Die Funktioniererin
Ein Interview mit der Autorin Nilima Chowdhury

Nilima Chowdhury
Die Funktioniererin
Wie aus einem Ideal ein innerer Anspruch wird und wie Veränderung möglich ist
2026. 156 Seiten
€ 22,–
ISBN 978-3-17-047743-8
Ihr Buch heißt die „Funktioniererin“ und diese Figur steht auch im Mittelpunkt des Buches. Was verstehen Sie darunter und warum erkennen sich vermutlich so viele Frauen in ihr wieder?

Die „Funktioniererin“ ist ein kulturelles Ideal, das uns etwas darüber sagt, wie Frauen in unserer Gegenwartsgesellschaft „zu sein“ haben – wie sie mit Schwierigkeiten (auch Sexismus, z. B. am Arbeitsplatz) umgehen, welche psychischen Qualitäten sie mitbringen sollen. Dieses Bild der alles perfekt meisternden Frau, die Karriere, Fitnessroutine und Familie reibungslos unter einen Hut bringt, begegnet uns allerorten: in TV-Serien, Karriereratgebern, Frauenzeitschriften, den sozialen Medien. Dadurch verinnerlichen wir diese Erwartungen irgendwann – manche mehr, manche weniger. In meinem Buch zeige ich auf, dass das Funktionieren eine Copingstrategie ist, die es Frauen erlaubt, gerade in männerdominierten Umgebungen „mitspielen" zu dürfen. Deshalb kommen die meisten Frauen nicht darum herum, immer wieder zu Funktioniererinnen zu werden. Mit all dem psychischen Ballast, den das mit sich bringt.
Was hat Sie dazu bewogen, die psychischen Belastungen von Frauen in der Arbeitswelt zum Gegenstand Ihrer Forschung und in der Folge zum Thema des Buches zu machen?
Der Auslöser war meine Teilnahme bei The Voice of Germany 2013. Ich wollte damals zunächst einmal meine eigene Erfahrung besser verstehen – zum Beispiel warum ich sexistische Bemerkungen weggelächelt habe, statt mich zu wehren, oder warum ich mich oft wie eine Ware, die auf dem Markt feilgeboten wird, gefühlt habe. Auf den ersten Blick erscheint die Unterhaltungsbranche vielleicht wie ein ganz eigener Kosmos, der nichts mit der „normalen“ Arbeitswelt zu tun hat, aber eben nur auf den ersten Blick. Denn sie ist von derselben kulturellen Logik durchdrungen wie eine Anwaltskanzlei, ein Forschungsinstitut oder ein Softwareunternehmen: Flexibel sollen wir sein, resilient, positiv und selbstbewusst – und eine überzeugende „Marke Ich“ entwickeln. Diese Logik wollte ich sichtbar machen, denn sie erzeugt viel Druck; gleichzeitig fühlt sie sich für viele Frauen wie etwas Ureigenes an. Das macht es so schwierig, Veränderung herbeizuführen.
Im Buch zeigen Sie an zahlreichen Beispielen sehr unterschiedliche Lebens- und Arbeitsrealitäten. Welche strukturellen Ungleichheiten und sozialen Erwartungen machen Frauen im Berufsalltag besonders zu schaffen?
Die meisten Organisationen sind immer noch von der „männlichen Norm“ geprägt. Mit Männern assoziierte Eigenschaften wie Rationalität oder Selbstkontrolle und die traditionelle Lebensrealität von Männern (Vollzeitjob, keine Care-Verantwortung) gelten nach wie vor als normal und erstrebenswert. Frauen fallen also quasi automatisch aus dem Raster und sollen sich dem anpassen, zum Beispiel indem sie dafür sorgen, dass eine Mutterschaft ihnen beruflich nicht in die Quere kommt, oder durch die Zurschaustellung und Kultivierung „männlicher“ Merkmale („sich ein dickes Fell zulegen“). Damit einher gehen auch häufig Gefühle der Nichtzugehörigkeit oder der Unzulänglichkeit, die Frauen wiederum unter Druck setzen, ihren Wert ständig unter Beweis zu stellen – häufig bis zur Erschöpfung.
Ihr Buch beleuchtet nicht nur Probleme, sondern soll auch zum Umdenken anregen: Was können Leserinnen aus der Lektüre für ihren eigenen Umgang mit Leistungsdruck, Anpassung und mentaler Gesundheit mitnehmen?
Ja, es war mir sehr wichtig, auch Lösungswege aufzuzeigen. Ich glaube, dass die Erkenntnis, dass die Funktioniererin ein kulturelles Ideal ist, das den Status quo aufrechterhält, an sich schon befreiend wirken kann. Dass es sich nicht um die „weibliche Natur“ handelt, sondern um etwas Erlerntes – was dementsprechend auch wieder verlernt werden kann! Der erste Schritt hin zu einem psychisch nachhaltigeren Selbst ist sicherlich die Selbstreflexion: In welchen Situationen springt bei mir typischerweise die Funktioniererin an? Welche Bedürfnisse, Stimmen, eigenen Grenzen kommen dadurch zu kurz? Gleichzeitig müssen jedoch unbedingt auch Unternehmen in die Pflicht genommen werden, denn sie schaffen die Voraussetzungen dafür, ob Frauen ständig nur funktionieren müssen – oder eben nicht. Und auch das können Frauen ja aktiv mitbeeinflussen, gerade wenn sie in Führungspositionen sind.
Welche Fragen, Perspektiven oder Themen würden Sie in einer erweiterten Fassung gern noch vertiefen, die im Buch bislang zu kurz kommen?
In dem Buch liegt der Fokus ganz klar auf Frauen und das ist auch gut so. In einer erweiterten Fassung würde ich mich jedoch gern ausführlicher mit den Männern beschäftigen. Wie können wir sie als Verbündete gewinnen, um inklusivere Arbeitsumgebungen zu kreieren? Gibt es auch den „Funktionierer“? Inwiefern müssen wir neue Männlichkeitsideale entwickeln, um die Funktioniererin abzuschaffen, und wo und wie werden diese bereits gelebt?
Die Autorin geht mit ihrem Buch auf musikalische Lesereise:
Die Abende wechseln dynamisch zwischen pointierten Textpassagen, wissenschaftlichen Impulsen und eigenen Songs der Autorin (Gesang, Gitarre, Klavier). Begleitet von Violine und Kontrabass verwebt Nilima Chowdhury Musik und Lesung – und verknüpft so kritische Gesellschaftsanalyse mit poetischer Innenschau.
Im Anschluss an die Lesung gibt es Zeit für Fragen sowie die Möglichkeit, das Buch zu erwerben und signieren zu lassen.
Die erste Station ist am Dienstag, 27.10.2026, im Alten Roten Löwen, Berlin. Kostenlos registrieren für den Abend können Sie sich hier: