„Mundgesundheit in der Pflege – Grundlagen und interdisziplinäre Praxis auf Basis des Expertenstandards“

Annett Horn und Elmar Ludwig im Interview zu ihrem neuen Buch

Für immer mehr Menschen mit Pflegebedarf spielt die Mundgesundheit, deren Erhalt und die Wiederherstellung eine wichtige Rolle. Um dieses Themengebiet näher zu beleuchten haben wir Annett Horn und Elmar Ludwig interviewt.

Buchcover von Mundgesundheit in der Pflege

Annett Horn/Elmar Ludwig (Hrsg.)
Mundgesundheit in der Pflege
Grundlagen und interdisziplinäre Praxis auf Basis des Expertenstandards 

2025. 220 Seiten 
€ 36,–
ISBN 978-3-17-043042-6

Liebe Frau Horn, lieber Herr Ludwig, herzlichen Glückwunsch zum Erscheinen des Buches „Mundgesundheit in der Pflege – Grundlagen und interdisziplinäre Praxis auf Basis des Expertenstandards“. 

EL & AH: Herzlichen Dank Ihnen, Frau Pomiersky, und dem gesamten Team des Kohlhammer-Verlages für die Koordinierung des Prozesses und konstruktive fachliche Begleitung – mit über 40 Autor*innen war das nicht trivial.

Frau Horn, Herr Ludwig, woran haben Sie die Notwendigkeit dieses Buches erkannt?

Portaitbild der Herausgeberin Annett Horn
Frau Annett Horn

AH: Wir haben uns während der Arbeit am Expertenstandard „Förderung der Mundgesundheit in der Pflege“ kennengelernt, weil wir beide Mitglied in der Expertengruppe waren. Wie allen Beteiligten der Expertengruppe, war es Elmar und mir sehr wichtig, dass das Thema mehr Aufmerksamkeit erhält. Immer wieder hatten und haben wir in ganz unterschiedlichen Situationen gehört, dass das Thema Mundgesundheit viel zu wenig beachtet, und in der Pflege eher als „Stiefkind“ wahrgenommen wird. Das muss sich ändern, vor allem, weil heute pflegebedürftige Menschen viel mehr eigene Zähne haben oder technisch komplizierten Zahnersatz, zunehmend abgestützt auf Implantaten, im Mund tragen. 

EL: Auch in der zahnmedizinischen Betreuung sehen wir noch viel Luft nach oben – vor allem bei den Menschen, die Zuhause gepflegt werden. Deshalb haben wir entschieden, dass wir zusätzlich zu unseren zahlreichen Aktivitäten – wie Vorträge, Workshops und Weiterbildungen – einerseits wichtige ergänzende Informationen zu dem vorliegenden Expertenstandard und andererseits bisherige Erfahrungen in der Umsetzung des Expertenstandards schriftlich dokumentieren. Mit dem Buch wollen wir so weiter Mut machen und zeigen, dass es möglich ist und geht.

Immer mehr Menschen mit Pflegebedarf haben Probleme mit der Mundgesundheit, welche auch mit anderen Allgemeinerkrankungen in Verbindung stehen kann. Was raten Sie Angehörigen, worauf sollten diese achten und wann ist es Zeit sich professionelle Unterstützung zu holen?

AH: Angehörige sollten zunächst einmal wissen, welche Routinen oder Gewohnheiten der zu pflegende Mensch bei der Mundhygiene hat, zu welchem Zahnarzt bzw. zu welcher Zahnärztin die Person geht und wie oft, ob er/sie Zahnprothesen hat und wie er/sie diese reinigt. Das erleichtert auf alle Fälle die Kommunikation mit den professionellen Akteuren und natürlich auch die Situation für die Angehörigen selbst, wenn es darum geht, bei der Mundpflege zu unterstützen oder diese zu übernehmen. 

Mittlerweile gibt es gute Beratungsmaterialien und Videos, die zeigen, wie die Mundpflege im Sitzen oder auch im Liegen sicher durchgeführt werden kann. Diese Informationen sollen auch Angehörige ermutigen, im Bedarfsfall bei der Mundpflege zu unterstützen. Aufgrund der sehr unterschiedlichen individuellen Bedarfslagen ist es sinnvoll, sich bereits ab Beginn zunehmender Hilfe- oder Pflegebedürftigkeit an professionell Helfende zu wenden und sich von ihnen aufklären und beraten zu lassen.

Portaitbild des Herausgebers Herr Elmar Ludwig
Herr Elmar Ludwig

EL: Angehörige sollten darauf achten, dass jährliche, besser halbjährliche zahnärztliche Kontrollen erfolgen und die tägliche Mundhygiene durchgeführt wird. Wenn Zahnpasta nicht zur Neige geht oder die Zahnbürste immer wie neu aussieht, dann stimmt etwas nicht.

Darüber hinaus sollte auf jeden Fall professionelle Unterstützung in Anspruch genommen werden, wenn ein zu pflegender Mensch Schmerzen im Mundbereich signalisiert, Schwellungen bzw. Blutungen auffallen oder wenn Prothesen nicht mehr gut halten bzw. nicht mehr im Mund getragen werden. Auch hier sind, neben den Profis aus der Pflege, der Hauszahnarzt bzw. die Hauszahnärztin erste Ansprechpersonen.

