Pflege ist weit mehr als Fachwissen
Im Gespräch mit Friedhelm Henke
Friedhelm Henke ist Gesundheits- und Krankenpfleger und als Lehrer für Pflegeberufe in der Aus-, Fort- und Weiterbildung tätig. Sein erstes Buch „Alternative Pflegemaßnahmen“ veröffentlichte er im Jahr 1999 im Kohlhammer Verlag. Seither folgten rund 30 Werke unter seiner Autorenschaft zur Ausbildung und Praxis in der Pflege. Im Gespräch erzählt er, worauf es ihm bei seinen Büchern ankommt.
Lieber Herr Henke, seit mehr als 25 Jahren sind Sie nun Autor bei Kohlhammer und schaffen es immer wieder Werke vorzulegen, die am Puls der Zeit sind und die aktuellen Generationen von Auszubildenden und Praktikern erreichen. Wie gelingt es Ihnen am Ball zu bleiben?
Das gelingt mir vor allem, weil ich nie nur vom Schreibtisch aus schreibe. In der Pflegebildung, im Unterricht und bei Praxisbegleitungen erlebe ich unmittelbar, welche Fragen Auszubildende, Lehrende und Praxisanleitende beschäftigen und wo Orientierung, Struktur und Unterstützung gebraucht werden.
Pflege ist anspruchsvoll und verändert sich ständig: durch gesetzliche Vorgaben, fachliche Entwicklungen, neue Versorgungsformen und neue Generationen von Lernenden. Gerade deshalb braucht es gut strukturierte, überschaubare Arbeitshilfen, die Inhalte ordnen, Transparenz schaffen und im Alltag weiterhelfen. Mir ist wichtig, Wesentliches klar herauszuarbeiten: Was wird erwartet? Wie hängen Inhalte zusammen? Wo wird Unterstützung benötigt?
Wenn man genau hinhört, merkt man schnell, wo Lernende Sicherheit brauchen. Mein Anliegen ist es, diese Unterstützung in einer verständlichen, klaren und fachlich tragfähigen Sprache anzubieten.
Was hat Ihren eigenen beruflichen Werdegang geprägt, warum haben Sie sich für die Lehre entschieden und sind bei dieser geblieben?
Geprägt hat mich besonders mein Zivildienst 1989 in einem Seniorenheim und die ganzheitliche Ausrichtung der Pflege. Pflege nimmt den Menschen nicht nur über Krankheit oder einzelne Pflegesituationen wahr, sondern in seiner ganzen Lebenswirklichkeit: mit Körper, Geist, Seele, Biografie, Beziehungen und Umfeld.
Dieser umfassende Blick macht Pflege für mich wertvoll und anspruchsvoll. Zugleich stellt er hohe Anforderungen: Wie gelingt Pflegequalität auch unter Zeitdruck? Und wie können Auszubildende in begrenzter Ausbildungszeit die nötigen Kompetenzen erwerben?
Auch persönliche Erfahrungen haben mich geprägt. Der plötzliche Verlust meiner Schwester hat mir 1976, als damals Achtjährigem, schmerzhaft gezeigt, wie wichtig Würde, Menschlichkeit, Sprache und Beistand gerade in Grenzsituationen sind. Später bewegten mich viele Begegnungen mit einsamen, verzweifelten, enttäuschten und traurigen Menschen, denen Halt, Beziehung oder Hoffnung fehlten. Gleichzeitig erlebe ich seit der Zeit als Zivi bis heute, wie Pflege- und Betreuungskräfte durch Zuwendung, Geduld, fachliche Aufmerksamkeit und menschliche Nähe dagegen anarbeiten und damit Lebensfreude und Zuversicht ermöglichen.
Diese Erfahrungen haben meinen beruflichen Weg beeinflusst. Pflege braucht Fachwissen, aber auch Wahrnehmungsfähigkeit, Kommunikation, Verantwortungsbereitschaft und die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen. Für die Lehre habe ich mich entschieden, weil ich gerne Zusammenhänge erkläre und junge Menschen dabei begleite, diese Kompetenzen Schritt für Schritt zu entwickeln.
