Zwischen Nestwärme und Loslassen – über die wahre Kunst des Elternseins
Ein Interview mit Julia Schuchardt und Julia Hinrichs über ihr Buch „Die Flügelwerkstatt“ und darüber, was Kinder stark macht.

Julia Schuchardt/Julia Hinrichs
Die Flügelwerkstatt
Nestwärme schenken, Autonomie ermöglichen - wie unsere eigenen Lebensfallen nicht zu denen unserer Kinder werden
2025. 250 Seiten
€ 22,–
ISBN 978-3-17-045837-6
Frau Schuchardt, Frau Hinrichs, Sie sprechen von der Eltern-Kind-Beziehung als „Werkstatt für das ganze Leben“. Was genau macht diese Beziehung so entscheidend für die psychische Gesundheit von Kindern?

Wir würden es sogar noch größer sehen: Die Eltern-Kind-Beziehung ist nicht nur entscheidend für die psychische Gesundheit von Kindern, sondern für das psychologische Wohlbefinden im gesamten Verlauf des Lebens. Das Fundament für psychische Gesundheit wird in der Kindheit und Jugend gelegt. Es geht darum, wie gut ein Kind in seinen emotionalen Bedürfnissen gesehen und befriedigt wird – im Kontakt mit seinen Bezugspersonen. Dabei stellen Eltern natürlich eine höchst bedeutsame Basis dar. Darüber hinaus ist aber auch der Kontakt zu anderen Menschen sehr wichtig, zum Beispiel zu anderen Kindern, Betreuungspersonen in Kindertagesstätten und Schulen oder zu Großeltern. Wir alle hoffen, dass Kinder in all diesen Beziehungen gute Erfahrungen machen können – etwa, dass sie sich geliebt und angenommen fühlen, dass sie Spaß haben, Hilfe bekommen und lernen, andere Menschen zu respektieren. Wenn das gelingt, können Kinder psychisch gesünder und widerstandsfähiger aus der Kindheit und Jugend ins Erwachsenenleben eintreten. Werden die kindlichen emotionalen Grundbedürfnisse hingegen nicht ausreichend gesehen und befriedigt, kann es zur Ausprägung sogenannter Lebensfallen kommen, die uns ein Leben lang viel Kraft kosten und unsere Psyche destabilisieren.
„Dein Zuhause kann ein Ort der Sicherheit, Wärme und Geborgenheit sein, ein ‚Nest‘, das Schutz und Bindung bietet. Gleichzeitig ist es die ‚Flügelwerkstatt‘, in der dein Kind die Stärke und das Vertrauen entwickeln kann, eigenständig und kompetent die Welt zu entdecken. Doch wie gelingt der Spagat zwischen Bindung und Freiheit?“ (S. 14)
Ein zentrales Konzept in Ihrem Buch sind die emotionalen Grundbedürfnisse von Kindern. Welche dieser Bedürfnisse werden Ihrer Erfahrung nach im Familienalltag am häufigsten übersehen?
Das lässt sich pauschal nicht beantworten, da es sehr unterschiedlich ist. Manchen Eltern fällt es leichter, eine feinfühlige und warme Bindung mit den Kindern einzugehen, aber das Loslassen und die Autonomieentwicklung bekommen dann oft zu wenig Raum. Bei anderen Familien ist es genau umgekehrt: Die Autonomie und Selbstbehauptung des Kindes werden stark gefördert, aber es fehlt an vertrauensvoller und annehmender Bindung. Besonders häufig sehen wir heute, dass der Alltag von Kindern – neben der Kita oder Schule – sehr straff durchorganisiert ist und es oft wenig Raum für spontane Freizeitgestaltung und Muße gibt. Vielen Kindern würde sicher mehr Zeit in der Natur und für soziale Kontakte fernab der sozialen Medien gut tun.