Und zu den Allgemeinerkrankungen: Gute Mundgesundheit kann helfen, Lungenentzündungen zu vermeiden. Gute Mundgesundheit kann zudem u. a. Diabetes, Rheuma, Gefäßerkrankungen bzw. dem kognitiven Abbau vorbeugen oder deren Voranschreiten verlangsamen. Kurz gesagt: Wenn gut und schmerzfrei kauen kann, bleibt länger fit – körperlich und geistig.

Warum haben vor allem Menschen mit pflegerischem Unterstützungsbedarf, die Zuhause leben, häufig noch nicht ausreichend Zugang zu einer professionellen Unterstützung bei der Förderung der Mundgesundheit?

AH: Zu Beginn der Pflegebedürftigkeit gilt es so viele Fragen zu klären, dass erfahrungsgemäß die Mundgesundheit ins Hintertreffen gerät und zahnärztliche Kontrolltermine nicht (mehr) wahrgenommen werden.

EL: Umgekehrt haken nicht alle Zahnarztpraxen automatisch nach, wenn Patient*innen länger nicht mehr da waren. Zudem lernen Studierende der Zahnmedizin mögliche Strategien zur aufsuchenden Zahnmedizin an den meisten Universitäten bis heute nicht kennen, da Hausbesuche nicht zu den Aufgaben der Universitäten gehören.

Dabei gibt es auch für Zuhause lebende Menschen mit Unterstützungsbedarf seit 2018 Leistungen zur Förderung der Mundgesundheit, die die Krankenkassen bezahlen und 2021 sind nochmals Leistungen für notwendige Zahnfleischbehandlungen hinzugekommen. Aber alle diese Angebote sind den Betroffenen, ihren Angehörigen und selbst in der Pflege, Hausärzt*innen und leider auch vielen Zahnärzt*innen nicht oder viel zu wenig bekannt.

AH: Dies alles sind übrigens weitere maßgebliche Gründe, warum wir dieses Buch gemeinsam mit den vielen großartigen Autor*innen verfasst haben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Wo sehen Sie noch weitergehenden Bedarf an konkreter Unterstützung bei der praktischen Förderung der Mundgesundheit bei Menschen mit Pflegebedarf?

AH: Der Bedarf an Aufklärung und Information zu dem Thema ist nach wie vor groß. Mir berichten immer wieder Pflegefachpersonen, die sich für das Thema interessieren, dass sie es mit Kolleginnen oder Kollegen zu tun haben, die die Mundpflege bei Patient*innen kaum durchführen oder wenn sie es tun, mit unangemessenen Materialien oder Substanzen. 

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass das Thema schon in der Pflegeausbildung viel mehr Aufmerksamkeit erhält, aber auch, dass sich schon gestandene und erfahrende Pflegende stärker damit auseinandersetzen, damit die Mundpflege nicht mehr als „add on“ wahrgenommen wird.

EL: Auch ich wünsche mir für die Zahnmedizin schon im Studium eine deutlich stärkere Sensibilisierung für dieses Thema. In meinen Augen ist es häufig schlicht die Unsicherheit und die Angst etwas falsch zu machen, warum sich viele Zahnärzt*innen der Betreuung von Menschen mit Unterstützungsbedarf bis heute eher zurückhaltend zeigen. Dabei kann man meist mit einfachen Maßnahmen so viel Gutes tun. Und es ist doch wichtig, dass wir die Mundgesundheit der Menschen nicht nur über regelmäßige professionelle Zahnreinigungen erhalten und fördern, solange diese Menschen zu uns in die Praxis kommen, sondern dass wir auch aufsuchend Angebote machen, wenn die Menschen nicht mehr in die Praxis kommen können.

AH: Schon seit vielen Jahren hören wir immer wieder: „Die Pflegekräfte putzen nicht!“ oder „Der Zahnarzt macht keinen Hausbesuch!“ und „Da muss mal jemand was machen!“ Jetzt haben wir den Expertenstandard mit interprofessionell entwickelten Handlungsempfehlungen. Wir haben heute Konzepte sowohl für die Zahnmedizin als auch für die Pflege, die es jetzt umzusetzen gilt.

EL: Für die Zahnmedizin haben wir heute, wie schon gesagt, eine Vielzahl an Leistungen, die die Krankenkassen bezahlen. Aber bei der Profession der Pflege wird der Mehraufwand, der heute im Vergleich zu früher bei der Beratung der Betroffenen und ihres Betreuungsumfelds, bei der Kooperation mit den Zahnärzt*innen und auch für die Mundpflegemaßnahmen selbst zweifelsfrei besteht, nicht adäquat honoriert. Das muss sich ändern!

Frau Horn, Herr Ludwig, herzlichen Dank für Ihr Engagement und die Zeit, die in dieses umfassende und praxisnahe Werk eingeflossen sind.