Geblieben bin ich bei der Lehre, weil sie nie gleichbleibt. Es ist etwas Besonderes, wenn Auszubildende Sicherheit gewinnen, fachlich wachsen und ihre Haltung entwickeln. Jede Klasse, jede Lerngruppe und jede Generation bringen neue Fragen mit. Das hält lebendig und macht mir Freude.
Auch als Lehrer für Pflegeberufe blicken Sie auf fast 30 Jahre Erfahrung zurück. Welche Veränderungen beobachten Sie seither? Wie hat sich die Schülerschaft seitdem verändert, müssen Sie diesen anders begegnen als noch der Schülerschaft vor einigen Jahren? Wie haben sich Unterricht und Lernen verändert?
Die Pflegeausbildung ist deutlich komplexer und stärker kompetenzorientiert geworden. Es geht nicht mehr nur darum, Fachwissen zu vermitteln. Auszubildende müssen Situationen einschätzen, Entscheidungen begründen, mit Unsicherheit umgehen und professionell kommunizieren lernen.
Auch die Schülerschaft ist vielfältiger geworden: mit unterschiedlichen Bildungsbiografien, sprachlichen Voraussetzungen und Lebenserfahrungen. Das ist eine Chance, verlangt aber, Inhalte klarer, strukturierter und sprachlich zugänglicher aufzubereiten.
Geblieben ist, dass Lernende eigene Lern- und Lebenserfahrungen machen müssen und dürfen. Je älter ich werde, desto stärker merke ich allerdings den Wunsch, jungen Menschen manche Umwege, Fehlentscheidungen oder Schwierigkeiten zu ersparen. Gute, klar strukturierte Arbeitshilfen nehmen ihnen die Entwicklung nicht ab, geben aber Halt, Orientierung und Sicherheit.
Systematik und Transparenz sind mir deshalb besonders wichtig. Lernende sollen wissen, wo sie stehen, worauf es ankommt und welche nächsten Schritte sinnvoll sind. Digitale Medien, kurze Lernimpulse, Visualisierungen und fallbezogenes Arbeiten spielen heute eine größere Rolle. Gleichzeitig bleibt: Lernen braucht Beziehung, Ermutigung, Wiederholung und eine verständliche Sprache.
Was sind Ihrer Meinung nach aktuell die größten Herausforderungen, denen sich junge Pflegekräfte im Berufsalltag stellen müssen?
Junge Pflegekräfte treffen heute früh auf hohe Verantwortung: komplexe Pflegesituationen, Zeitdruck, Personalmangel, Dokumentationsanforderungen und belastende menschliche Situationen mit Krankheit, Sterben, Angehörigenkonflikten oder ethischen Fragen.
Hinzu kommt das weiterhin defizitäre Image der Pflegeberufe. Pflege leistet enorm viel, wird gesellschaftlich aber nicht immer entsprechend wahrgenommen und vertreten. Es fehlt häufig noch an einer starken Lobby und an öffentlicher Anerkennung, die der tatsächlichen Verantwortung dieses Berufes entspricht.
Sorgen bereitet mir auch ein Wertewandel, bei dem tragende Sinn-, Werte- und Glaubensbezüge für viele Menschen weniger selbstverständlich geworden sind. Ich möchte niemandem etwas vorschreiben, erlebe aber, wie wichtig innerer Halt, Hoffnung, Beziehung und Sorge füreinander sind. Pflege lebt davon, dass Menschen einander nicht gleichgültig sind. Besonders am Lebensende können Pflege und Betreuung dazu beitragen, dass Menschen nicht allein bleiben, Halt finden, zurückblicken, manches ordnen und – soweit möglich – inneren Frieden finden. Das berührt auch Konzepte etwa von Erikson oder Kübler-Ross. Gute Pflege meint nicht nur Versorgung, sondern Würde, Beziehung, Annahme und Beistand; auch der Glaube kann eine Kraftquelle sein, ohne aufgedrängt zu werden.
