetenzbereiche haben wir bei richtiger Nutzung ein konkretes Raster, in dem beurteilt werden kann. 

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft der Pflegebildung wagen: Welche konkreten Veränderungen wünschen Sie sich, wenn Ihr Buch in Unterricht, Praxisanleitung und Prüfungsvorbereitung genutzt wird – für die Auszubildenden, aber auch für die Lehrenden und Praxisanleitenden?

Eine Frage, die schwierig zu beantworten ist, in einer derartig komplexen Zeit. Für die Pflege wird der Gürtel mit den derzeitig politischen Beschlüssen noch enger angelegt. Ich würde mir wünschen, dass die Ausbildung von den Unternehmen wieder als gewinnbringender Bereich angesehen wird, in den es sich lohnt, zu investieren. Wenn man jedoch Teil dieses Systems ist, weiß man, dass viele Gelder aus dem Budget nicht dort ankommen, wo sie eigentlich hingehören: bei den Auszubildenden in der praktischen Ausbildung in Form von Lernaterialien, Exkursionen etc. und den Praxisanleitenden in Form von Büroarbeitsplätzen, Lehrmaterialien und vor allem Zeit. Zeit, in der professionelle Lehre vor- und nachbereitet werden kann. Dann können sich die Akteure auch mit dem Handlungssystem der fünf Kompetenzbereiche und damit auch meinem Buch auseinandersetzen. Dies gehört eigentlich ebenso zur Arbeitszeit der Praxisanleitenden, wie die geplante und strukturierte Anleitung selbst. Derzeit sehe ich das aber leider nur selten in ausbildenden Betrieben. 

Lisa Gebhardt, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Pflegewissenschaftlerin (B.Sc.), Erwachsenenpädagogin (M.A.), Praxisanleiterin, freiberufliche Dozentin im Gesundheitswesen unter ihrer eigenen Marke by.bildungsart.