Im Kapitel „Schatten der Vergangenheit“ beschreiben Sie die sogenannten Lebensfallen. Wie können Eltern erkennen, wann sie selbst in eine solche Falle geraten – und was ist der erste Schritt, um aus ihr auszusteigen?
Ein guter Indikator für eine aktivierte Lebensfalle ist, wenn ich in Situationen, etwa mit meinem Kind, sehr in Stress gerate, starke unangenehme Gefühle wie Wut, Angst oder Traurigkeit empfinde oder auch unangemessen stark reagiere, zum Beispiel laut werde, schimpfe oder mich überwältigt zurückziehe. Der erste Schritt ist, überhaupt Lebensfallen-Kenntnis zu haben und Achtsamkeit zu üben, also die eigenen Themen zu kennen und ein Gespür dafür zu entwickeln, wann eine Lebensfalle aufspringt. Dann gilt es, innerlich einen großen Schritt zurückzutreten und kleine Tricks anzuwenden, um in den Gesunden-Erwachsenen-Modus zu wechseln. Bei all diesen Schritten hilft „Die Flügelwerkstatt“ weiter. Denn wir beschreiben darin, unter welchen Umständen in unserer eigenen Kindheit solche Lebensfallen entstehen können, bieten praktische Hilfen, wie wir mit diesen Themen umgehen können, damit wir entlastet von unseren eigenen Verletzungen auf die Bedürfnisse unserer Kinder eingehen können.
Sie stellen den positiven Lebensmustern als Gegenpol zu den Lebensfallen viel Raum zur Verfügung. Welche dieser positiven Muster sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig, damit Kinder Resilienz entwickeln können?
Inhaltlich sind alle positiven Lebensmuster bedeutsam. Als Eltern gilt es, sich innerhalb dieser Muster zu orientieren und zu überlegen, wo ich das Zusammensein mit meinem Kind noch in eine positive Richtung weiterentwickeln möchte. Daher haben wir die Muster im Buch kurz erklärt, und die Leser*innen können sich in einer Übersichtstabelle orientieren. Aus der Perspektive der Grundbedürfnisse sind für Kinder die „Nestwärme“ (Bindung) und die „Flügel“ (Autonomie) gleichbedeutend, denn beide tragen zur Resilienz bei.
Auch die Selbstfürsorge von Eltern ist ein zentrales Thema in Ihrem Buch. Warum ist es so entscheidend, dass Mütter und Väter gut für sich selbst sorgen – und wie wirkt sich das unmittelbar auf die Kinder aus?
Da gibt es einen schönen Spruch: „Nur aus einer vollen Kanne kann ich anderen einschenken.“ Bezugspersonen von Kindern sind im Alltag vielen Herausforderungen ausgesetzt, und die eigenen Bedürfnisse kommen dabei oft zu kurz. Nach sich selbst zu schauen, also den Kraftakku regelmäßig aufzuladen, führt dazu, dass ich besser für mein Kind und dessen Bedürfnisse da sein kann. Gleichzeitig gebe ich meinem Kind damit ein gutes Modell zur Selbstfürsorge, das es übernehmen kann. Das ist also in doppeltem Sinn hilfreich. In der Flügelwerkstatt haben wir diesem Thema daher ein eigenes Kapitel gewidmet – mit Selbstreflexionsfragen, Übungen und Anregungen, wie Eltern in ihre Kraft kommen und dort bleiben können.
Viele Eltern fühlen sich unter Druck, alles „richtig“ machen zu müssen. Welche ermutigende Botschaft möchten Sie ihnen mit „Die Flügelwerkstatt“ mitgeben, um diesen Perfektionismus zu durchbrechen? Clear Example
Das stimmt, viele Eltern leiden unter dem eigenen Perfektionismus (auch das ist eine Lebensfalle), der zudem gesellschaftlich und medial verstärkt wird. Wir wissen heute – auch aus der Forschung –, dass es für Kinder gar nicht nötig und noch nicht mal hilfreich ist, möglichst perfekt zu sein. Wir dürfen Fehler machen, und das ist auch völlig in Ordnung. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen und wie die Qualität der Beziehung zu unseren Kindern insgesamt ist. Unsere Botschaft ist: Sei du selbst, mit allen Ecken und Kanten! Und wenn dir manche Ecken oder Kanten an dir nicht gefallen oder dich in der harmonischen Beziehung zu deinem Kind behindern, kannst du dich an dieser Stelle weiterentwickeln. Dabei wird dich „Die Flügelwerkstatt“ unterstützen!