Zugleich verändert sich das Berufsbild erfreulicherweise in Richtung größerer fachlicher Verantwortung, mehr Entscheidungskompetenz und professioneller Eigenständigkeit. Diese Entwicklung muss im Alltag ankommen und darf nicht nur die Pflegekräfte betreffen, sondern auch die Menschen, die Pflege benötigen. Hohe Pflegequalität muss menschengerecht sein, die Würde der Pflegeempfängerinnen und Pflegeempfänger achten und Pflegefachpersonen in ihrer Professionalität stärken.
Junge Pflegekräfte brauchen deshalb Wissen, Orientierung, Rückhalt und gute Anleitung. Sie müssen lernen, professionell zu handeln, Fragen zu stellen, Verantwortung zu übernehmen und zugleich die eigenen Grenzen wahrzunehmen.
Mit Ihren zwei neuen Lehrbüchern „Pflegewissen in Stichpunkten“ und „Krankheitslehre in Stichpunkten“ haben Sie zwei neue große Lehrwerke für die Ausbildung geschaffen. Was hat Sie motiviert diese Bücher zu schreiben? Was wollen Sie mit diesen bewirken?
Motiviert hat mich die Erfahrung, dass viele Auszubildende sehr lernbereit sind, in der großen Stofffülle der Pflegeausbildung aber schnell den Überblick verlieren. Häufig ist schwer erkennbar, welche Inhalte wirklich relevant sind, wie sie zusammenhängen und worauf es in Unterricht, Praxis und Prüfung ankommt.
Mit den beiden Büchern wollte ich eine strukturierte Lernhilfe schaffen, die Orientierung gibt und vor Verzettelung schützt. Die Stichpunktform hilft, zentrale Inhalte rasch zu erfassen, zu ordnen und gezielt zu wiederholen. Mir war wichtig, fachliche Tiefe zu erhalten und die Inhalte zugleich klar, übersichtlich und gut nutzbar aufzubereiten.
Genau das sollen die Bücher leisten: Sicherheit geben, den Überblick erleichtern und Pflegewissen Schritt für Schritt aufbauen. Gute Lernhilfen schaffen Transparenz, zeigen bedeutsame Inhalte und Begriffe und ordnen Einzelthemen in größere Zusammenhänge ein. Damit möchte ich Lernende stärken – nicht durch noch mehr Stoff, sondern durch eine klare Struktur, die Lernen erleichtert.
Mit Ihrer neuen Reihe „Pflege verstehen | Wissen in einfacher Sprache“ verfolgen Sie das Ziel das Prüfungs- und Praxiswissen für alle leicht verständlich verfügbar zu machen. Wieso ist Ihnen das ein Anliegen?
Pflegewissen darf nicht an Sprache scheitern. Viele Lernende bringen Motivation und praktische Stärke mit, haben aber Schwierigkeiten mit komplizierten Fachtexten. Das betrifft nicht nur Menschen mit anderer Erstsprache, sondern auch Auszubildende, die allgemein von klarer, einfacher und gut strukturierter Sprache profitieren.
Einfache Sprache bedeutet für mich nicht, Inhalte zu banalisieren, sondern den Zugang zu erleichtern. Wer etwas versteht, kann es besser anwenden, begründen und sicherer handeln. Gerade in der Pflege ist Verständlichkeit deshalb auch eine Frage von Qualität und Bildungsgerechtigkeit.
Mit der Reihe möchte ich Prüfungs- und Praxiswissen so aufbereiten, dass möglichst viele Lernende einen guten Zugang finden. Texte sollen erklären, ordnen und ermutigen. Letztlich geht es auch hier um Pflegequalität: Verständliches Wissen stärkt Pflegefachpersonen – und davon profitieren auch die Menschen, die gepflegt, begleitet und unterstützt werden.
Sie haben bereits zahlreiche Werke veröffentlicht, die sich vor allem an Auszubildende und auch an Praktiker richten. Mal geht es um Formulierungshilfen zur Dokumentation, mal um praktische Themen wie Fixierungen, mal um Ausbildungsnachweise oder um das Erlernen des Prüfungswissens. Haben Sie unter all den Titeln einen Liebling oder ein Lieblingsthema?
Ein bestimmtes Lieblingsbuch oder ein einzelnes Lieblingsthema habe ich nicht. Jedes meiner Fachbücher ist auf seine Weise etwas Besonderes, weil es aus einer konkreten fachlichen Notwendigkeit entstanden ist und bis heute eigene Bedeutung hat.
