Soziale Kognition und Interaktion – Ein Interview mit Anne Böckler-Raettig über die Psychologie des Miteinanders
Wie gelingt es, andere zu verstehen – und was passiert dabei in Kopf und Herz?
In ihrem Lehrbuch „Soziale Kognition und Interaktion“ verbindet Prof. Anne Böckler-Raettig, Psychologin an der Universität Würzburg, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse mit einem staunenden Blick auf das Zwischenmenschliche. Im Interview spricht sie über Empathie als Forschungsprinzip, die Bedeutung nonverbaler Signale und die Frage, warum Vertrauen und Mitgefühl zentrale Grundlagen unseres Zusammenlebens sind.

Anne Böckler-Raettig
Soziale Kognition und Interaktion
Ein Lehrbuch
2024. 230 Seiten
€ 39,–
ISBN 978-3-17-043220-8
1. Ihr Buch beginnt mit Rosa Luxemburgs Satz „Man kann die Menschen nur verstehen, wenn man sie liebt.“ Welche Rolle spielt Empathie oder Zuneigung für wissenschaftliches Verstehen in der Psychologie?

Wir bedienen gesellschaftlich und politisch häufig das Narrativ, dass Menschen im Grunde „schlecht“ sind – egoistisch, feige, unehrlich. Dieses Menschenbild, das auch in Literatur und Kunst oft gezeichnet wird, war einige Zeit dominant in der psychologischen Forschung. Menschen sind aber weitaus vielschichtiger; in ihnen sind beispielsweise nicht nur eigennütziges, sondern auch kooperatives und hilfsbereites Verhalten tief verwurzelt.
Wenn wir wirkliche Einsichten in das Wesen des Menschen gewinnen wollen, sei es im alltäglichen Miteinander oder in der Wissenschaft, müssen wir uns bewusst sein, dass unsere Erwartungen und unsere Haltung einen Einfluss auf unsere Beobachtungen und Erfahrungen haben. So wie unser soziales Miteinander freudvoller wird, wenn wir einander nicht mit Misstrauen begegnen, kommt die Forschung einem aufgeklärten Menschenbild nur dann näher, wenn ihre Methoden und Theorien nicht einseitig auf das Aufspüren moralischer Mängel ausgerichtet sind. Bei beidem hilft ein klarer, neugieriger, zugewandter Blick.
2. Das Buch integriert Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft, Soziologie und Verhaltensökonomie. Warum ist interdisziplinäres Denken für die Forschung zu sozialer Kognition heute so wichtig?
Um zu verstehen, wie Menschen ihr Zusammenleben gestalten, weshalb sie gemeinsam beeindruckende Kulturgüter erschaffen oder über Generationen blutige Konflikte austragen, braucht es viele Blickwinkel. Die Psychologie schaut besonders auf menschliches Erleben und Verhalten: Wann löst beobachtetes Leid beispielsweise Empathie aus – und wann Schadenfreude oder gar Neid? Auf welcher Basis beurteilen wir andere Menschen und wie koordinieren wir unsere Handlungen miteinander, sei es beim Musizieren oder beim Sport?
Neurowissenschaftliche Zugänge erlauben, zugrunde liegende Prozesse besser zu verstehen – funktioniert das Sich-Einfühlen und Sich-Eindenken in andere Lebewesen beispielsweise unterschiedlich? Wodurch – und bei wem – können diese Funktionen beeinträchtigt sein?
Verhaltensbiologische Studien an Tieren sowie mikroökonomische Erkenntnisse zeigen schließlich eindrucksvoll, wie vielseitig die Herausforderungen des Gruppenlebens gelöst werden können.
3. Sie betonen die Bedeutung von Blicken, Gesichtern und Körperbewegungen als Schlüssel zur sozialen Wahrnehmung. Was verraten diese nonverbalen Signale über uns – und wie bewusst nutzen wir sie im Alltag?
Menschen sind unglaublich gut darin, soziale Signale zu erkennen, sei es Blickkontakt, Emotionsausdrücke im Gesicht, Handlungsabsichten in Tonfall oder Körperhaltung – das legen zumindest zahlreiche Studien nahe.
Doch auch hier hat sich in den letzten Jahren ein spannenderes und komplexeres Bild ergeben: Weil die Verarbeitung sozialer Information nicht mehr ausschließlich isoliert im Labor untersucht wird, zeigt sich, dass soziale Reize auf vielfältige Weise zusammenwirken und dass der Kontext dabei eine entscheidende Rolle spielt. Ein und derselbe Blick, Gesichtsausdruck, Tonfall oder Gang kann je nach Situation vollkommen unterschiedliche Bedeutungen haben. Wir fangen gerade erst an zu verstehen, wie flexibel Menschen im Miteinander des tatsächlichen, wirren, dynamischen Alltags diese sozialen Signale verstehen und nutzen.
4. Im Buch zieht sich ein roter Faden: dass wir Menschen auf Kooperation, Perspektivübernahme und Mitgefühl angewiesen sind. Welche Einsichten aus der Forschung halten Sie für besonders relevant für das Leben außerhalb der Universität – im Alltag, in Gesellschaft oder Beruf?
Andere Menschen können uns sehr glücklich oder uns das Leben zur Hölle machen. Im Beruf, im Alltag und als Gesellschaft sind wir dafür verantwortlich, mit anderen Menschen umzugehen, auch mit solchen, die sich von uns unterscheiden, sei es in Hautfarbe oder Haltung. Das gelingt nicht ohne ein Minimum an Vertrauen und Verständnis.
Eine Erkenntnis, die ich wichtig finde: Wir können uns in anderen täuschen, unser erster Eindruck ist seltener richtig als wir glauben. Die Frage „Welche guten Gründe hat mein Gegenüber für ihr Verhalten?“ erweitert unseren Horizont und die Möglichkeiten des Miteinanders.
Und ja: Wenn ich anderen vertraue, kann ich ausgenutzt werden. Aber wenn ich anderen nicht vertraue, beraube ich mich einer der wichtigsten Quellen für ein glückliches, gesundes, langes Leben – sozialer Verbundenheit.
5. Sie widmen das Buch „allen, die nicht müde werden, das Zauberhafte im Zwischenmenschlichen zu suchen“. Was wünschen Sie sich, dass Leser*innen – ob Studierende oder Neugierige – nach der Lektüre mitnehmen?
Das menschliche Miteinander ist so reichhaltig und unglaublich und es gibt so viele spannende Erkenntnisse (inklusive erheiternder Erkenntniswege). Daran möchte ich die Leser*innen teilhaben lassen. Natürlich muss man bei wissenschaftlich fundierter Lektüre manchmal Ambivalenzen aushalten, aber wenn auf Irrtümer oder Widersprüchlichkeiten bessere Erklärungen und Theorien folgen, ist das eine Freude, die man hoffentlich auch beim Lesen spürt.