Besonders bleibt natürlich mein erstes Buch. Meine damalige Lektorin, Frau Sabine Mann, machte mir nach einem Fachartikel in einer Pflegezeitschrift Mut, überhaupt ein Buch zu schreiben. Der Artikel beruhte auf einem Auszug aus meiner Sachanalyse zu einer meiner ersten Unterrichtseinheiten zum Thema „Wickel und Auflagen“. So entstand der Kontakt zum Verlag.
Das erste Manuskript tippte ich noch auf einer elektrischen Schreibmaschine und fand mich damals schon „ultramodern“. Eine E-Mail-Adresse kam erst später. Das Manuskript ging also nicht als Datei, sondern ganz handfest als Päckchen an den Verlag. Im Rückblick hatte das fast etwas Haptisches und Feierliches; heute schickt man mit wenigen Klicks mehrere hundert Seiten durch den digitalen Äther.
Frau Mann bin ich bis heute dankbar. Sie hat mir Mut gemacht – diesen Mut möchte ich auch jungen Lernenden weitergeben: sich etwas zuzutrauen, fachlich zu wachsen und den eigenen Weg zu gehen. Dankbar bin ich ebenso allen Lektorinnen und Lektoren sowie der Verlagsleitung, die meine Arbeit über die Jahre mit Vertrauen, fachlicher Begleitung und wertvoller Unterstützung möglich gemacht haben.
Gerade am Anfang wurde meine Autorentätigkeit nicht von allen sofort verstanden und gelegentlich als Selbstdarstellung missdeutet. Natürlich freut man sich über jedes Buch, wenn man es nach viel Arbeit in der Hand hält. Mir geht es aber um fachlich brauchbare, gut strukturierte Hilfen, die Lernenden, Lehrenden und Praktikerinnen und Praktikern wirklich nützen. Bescheidenheit ist mir wichtig – gerade vor dem Hintergrund mangelnder Bildungs- und gesellschaftlicher Gerechtigkeit. Meine Fachbücher sollen Zugänge eröffnen, Orientierung geben und Wissen verständlich und nutzbar machen.
Gute Fachbücher entstehen nie ganz allein. Sie brauchen fachliche Erfahrung und Menschen, die ermutigen, kritisch mitdenken und Entwicklungen möglich machen.
Besonders wichtig ist mir, dass Pflege weit mehr ist als Fachwissen. Pflege braucht Wissen, Menschlichkeit, Verantwortungsbereitschaft und manchmal auch Mut: genau hinzusehen, Fragen zu stellen, für pflegebedürftige Menschen einzustehen und schwierige Situationen nicht vorschnell zu übergehen. Dieser Gedanke klingt in meinen Fachbüchern immer wieder mit: Pflege fachlich verständlich zu machen und zugleich ihre menschliche und ethische Dimension im Blick zu behalten.
Wenn Pflege ihre fachliche Stärke und menschliche Bedeutung selbstbewusst zeigt, kann das helfen, ihr gesellschaftliches Bild zurechtzurücken. Pflege verdient Anerkennung als anspruchsvoller und verantwortungsvoller Beruf, der Lebenssinn stiften kann – für die Menschen, die Pflege erhalten, und für die Menschen, die Pflege leisten.
Wir bedanken uns herzlich bei Herrn Henke für dieses Gespräch! Die Redaktion des Pflege-Lektorats.

Friedhelm Henke
Pflegewissen in Stichpunkten
Kompakte Lernhilfen für Klausuren,
Prüfungen und Examen gemäß PflAPrV
2026. 579 Seiten. Kart.
€ 49,–
ISBN 978-3-17-044862-9

Friedhelm Henke
Krankheitslehre in Stichpunkten
Kompakte Lernhilfen für Klausuren,
Prüfungen und Examen in der Pflege
2026. 495 Seiten Kart.
€ 49,–
ISBN 978-3-17-047071-2

Friedhelm Henke
Pflege verstehen | Wissen in einfacher Sprache
Reihennummer 2405